05.04.2015 08:30 Ein Titan der Miniatur

Musik: Claire Huangci offenbart auf ihrem Album Scarlattis Vielschichtigkeit seiner Werke

Claire Huangci veroeffentlicht neues Album mit Sonaten von Domenico Scarlatti

Nach Sichtung aller Sonaten entstand das Konzept zweier ganz unterschiedlicher CDs von Claire Huangci. Foto: Album "Domenico Scarlatti Piano Sonatas" © Edel

Von: GFDK - Hasko Witte

Auf die Frage, welche Musik sie auf ihrem zweiten Soloalbum gern spielen möchte, antwortete sie unerwartet wie spontan: "Scarlatti!". Und das, obwohl Claire Huangci als herausragende Interpretin hochvirtuoser Musik gilt.

Aber schon an ihrer Debüt-CD mit vertrackten russischen Ballett-Transkriptionen fiel Ingo Harden im Fono Forum folgendes auf: "Über die scheinbar mühelose und klangschöne Realisierung hinaus spielt sie ihr Programm mit einer überraschend breiten Skala der Anschlagsnuancierungen. Auch ein mit allen Wassern gewaschener Maestro kann wohl kaum fantasievoller und farbiger 'Orchester auf dem Klavier' spielen."

Um solche Nuancen geht es auch und vor allem bei Scarlattis Sonaten. Jedes einzelne Stück braucht seinen Atem und eigene Farben, um lebendig zu werden. Dann eröffnet sich plötzlich ein ganzer Kosmos an Experimentierlust, die der Komponist in seinen 555 Sonaten ausleben konnte. Nur für sich und seine Schülerin, die portugiesische Infantin Maria Barbara, geschrieben, enthalten sie alles, was es an barocken und klassischen Idiomen in dieser Zeit gab – Anklänge an spezielle Gitarrentechniken inklusive. Die Selbstverständlichkeit, mit der hier mit all diesen Elementen gespielt wird, läßt dem Hörer den Mund mitunter offen stehen.

Wir lieben Musik… weil sie uns glücklich macht

Doch wie dieser schieren Menge an Musik Herr werden und eine sinnvolle Struktur in die Auswahl bringen? Die junge Pianistin schreibt dazu im Geleitwort: "Von solchen Überlegungen ausgehend, stellte ich mir die Frage, ob es möglich wäre, einzelne Sonaten wie Sätze zu gruppieren und daraus größere musikalische Formen entstehen zu lassen. Mehr noch, was, wenn ich die Stücke so präsentieren könnte, dass das Publikum die Brücke, die Scarlatti vom Barock zur Klassik schlug, deutlich erkennen würde? So beschloss ich, aus seinen Cembalosonaten barocke Suiten und klassische Sonaten zu machen, entsprechend den für die jeweilige Periode geltenden Formen."

Nach Sichtung aller Sonaten entstand schließlich das Konzept zweier ganz unterschiedlicher CDs: "Jede Suite auf der ersten CD entspricht der Suitensatzform mit einer Ouvertüre (Präludium oder Toccata) zur Eröffnung und der üblichen Abfolge von Allemande, Courante, Sarabande und Gigue, dazu Intermezzi aus Bourrées, Passepieds, Gavotten oder Menuetten. Auf CD 2 kommen andere Kriterien zur Geltung. Neben dem tonalen Zusammenhang war es mir wichtig, die klassische Seite Scarlattis zu zeigen, nämlich was Ausdruck, harmonische Modulation und vor allem die kompositorische Struktur (Exposition, Durchführung, Reprise) anbelangt."

Es sollen damit natürlich keine Werke rekonstruiert werden, die es so ganz sicher nie gab. Der Hörer soll aber einen Eindruck gewinnen, wie die Sätze miteinander in Beziehung treten, wenn sie nicht isoliert gehört werden. So entstehen plötzlich sinnvolle Bögen, wo sonst eine eher unübersichtliche Abfolge etlicher Einzelstücke stand. Zudem wird die Vielseitigkeit Scarlattis demonstriert: Ein Titan der Miniatur, der souverän zwischen den Epochen seine eigene Musik erfand.

DOMENICO SCARLATTI (1685-1757)
Piano Sonatas
CLAIRE HUANGCI, Klavier (Yamaha CFX)


Hasko Witte
Edel:Kultur
hasko.witte@edel.com

Weiterführende Links:
www.clairehuangci.com