23.12.2014 08:15 Klick-Konstellation

Jürgen Friedrich "Reboot": Befreiter Jazz, der sich dem Pop ebenso öffnet wie der zeitgenössischen Klassik

Juergen Friedrichs neues Jazz-Album Reboot

Jürgen Friedrich ist ein Pianist und Komponist, der sein Instrument von innen heraus begreif. Album "Reboot" © Edel

Von: GFDK - Uwe Kerkau

Im Jazz gibt es Momente, in denen es klick macht. Diese Momente sind selten, kostbar und kaum in Worte zu fassen. Das neue Trio des profilierten Kölner Pianisten Jürgen Friedrich mit David Helm am Bass und Fabian Arends am Schlagzeug ist das Resultat eines solchen Klick-Moments. "Wir haben uns in meinem Proberaum auf einem alten Bahngelände getroffen, um zu spielen und neue Ideen zu probieren. Und dann hat es klick gemacht", erzählt Friedrich.

Jürgen Friedrich ist ein Pianist und Komponist, der sein Instrument von innen heraus begreift. Er denkt sich tief in das wuchtige Klangmöbel hinein, nimmt ihm seine Schwere und verwandelt jeden Anschlag in eine transparente Idee. Sein Respekt vor der Jazzgeschichte zeigt sich beim Spiel in der Liebe zum Ton. Diese Gabe konnte er bislang in verschiedenen größeren und kleineren Besetzungen umsetzen, allen voran sein langjähriges Trio mit Bassist John Hébert und Drummer Tony Moreno, mit dem er eine ganze Reihe von CDs verwirklicht hat, oder sein Quartett mit Jazzlegende Kenny Wheeler. Doch den Pianisten verlangte es nach neuen Erfahrungen.

Charakteristisch für die Musik dieses symbiotischen Piano-Trios sind kammermusikalische Intimität, improvisatorische Risikofreude und ein stark ausgeprägtes Interesse daran, Klischees und Konventionen hinter sich zu lassen. Sieht man von Kenny Wheelers "Three for D`reen" ab, funktionieren alle Stücke nach Regeln, die sich nicht so schnell durchschauen lassen. Für Friedrich war der kürzlich verstorbene Wheeler nicht nur eine wichtige Inspirationsquelle, er hat auch sein erstes Album mit dem britischen Jazz-Master aufgenommen, der von sich selbst sagte, er pendle zwischen Melancholie und Chaos (Friedrich studierte in Köln beim Wheeler-Intimus John Taylor). Inzwischen haben sich die musikalischen Hauptinteressen Friedrichs verlagert, wovon nicht zuletzt die faszinierenden Versionen eines Klavierstücks von Arnold Schönberg und einer Invention von Witold Lutoslawksi zeugen. Was für diese Stücke gilt, gilt auch für den Rest des Albums: Durch den Verzicht auf eine Standard-Methode hat man für jedes Stück eine passende Spielweise entwickelt - Im Zeitalter des Konzeptionalismus, haben sie bewusst auf starre Konzepte verzichtet und die Musik einfach auf sich zukommen lassen.

Wir lieben Musik... weil sie uns glücklich macht

Friedrich umreisst das Credo dieser Gruppe folgendermassen: "Minimale Absprachen, maximales Risiko." Dadurch entsteht ein suchender, forschender Gestus, der vom Publikum viel Aufmerksamkeit verlangt. Diese Aufmerksamkeit wird mit vielen Aha- und Oho-Momenten belohnt. Nochmals Friedrich: "Wir sind keine 80%-Band mit einem Sicherheitsnetz." Mit anderen Worten: Wenn man viel wagt, kann nicht alles gelingen - dafür stösst man in besonders gelungenen Momenten in Bereiche vor, die einem normalerweise verschlossen bleiben.

Es ist kein Free Jazz im klassischen Sinne, sondern ein von Erwartungen befreiter Jazz, der sich dem Pop ebenso öffnet wie der zeitgenössischen Klassik. Es geht dabei nicht um Virtuosität oder Perfektion. Die drei Kölner machen ein Angebot, der Ton selbst entfaltet sich im Kopf des Hörers und geht eine Symbiose mit dessen Imagination ein. Von den Stücken wurden jeweils verschiedene Takes eingespielt, die je nach Impuls ganz unterschiedliche Reaktionsweisen und kommunikative Kanäle freisetzten. Dass die Musik dennoch zu keinem Zeitpunkt beliebig oder orientierungslos klingt, liegt an der leidenschaftlichen Konzentration auf den einzelnen Ton und das gemeinsame Spiel. „Gerade wenn man keine festen Absprachen hat“, so Friedrich, „muss man sehr aufpassen.“

Anders als in anderen zeitgenössischen Klaviertrios, die meist auf den Proporz der spielerischen Anteile aller Beteiligten setzen, kann sich die Musik auf „Reboot" leichtfüßig ums Klavier gruppieren. Bass und Schlagzeug beziehen sich stetig auf den Pianoklang, ohne auf funktionale Dienstleistungen reduziert zu werden. Es ist einfach so, wie es ist, denn jedem Impuls liegt eine bewusste kreative Entscheidung zugrunde, die nur eine von unzähligen im selben Kontext denkbaren Entscheidungen ist. Die daraus resultierende unbeschreibliche Leichtigkeit des Klangs erstreckt sich vom ersten bis zum letzten Ton. Auftrieb erhält der Gleitflug dieser drei musikalischen Freigeister durch das hohe Maß an Vertrauen, dass sie sich entgegen bringen. So können sie maximales Risiko eingehen, ohne je befürchten zu müssen abzustürzen.

Tatsächlich interagieren die drei Musikermit einer Empathie, die an Telepathie grenzt. Reboot ist ein glücklicher Augenblick für den europäischen Piano-Jazz. Diese CD setzt beim Hörer kein Jazz-GPS voraus, diese Musik ist da und erlaubt dem Hörer, in ihr zu sein. Einfach so. Nicht mehr und nicht weniger.

Nennen wir es einfach: Klick-Konstellation.

 

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