05.06.2014 08:45 unverwechselbar, vielschichtig

Auf "Petite Fleur" bringt Christof Lauer die Musik von Sidney Bechet im Bigband-Gewand zum Strahlen

Christof Lauer veroeffentlicht sein neues Album Petite Fleur

„Es würde keinen Sinn ergeben, Bechet zu kopieren“, erläutert Lauer. „Es geht ja darum, wie sich das in die eigene Welt fügt, welche Energie daraus entsteht." Foto: Album "Petite Fleur" © ACT

Christof Lauer ist ein begabter Jazzmusiker

© ACT / Norbert Guthier

Von: GFDK - ACT

Nur noch die wenigsten jungen Jazzer und Jazzfans kennen Sidney Bechet, einen der Gründerväter des Jazz. Ein unerreichter Stilist des Sopransaxofons, der mit seinen französisch-kreolisch inspirierten Kompositionen die Stiloffenheit im Jazz vorwegnahm.

Vor über zehn Jahren fragte ACT-Inhaber Siggi Loch, dessen Jazzleidenschaft im Alter von 15 Jahren durch ein Bechet-Konzertbesuch ausgelöst wurde, Christof Lauer, ob er sich vorstellen könne, ein Projekt zu realisieren, das den 1897 in New Orleans geborenen Jazz-Pionier in den Mittelpunkt stellt. Loch versprach sich eine neue Sicht auf das frühe Genie von einem, der, vom Free Jazz kommend, aus der Beschäftigung mit Albert Ayler und Stan Getz und der Zusammenarbeit mit der Frankfurter Schule um Albert Mangelsdorff und Heinz Sauer, sowie mit amerikanischen Jazzern und der französischen Avantgarde um Michel Godard und Marc Ducret seine unverwechselbar eigene Klangsprache entwickelt hat.

Allerdings hatte der laut Volker Kriegel „beste Saxofonist, den wir in Europa haben“ nach eigener Erinnerung „zu der Zeit ganz andere Sachen im Kopf“. Der Keim aber war gesät, um nach einiger Zeit zu reifen. Wie es bei Lauer meist gründlicher Überlegung bedarf: Zum Beispiel veröffentlichte er auch erst 1990, mit 37 Jahren, sein schlicht mit seinem Namen betiteltes Debütalbum. Das aber bekam auf Anhieb den Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik, was ihm neun Jahre später mit seinem ACT-Debüt „Fragile Network“ erneut gelang. Auch mit Bigband-Musik hatte Lauer nach eigenem Bekunden lange Zeit wenig am Hut, bis er 1993 Mitglied der NDR Bigband wurde, der er bis heute angehört. Der damalige Leiter Dieter Glawischnig, in den Siebzigern Lauers Lehrer in Graz, hatte ihn überzeugt, auch damit, dass sich das Orchester damals zur Solistenband wandelte.

Auf ähnliche Weise hatte sich in jüngster Zeit die Zusammenarbeit mit Rainer Tempel intensiviert, einem von Deutschlands führenden Bigband-Arrangeuren und -Komponisten, der nicht zuletzt auch für die NDR Bigband arbeitet. Mit ihm kam Lauer wieder auf Sidney Bechet zu sprechen, „und ich habe mich mit Siggi Lochs Idee als Bigband-Projekt angefreundet, weil Rainer weiß, wie ich spiele und wie man das umsetzen kann. Und weil er sich immer richtig reinkniet.“

Wir lieben Musik... weil sie uns glücklich macht

Was man dem in vier Tagen aufgenommenen Album „Petite Fleur“ anhört. Unverkennbare Bechet Klassiker erscheinen durch Lauers unverwechselbaren Ton und die vielschichtigen Arrangements in völlig neuem Licht. Was mit dem Sopransaxofon anfängt. Denn auch wenn die Meisten Lauer als Tenoristen kennen: „Im HR Jazzensemble habe ich unglaublich viel Sopran gespielt und mich intensiv damit beschäftigt“, berichtet er. Das typische Vibrato Sidney Bechets wird hier also ersetzt durch Lauers intensiven und expressiven Ton, der lange Linien ebenso wie frei um sich kreisende Girlanden ziehen kann. „Es würde keinen Sinn ergeben, Bechet zu kopieren“, erläutert Lauer. „Es geht ja darum, wie sich das in die eigene Welt fügt, welche Energie daraus entsteht."

Und so lebt der Klangkosmos Bechets neu auf, bauen Lauer, Tempel und die NDR Bigband die in den eingängigen und emotionalen Stücken sozusagen zwischen den Zeilen angelegten Kontraste intelligent und tiefsinnig aus. Bei Standards, denen Bechet seine Handschrift verlieh, wie Harry Barris „Wrap Your Troubles In Dreams“ und auch „On The Sunny Side Of The Street“; vor allem aber bei den berühmten eigenen Songs aus der Pariser Zeit, vom Titel-gebenden „Petite Fleur“ über  „Les Oignons“ bis zum magrebhinisch gefärbten „Casbah - Song of the Medina“. Schon zum Einstieg zeigt sich Tempels Meisterschaft, indem er die NDR Bigband in den Straßen Antibes' - „Dans Les Rues D'Antibes“ -, auf die verschiedensten Seitenpfade abzweigen lässt, um sie kunstvoll und durch Lauers Saxofon wieder einzufangen. Und „Si Tu Vois Ma Mere“ ist auch für Lauer der beste Beweis „für die unglaubliche Kraft dieser fast in Vergessenheit geratenen Stücke. Das sind richtige Ohrwürmer und dennoch kunstvoll.“

„Wir hatten viel mehr Titel ausprobiert als auf die CD passen“, berichtet Lauer. Ein eher unerwarteter, Fats Wallers „Honeysuckle Rose“, findet sich dennoch auf dem Album und das hat eine besondere Bewandtnis: „In meinen Anfängen sollte ich das in einem von einem klassischen Professor geleiteten Oldtime-Ensemble spielen. Ich kam zur Probe, spielte es, wie ich es mir einstudiert hatte, erntete missbilligende Blicke und kam kein zweites Mal wieder. Das hat gar nicht funktioniert. Jetzt wollte ich das unbedingt auf meine Art nachholen.“ So ist „Petite Fleur“ der beste Beweis, wie lohnend es immer wieder ist, sich die Tradition wie die eigene Biographie neu zu erobern.

Besetzung

Christof Lauer / soprano & tenor saxophone
Hubert Nuss / piano
Patrice Héral / drums
NDR Bigband conducted by Rainer Tempel

 

 

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