14.09.2012 07:05 Intim und von entwaffnender Leichtigkeit

Musik Jazz: Die schwedische Jazz Sängerin Jessica Pilnäs präsentiert ihre persönliche Hommage an Jazzlegende Peggy Lee

© ACT / Matthias Edwall

Von: ACT Music & Vision - 4 Bilder

Songs wie „Fever“ kennen die meisten; die Sängerin dahinter aber - zumindest in Europa - nur noch wenige: „Selbst in meinem Freundes- und Kollegenkreis konnten viele nichts mehr mit dem Namen Peggy Lee anfangen“, erzählt die schwedische Sängerin Jessica Pilnäs, „obwohl sie doch nicht nur eine einzigartige und wegweisende, über 40 Jahre lang erfolgreiche Interpretin, sondern eine der ersten Singer/Songwriter gewesen ist, die viele ihrer Songs und Texte selbst geschrieben hat.“

In Amerika zählt Peggy Lee (1920 - 2002) zu den ganz großen Sängerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie steht damit in einer Reihe mit Ella Fitzgerald, Billie Holiday und Sarah Vaughan, geht aber noch darüber hinaus: Denn Lee war nicht nur im Jazz-Bizz zu Hause (Benny Goodman entdeckte die damals Zwanzigjährige), sondern erreichte ein Publikum fern aller Genregrenzen: Lee ist die einzige Sängerin, die es in den USA schaffte sowohl in den 1940er, -50er und -60er Jahren jeweils Top Ten-Hits zu haben, sie spielte in zahlreichen Kinofilmen mit (u.a. dem ersten Tonfilm "The Jazz Singer"), erhielt sogar eine Oscar-Nominierung und gastierte am Broadway. Es ist die Geschichte vom amerikanische Traum, die Peggy Lee gelebt hat, von einem mittellosen jungen Mädchen, das in Bars singend kellnerte bis hin zu einer der schillerndsten Persönlichkeiten des amerikanischen Musiklebens.

Als Labelchef Siggi Loch Jessica Pilnäs vorschlug, eine Hommage an Peggy Lee zu machen, war die Sängerin sofort begeistert. Schon alleine deswegen, weil Pilnäs auf ihre Weise ebenso kompromisslos zu ihren musikalischen Vorlieben steht wie einst Peggy Lee: Mehrfach hat Pilnäs den Versuchungen einer schnellen und oberflächigen Pop-Karriere widerstanden. Noch im Jahr 2000 hätte sie im Schlepptau ihres ersten Pop-Albums, das sich alleine in Japan über 50 000 Mal verkaufte, Karriere machen können – unter dem Pseudonym „Isa“ als fremdbestimmtes, Playback-singendes Vehikel der Plattenfirma. Doch dafür liebte Pilnäs die Musik und vor allem den Jazz zu sehr. Statt ein Popsternchen zu werden, studierte sie erstmal Medizin, blieb der Musik aber immer treu. Schwedische Jazz-Größen wie Nils Landgren und ihr jetziger Ehemann Johan Norberg förderten Pilnäs Gesangskarriere. Sie wurde u.a. Teil von Landgrens "Christmas With My friends"-Ensemble und vor zwei Jahren ergab sich dann die richtige Gelegenheit als Solokünstlerin ins Rampenlicht zu treten: mit der Veröffentlichung ihres Debüts „Bitter And Sweet“ bei ACT. Erstmals konnte sich Pilnäs eine Band ihrer Wahl aussuchen, für die Musik, die sich gewissermaßen über die Jahre aufgestaut hatte. Dem Querschnitt-Programm folgt nun fast folgerichtig das Konzeptalbum, mit dem sich Jessica Pinäs vor Peggy Lee verbeugt.

Hört man nun „Norma Dolores Egstrom – A Tribute to Peggy Lee“, kann man sich tatsächlich kaum eine idealere Sängerin für dieses Projekt vorstellen. Pilnäs ist wie Peggy Lee keine Gesangsartistin, die Stärke und Besonderheit von beiden ist die Nuance, das Detail. Feinste rhythmische Verschiebungen, ein radikales gesangliches Understatement bis hin zum Sprechgesang, die Fähigkeit, mit minimalem Rubato, Vibrato oder Decrescendo mehr auszudrücken als andere mit Lautstärke, das zeichnet beide aus. („What’s New“ oder „Blue Prelude“).

Und wie Peggy Lee vermag auch Pilnäs, mit minimalen Mitteln und entwaffnender Leichtigkeit in die verschiedensten Rollen zu schlüpfen: In die der Romantikerin („There’ll Be Another Spring“ oder „This Is A Very Special Day), des verruchten Vamps („Do I Love You“ oder „Gonna Go Fishin‘) oder der vom Blues Gebeutelten („What’s New“ oder „Blue Prelude“).

Mit Charlie Chaplins herzergreifenden Stück „Smile“ aus dem berühmten Film „Modern Times“ verbindet Pilnäs eine besondere Geschichte: „Ich war als ganz junge, unerfahrene Ärztin in einer psychiatrischen Klinik in Stockholm. Dort hatten wir eine Patientin, eine depressive, sich mit dem Leben nicht mehr zurecht findende alte Frau, von der wir alle trotzdem inständig hofften, dass sie es schaffen würde, weil sie bald erstmals Großmutter wurde. Tatsächlich konnten wir sie kurz vor der Geburt entlassen. Drei Tage später kam sie aber von selbst zurück. Sie bekam ihr Leben außerhalb des Krankenhauses nicht mehr in den Griff und war darüber so verzweifelt, dass sie nur noch schreien konnte. Nichts half, und als ich einmal plötzlich alleine mit ihr im Raum war, fing ich einfach zu singen an. Es war ,Smile‘, und zur Verblüffung aller verstummte die Frau und sagte hinterher: ,Danke Frau Pilnäs, dass Sie für mich gesungen haben.“ Eine unvergessliches Beispiel für die Kraft der Musik, das in der extrem langsamen, schwebenden Version des Albums hörbar nachwirkt.

Dem Understatement des Gesangs entsprechen beim „Tribute to Peggy Lee“ auch die Arrangements. „Wir haben bewusst auf Schlagzeug verzichtet“, berichtet Pilnäs. Ganz im Dienste der Melodien und ihres Flows stehen stattdessen Karl Olanderssons wundervoll schwebende Trompete, meist mit lyrischen Bögen, aber bei Bedarf auch schwer oder mit Bebop-Girlanden. Auch das grandiose Vibraphon von Mattias Stahl beeindruckt: Eine mit derselben Variabilität ausgestattete und auf die Macht des Minimalismus vertrauende zweite Stimme. Bestes Beispiel ist seine fast parodistische, ganz reduzierte Begleitung auf dem Klassiker „Fever“, die wie Pilnäs‘ Gesang perfekt den Witz und die Ironie einfängt, welche Peggy Lee auch auszeichneten. Bei vier Stücken, besonders bei "Smile" und "It Never Entered My Mind", ist das schwedische FleshQuartet mit unverkennbaren und originellen Streicherarrangements zu hören, um den Songs den Weg in eine weitere klangliche wie emotionale Dimension zu weisen.

Es spielt in der Karriere von Peggy Lee keine nachweisbare Rolle, dass ihre Vorfahren - wie man an ihrem bürgerlichen Namen Norma Deloris Egstrom sieht - aus Schweden stammten. Erst ein Clubbesitzer, so heißt es, taufte sie später auf den für das amerikanische Showbusiness treffenderen Namen Peggy Lee. Ebenso scheint es keinen sichtbaren Zusammenhang zu geben, dass der schwedische Jazz seinen seit zwei Jahrzehnten währenden Siegeszug mit exakt der harmonischen Verschmelzung von Jazz und Pop angetreten hat, für den Peggy Lee Zeit ihres Lebens stand. Genauso zufällig kam Jessica Pilnäs nun scheinbar zu ihrer Hommage, mit der sie zum Wiederentdecken einer zu Unrecht fast Vergessenen einladen will. Doch wer will in der Kunst schon an Zufälle glauben?

 

 

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