12.06.2014 08:45 ein harmonisches Gefüge

Debütalbum "Listen To A Stranger" der Jazzsängerin Karen Vrijburg - tiefgründig, erstklassig, unbekannt

Karen Vrijburg veroeffentlicht ihr Album Listen To A Stranger

„Frische Musik mit einer gewissen Komplexität und einem emotionalen Kern“, beschreibt Vrijburg die Stücke auf Listen to a Stranger. Foto: Album "Listen To A Stranger" © Berthold Records / Ja Kla! / harmonia mundi

Karen Vrijburg hat eine wandlungsfaehige Stimme

© Keke Keukelaar

Von: GFDK - Uwe Kerkau Promotion

Dieser Albumtitel ist wörtlich zu nehmen. Denn bislang war Karen Vrijburg allenfalls Insidern bekannt. Das dürfte sich mit ihrem Debut-Album Listen to a Stranger ändern. Darauf lädt die niederländische Jazz-Sängerin und Komponistin ihre Hörer zu einer musikalischen Abenteuer-Reise ein. Wer die Einladung annimmt, kann viel entdecken: eine eingängige, wandlungsfähige Stimme, tiefgründige Texte und erstklassige Arrangements, die die Reise wie im Flug vergehen lassen…

Manch gutes Ding braucht eben Weile. Und so begann „Listen to a Stranger“ mit einer Deadline. „Ich hatte in den vergangenen Jahren einige Songs geschrieben, aber stets gezögert, sie zu veröffentlichen“, erinnert sich Vrijburg. „Bis ich sie dem Pianisten Dirk Balthaus zeigte. Von diesem Moment an ging alles ganz schnell – und mein Projekt bekam neue, größere Dimensionen.“

Denn eigentlich hatte Vrijburg an Aufnahmen in kleiner Besetzung gedacht. Doch Dirk Balthaus – ein in der internationalen Jazz-Szene hoch angesehner Pianist und Arrangeur – sah größeres Potenzial in den Kompositionen der Niederländerin schlummern. Nachdem er sie bestärkt hatte, weitere Stücke zu schreiben, griff er selbst zu Stift und Notenpapier und steuerte fünf Streicher-Arrangements zu den Kompositionen bei. Und plötzlich gab es kein Zurück mehr. Den Stücken auf Papier sollte– so bald wie möglich – im Studio Leben eingehaucht werden.

Am Ende standen elf Songs: sieben aus der Feder Vrijburgs und vier Standards, die jedoch  völlig anders klingen als im Original. Dazu tragen die Mitglieder von Zapp4 wesentlich bei. Die Mitglieder des niederländischen Streich-Quartetts verstehen es meisterhaft, Groove, Improvisation und Fantasie mit leidenschaftlichen Soli zu verbinden. Als weitere Gäste stießen der italienische Bassist Marco Zenini, der argentinische Saxofonist Natalio Sued und der niederländische Schlagzeuger Etienne Nillesen zu den Aufnahmen hinzu.

Schlichtweg eine Traumbesetzung für ein ungewöhnliches Album. „Frische Musik mit einer gewissen Komplexität und einem emotionalen Kern“, beschreibt Vrijburg die Stücke auf Listen to a Stranger. Mit Emotionen und Gefühlen kennt sich die studierte Psychologin bestens aus – ebenso wie mit der Funktion von Sprache. „Beware the careless, slippery nature of words“, warnt sie im Opener „All Was New“ vor dem allzu sorglosen Umgang mit Worten. „Ein Appell, der vor allem an unsere Politiker geht, die mit ihren wachsweichen Formulierungen bei den Wählern oft falsche Erwartungen wecken“, erklärt Vrijburg. Und so ähnlich sei es in der Liebe auch. Auch dort komme es letztendlich nicht auf Worte, sondern auf Taten an.

Wir lieben Musik... weil sie uns glücklich macht

Auch in den anderen Stücken geht es um tiefe Gefühle. Um die schönen Seiten des Lebens wie in You, das mit seinem durchgängigen, beschwingten Drumbeat nicht nur Verliebte zum Tanzen animieren dürfte. Aber auch um die zahlreichen Herausforderungen und Prüfungen, die das Leben bereit hält.

„When She Goes“ hat Vrijburg aus der Perspektive einer dreifachen Mutter geschrieben. Ihre 18-jährige Tochter ist vor kurzem flügge geworden. „Eigentlich die normalste Sache der Welt und für viele Eltern doch eine enorme Umstellung, weil es ihnen schwer fällt, los zu lassen.“, beschreibt Vrijburg ihre Gefühle, die sie selbst erlebt und in Musik umgesetzt hat. Nach einem melancholischen Streicher-Intro wechselt das Metrum zwischen 5/4 und 3/4-Takt. Dieser ständige Wechsel und die verschobenen Akzente symbolisieren den Kampf eines jungen Vogels, der gerade das Nest verlassen hat. Zuerst ist sein Flug noch unsicher, doch mit der Zeit werden seine Bewegungen runder und sicherer, bis er schließlich – fast tanzend – immer höher und eleganter in den Himmel steigt.

Auch in „Rhythm and Rhyme“ lässt Vrijburg den musikalischen Aufbau mit der Dramaturgie der erzählten Geschichte korrespondieren. Zwei charakterlich unterschiedliche Menschen fühlen sich zunächst stark voneinander angezogen. Doch in dem Maße, wie die Protagonisten feststellen, dass ihre Liebe doch keine Zukunft hat, ändert sich der Charakter der Komposition. Von einer zärtlichen Ballade hin zu einem langsamen Tanz, der jeden Moment aus dem harmonischen Gefüge auszubrechen droht.

Nachdem sich Karen Vrijburg mit der Veröffentlichung des Albums einen lang gehegten Wunsch erfüllt hat, brennt sie nun darauf, das Material vor Publikum zu präsentieren. Denn live kann sie ihre große Stärke – das Improvisieren mit ihrer Stimme – noch besser ausspielen als in der vergleichsweise eingeengten Studio-Situation. Sie kann auf jahrelange Erfahrung in einem Jazz-Trio zurückblicken, in dem sie einen eigenen Stil entwickelt hat. „Wann immer möglich, löse ich mich vom Original und singe frei“, erklärt sie. So wie einst die Jazz-Diva Abbey Lincoln, an deren warme Altstimme sich viele Hörer erinnert fühlen, wenn Karen Vrijburg zum Mikrofon greift.

 

 

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