10.11.2013 09:06 Phänomen Zeit und Musik

Musikfestival cresc… 2013 - Biennale für Moderne Musik Frankfurt Rhein Main vom 21. bis 24. November 2013

Biennale fuer moderne musik ensemble modern

Veranstalter von cresc… sind das Ensemble Modern und das hr-Sinfonieorchester, Bild: Ensemble Modern (c) Manu Theobald

Biennale fuer moderne musik gebrueder teichmann

Gebrüder Teichmann (c) Agentur

Biennale fuer moderne musik hr bigband

hr-Bigband (c) Dirk Ostermeier

Von: GFDK - Silvia Steup

Was ist Zeit? Wie lange dauert die Gegenwart? Das Phänomen »Zeit« hat den Komponisten Bernd Alois Zimmermann (1918–1970) ein Leben lang beschäftigt. Seine Idee der Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist in all seinen Werken erlebbar und hat auch die Komponistengenerationen nach ihm in ihrem musikalischen Schaffen beeinflusst. Eine Begegnung mit dem Thema »Musik und Zeit« und dem Werk Bernd Alois Zimmermanns ermöglicht das viertägige internationale Musikfestival cresc…2013 – Biennale für Moderne Musik Frankfurt Rhein Main vom 21. bis 24. November 2013. In seiner zweiten Auflage wird das Festival nicht nur von drei auf vier Tage erweitert, auch kommen neben neuen Konzertformaten als neue Kooperationspartner und Spielstätten das Staatstheater Darmstadt und die Alte Oper Frankfurt hinzu.

Musikfestival: Zwei Hauptwerke Bernd Alois Zimmermanns
Zimmermanns Musik ist ein Amalgam, die Collage ein herausragendes Stilmittel. Unterschiedlichste Zeitstränge werden verwoben. Gebrauchsmusik, Jazz, serielle Musik, komplexe Formen finden sich bei Zimmermann in einem großen Ganzen. Zwei Hauptwerke des Komponisten bilden den Rahmen des cresc…-Festivals. Im Eröffnungskonzert präsentiert das Ensemble Modern ›Musique pour les soupers du Roi Ubu‹. Die groteske Figur des Königs Ubu, von Surrealisten und Dadaisten einst zur Kultfigur erhoben, bildet den Ausgangspunkt für die kompositorische Überlagerung verschiedenster Zitate von der Musik des Mittelalters bis hin zu Jazz und Popsongs.

Im Geiste dieser Innovationskraft präsentiert das Ensemble Modern an der Seite des ›Roi Ubu‹ drei Uraufführungen von Beat Furrer, Arnulf Herrmann und Vito Žuraj. Žurajs Werktitel ›Übürall‹ bringt bereits die Allgegenwart der absurden Gestalt des Roi Ubu zum Ausdruck.
Im Abschlusskonzert realisiert das hr-Sinfonieorchester mit hr-Bigband, Solisten, Sprecher und drei Chören das monumentale ›Requiem für einen jungen Dichter‹, ein wahrer Fundus an Gefühlen und Reflexionen. Erinnerungsfetzen tauchen empor, vergessen geglaubte Einflüsse auf das eigene Werk, auf das gesellschaftliche Leben treten hervor. Düsenjäger-Geheul und Textfragmente Mao Zedongs gehören genauso dazu wie musikalische Zitate aus ›Hey Jude‹ oder dem Free Jazz. Zimmermanns Vision von der Kugelgestalt der Zeit wird räumlich erfahrbar, auf verschiedenen Ebenen wird zeitlich gebundenes Geschehen gleichzeitig erlebbar. Sein »pluralistisches Kompositionsverfahren«, wie er es nannte, stellt hohe Anforderungen an alle Musiker, vor allem an den Dirigenten Matthias Pintscher, aber auch an den Klangregisseur Norbert Ommer.

Musikfestival: Jazz und Neue Musik – hr-Bigband und Ensemble Modern
»Es gibt Jazzer, die neue Musik machen, und Avantgardisten, die Jazz machen«, stellte Bernd Alois Zimmermann schon 1968 fest. »Exakt diese Annäherung werden die Besucher von cresc…2013 erleben«, sagt hr-Bigband-Manager Olaf Stötzler, »denn Mitglieder der hr-Bigband werden erstmals gemeinsam mit dem Ensemble Modern auf der Bühne stehen und auch zusammen ein völlig neues Projekt entwickeln. Auf diese neuartige, sehr enge Zusammenarbeit freuen wir uns ganz besonders.« Schon bei cresc…2011 war die hr-Bigband mit eigenen Konzerten vertreten. Nun geht sie einen Schritt weiter: Bei »Unlimited« trifft sie schon in der Entwicklungsphase mit dem Ensemble Modern zusammen.

Doch was passiert, wenn zwei Ensembles unterschiedlicher Prägung gemeinsam etwas Neues erschaffen wollen? Die beiden Posaunisten Uwe Dierksen und Christian Jaksjø trafen sich zuerst und merkten, dass die Offenheit gegenüber neuen Konstellationen auf beiden Seiten da war. Eins wurde schnell klar: die Arbeitsform – offen, musikergesteuert und möglichst kollektiv. Es folgte eine freie, von Experimentieren und Improvisieren geprägte Probensituation, die Konstellationen wechselten ständig. Für die Aufführung wird das Konzept eines durchgehenden musikalischen Ablaufs realisiert, in dem sich Kompositionen von vier der beteiligten Musiker wiederfinden werden.

Neue Formate beim Musikfestival: Live-Remix, Konzert-Hörspiel, Tanzperformance
Neben neuen Spielstätten und Festivalpartnern treten auch neue Veranstaltungs-formate hinzu. So bieten die Gebrüder Teichmann im Frankfurter saasfee *Pavillon einen Live-Remix des Eröffnungskonzerts. Mit der Uraufführung des Konzert-Hörspiel ›Die Befristeten‹ mit dem IEMA-Ensemble wird die Situation des Hörspiels, für gewöhnlich nur Resultat einer »unsichtbaren« Studioproduktion, bei cresc…2013 zum Live-Ereignis: Zu Elias Canettis dramatischem Text ›Die Befristeten‹ hat Michael Obst eigens für das IEMA-Ensemble in Anknüpfung an Bernd Alois Zimmermanns Hörspiel-Fassung von 1967 eine abendfüllende Partitur geschrieben. Im Staatstheater Darmstadt ist eine Tanzperformance mit Tänzern der Tanzkompanie ID_Frankfurt zu Zimmermanns ›Présence‹ mit Musikern des Ensemble Modern zu erleben.

Education-Projekte im Rahmen vom Musikfestival cresc…
Ebenfalls neu sind die Education-Projekte von cresc... . 220 Schülerinnen und Schüler entwickeln eine Woche lang im Rahmen des KulturTagJahrs der Altana Kulturstiftung in der Landesmusikakademie Schlitz gemeinsam mit den Musikern des Ensemble Modern, zwei Musikpädagogen, dem Autor Matthias Göritz und dem Schauspieler Michael Benthin vom Schauspiel Frankfurt eigene kompositorische Ideen zum Festivalthema »Musik und Zeit« und speziell zu Zimmermanns ›Roi Ubu‹, dessen »surrealistischer Charakter sich wunderbar eignet, die jungen Menschen anzuregen und zu interessieren«, so der Musikpädagoge Fraser Trainer. Die Ergebnisse der Auseinandersetzung werden in mehreren Abschlussveranstaltungen im Frankfurt LAB präsentiert. Für Kinder veranstaltet die Alte Oper Frankfurt im Rahmen von cresc… das Konzert ›Das verflixte an der Zeit‹.  

Zu Gast beim Musikfestival cresc…
Herausragende Künstler und Ensembles sind zu Gast bei cresc…: das New Yorker Ensemble Alarm Will Sound, das Arditti Quartet mit einem Streichquartett von Morton Feldman, die Gebrüder Teichmann aus Berlin und Christiane Oelze mit einem Liedrezital. Beim Abschlusskonzert mit Zimmermanns ›Requiem‹ unter Leitung von Matthias Pintscher wirken neben dem hr-Sinfonieorchester und der hr-Bigband auch der WDR-Rundfunkchor Köln, der Tschechische Philharmonische Chor Brünn, die EuropaChorAkademie und die Solisten Marisol Montalvo und Leigh Melrose mit. Reinhold Friedrich wird mit Zimmermanns Trompetenkonzert ›Nobody knows de trouble I see‹ zu Gast sein.

Die Träger des Festivals cresc…
Veranstalter von cresc… sind das Ensemble Modern und das hr-Sinfonieorchester in Kooperation mit dem Internationalen Musikinstitut Darmstadt und der Alten Oper Frankfurt und in Zusammenarbeit mit dem Staatstheater Darmstadt, dem Institut für zeitgenössische Musik an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main und der Internationalen Ensemble Modern Akademie. Ermöglicht wird die Biennale durch die Unterstützung des Kulturfonds Frankfurt RheinMain und weitere Projektpartner.
Kurzübersicht:

cresc… Biennale für Moderne Musik Frankfurt Rhein Main
21.–24. November 2013
Musik und Zeit – Bernd Alois Zimmermann

Interpreten:
Arditti Quartet, Alarm Will Sound, Ensemble Modern, Tony Arnold, EuropaChorAkademie, Hélène Fauchère, Reinhold Friedrich, Gebrüder Teichmann, Christian Hommel, hr-Bigband, hr-Sinfonieorchester, IEMA-Ensemble, Johannes Kalitzke, Brad Lubman, Leigh Melrose, Marisol Montalvo, Christiane Oelze, Franck Ollu, Matthias Pintscher, Eric Schneider, Karl-Heinz Steffens, Tschechischer Philharmonischer Chor Brünn, WDR Rundfunkchor Köln.

Bernd Alois Zimmermann:
Musique pour les soupers du Roi Ubu, Présence, Requiem für einen jungen Dichter, Suite aus Das Gelb und das Grün, Sinfonie in einem Satz, Trompetenkonzert Nobody knows de trouble I see, Oboenkonzert, Kammermusikwerke und Lieder.

Uraufführungen:
Fünf Auftragswerke des Internationalen Kompositionsseminars von Martin Grütter, Daniel Moreira, Evis Sammoutis, Lu Wang und Karin Wetzel und neue Werke von Sian Friar, Beat Furrer, Markus Hechtle, Hanspeter Kyburz, Michael Obst zum 10. Jubiläum der Internationalen Ensemble Modern Akademie und Vito Žuraj.

sowie Kompositionen von:
John Adams, Mark Andre, Leonard Bernstein, Morton Feldman, Arnulf Herrmann, Payton MacDonald, Olivier Messiaen, Conlon Nancarrow, Wolfgang Rihm und Anton Webern.

Jugendprojekte:
KulturTagJahr der Altana Kulturstiftung und Kinderkonzerte in der Alten Oper Frankfurt

Veranstaltungsorte:
Alte Oper Frankfurt, Frankfurt, Opernplatz
hr-Sendesaal, Hessischer Rundfunk, Frankfurt, Bertramstraße 8
Frankfurt LAB, Frankfurt, Schmidtstraße 12
saasfee*pavillon, Frankfurt, Bleichstraße 64
Staatstheater Darmstadt, Darmstadt, Georg-Büchner-Platz 1

Das genaue Programm finden Sie unter:
www.cresc-biennale.de

Eintrittskarten:
Festivalpass 110 Euro (ermäßigt 70 Euro)
Einzelkarten für 8 bis 25 Euro (Ermäßigung möglich)
Tickets online unter www.hr-ticketcenter.de und www.frankfurt-ticket.de, www.staatstheater-darmstadt.de sowie anderen Vorverkaufsstellen.


Stimmen der beteiligten Partner und Künstler

Warum Bernd Alois Zimmermann? Lange vor dem vielzitierten Stilpluralismus der Gegenwartsmusik pflegt er einen Pluralismus, der aus der Überzeugung gespeist ist, dass Zeit niemals linear fortschreitet, sondern sich stets zur Kugel zusammenschließt. Innovationsanspruch und Dogmatismus der 1950er Jahre lehnt Zimmermann zwar nicht dezidiert ab, aber er schließt sich dieser Richtung auch nicht an. Stattdessen verfolgt er konsequent, aber ohne jeden missionarischen Impuls einen eigenen Weg. Nicht zuletzt macht ihn dies zum Vorbild für nachfolgende Komponistengenerationen. Es ist daher nur folgerichtig, wenn das zweite große Komponistenporträt im Rahmen von cresc… ihm gewidmet ist.
Dr. Julia Cloot, Leiterin des Instituts für zeitgenössische Musik (bis Sept. 2013)

Das Festival cresc… kann 2013 auf ein noch weiter gespanntes, gewachsenes und besser verknüpftes Netz von Partnern bauen. Dass die bestehenden Kooperationen weitergeführt und zusätzlich neue entstanden sind, zeigt ein weiteres Mal die Bereitschaft der Kulturinstitutionen im Rhein-Main-Gebiet zur Zusammenarbeit auf hohem Niveau. Diese Bündelung der Stärken und Ressourcen der Veranstalter, Partner und Förderer spiegelt sich in der Dichte der Formate, künstlerischen Kooperationen sowie in der Erweiterung der Festivaltage und Spielorte wider.
Roland Diry, Geschäftsführer des Ensemble Modern

Ich liebe Neue Musik! Ein phantastischer Moment: Wenn Du den Briefkasten aufmachst, und da ist ein brandneues Stück drin – noch nie erklungen, aber schon soo lange im Hirn eines Komponisten entstanden – jetzt auf Papier und ich darf diese KlangStrukturTexture übersetzen… Und Bernd Alois Zimmermann, das ist mein Herzblut! Ihn mit ›meinem‹ Orchester, damals noch RSO Frankfurt unter KITTI (Maestro Dimitri Kitajenko), aufzuführen ... UNVERGESSLICH!!! Mon Amour hr-Sinfonieorchester.
Reinhold Friedrich, Trompete

Das Festival cresc … geht auf eine Initiative des Kulturfonds Frankfurt RheinMain zurück. Ganz bewusst fördert der Fonds die Kooperation zwischen mehreren großen Institutionen der Neuen Musik in der Region, die auf diese Weise gemeinsam an einem Thema arbeiten. Ensemble Modern und Internationale Ensemble Modern Akademie, hr-Sinfonieorchester, Internationales Musikinstitut und Staatstheater Darmstadt, Alte Oper Frankfurt, Institut für zeitgenössische Musik – sie alle tragen zum Gelingen des Festivals bei.  Bei der ersten Auflage von cresc … ist den Verantwortlichen etwas Seltenes gelungen: nicht nur die überregional tätigen Fachleute der Neuen Musik für das Festival zu interessieren, sondern auch ein neugieriges, offenes, alle Altersklassen umspannendes Publikum. An den Veranstaltungstagen waren Besucher aus der gesamten Region Frankfurt RheinMain auf den Beinen, alle Konzerte waren bis auf den letzten Platz gefüllt. In diesem Sinne wünscht der Kulturfonds auch für die zweite Auflage viel Erfolg!
Dr. Helmut Müller, Geschäftsführer des Kulturfonds Frankfurt RheinMain

Das cresc…-Festival ist bereits nach seinem ersten Durchgang 2011 zu einer zentralen Bühne für zeitgenössische Musik avanciert. Ich freue mich, dass die Alte Oper neuer Partner dieses Festivals sein kann!  Drei Projekte werden in der Alten Oper stattfinden, die unterschiedlicher kaum sein können: ein Liederabend, ein klanggewaltiges Abschlusskonzert mit Bernd Alois Zimmermanns „Requiem für

einen jungen Dichter“ sowie ein Konzert mit zeitgenössischer Musik für Kinder.
Ich wünsche dem cresc…-Festival viel Erfolg und ein neugieriges Publikum für die tollen Programme!“
Dr. Stephan Pauly, Intendant und Geschäftsführer der Alte Oper Frankfurt

Ancient Greeks had two words for time, Χρόνος - Chronos (time in the traditional sense) and Καιρός – Kairos (the opportune moment). The two are different in the sense that the former is quantitative and the latter qualitative. This distinction as well as their attributes are very important as we live our live in chronos but experience most of the important events in our lives in kairos. For me, the art of
music composition highlights this relationship; whereas music cannot exist without
chronos, it is the kairos that makes it worthwhile, the pursuit of supreme moments.
Evis Sammoutis (Zypern), Teilnehmer des Internationalen Kompositionsseminars

Gurnemanz’ Wort in Wagners ›Parsifal‹ – »Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit« – ist ähnlich rätselhaft wie Bernd Alois Zimmermanns Bild einer »Kugelgestalt der Zeit«. Und doch ahnt, wer Musik hört, sieht, spürt und erlebt, dass und wie unweigerlich wir uns in einem Zeitstrom zwischen eben und jetzt, zwischen gestern, heute und morgen bewegen. Musik vermag in ihren größten Momenten dieses unaufhörliche Fließen anzuhalten, zu dehnen, zu stauchen, zu verräumlichen – so dass die Erlebniszeit eine ganz neue, andere Bedeutung erfährt. Unser Festival cresc… möchte zu einem solchen Bedeutungswandel beitragen – und sei es Minuten, Stunden oder über die gesamten vier Festivaltage.
Dr. Thomas Schäfer, Direktor des Internationalen Musikinstituts Darmstadt

Neue Musik macht neugierig, provoziert, irritiert auch bisweilen, bereichert, lässt uns stets innehalten und zeigt uns, dass es neben der Alltäglichkeit des Lebens eine tiefere, wildere und größere Wahrheit gibt. Das stellt dieses Festival auf beeindruckende und vielfältige Art unter Beweis. Ich wünsche dem Publikum, dass es die Lust verspürt, sich auf Unerhörtes einzulassen und mit uns einen neuen Aufbruch zu wagen.
Olaf Stötzler, Orchestermanager der hr-Bigband

Die zeitgenössische Musik hat hier in der Rhein-Main-Region eine große Tradition. Als neuer Musikchef des Hessischen Rundfunks bedeutet mir das sehr viel. Das hr-Sinfonieorchester hat seinen exemplarischen Umgang mit der Neuen Musik vielfach bewiesen. Ich bin neugierig, wie die Musiker das Thema »Musik und Zeit« in Zimmermanns Werken entwickeln werden. Mit Spannung erwarte ich auch die Arbeit der hr-Bigband, die dieses Mal bei mehreren Konzerten dabei ist, auch gemeinsam mit Ensemble Modern und hr-Sinfonieorchester. Diese unterschiedlichen musikalischen Ebenen und Einflüsse, die zusammentreffen, sind ein Gewinn für das Publikum und für die beteiligten Künstler.
Michael Traub, hr-Musikchef

I think music performs magic on time. It can stop the feeling of time passing by
sweetening, mesmerizing, and compressing time to an extreme with
overwhelming sequences of sound along with an abundance of affect.
Lu Wang (China/USA), Teilnehmerin des Internationalen Kompositionsseminars

Von der Vielschichtigkeit der Gegenwart – Zum Festivalthema

Bernd Alois Zimmermann, undogmatischer Denker und Vordenker der berühmten „Zwischengeneration“ (geboren 1918) – zu jung, um von den musikalischen Ereignissen der Weimarer Republik entscheidend geprägt zu sein, gleichzeitig aber nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu alt, um die ablehnende Haltung der jungen Generation den Komponisten der Weimarer Republik gegenüber mitzutragen. So schuf er ein sehr eigenständiges und vielgestaltiges Œuvre, dessen Wirkungskraft bis heute nicht nachgelassen hat.
Zimmermann, der eigentlich Theologe werden wollte, vollzog auch in seinem kompositorischen Denken keinen radikalen Bruch mit der Tradition, sondern entwickelte stattdessen eine höchst subjektive Ästhetik: die pluralistische Klangkomposition, geprägt von Kombinationen und Überlagerungen musikalischen Materials ganz unterschiedlichster Provenienzen – von der Musik des Mittelalters bis hin zu Jazz und Popsongs. Er prägte hierfür einmal den schillernden Begriff von der „Kugelgestalt der Zeit“. Dieser Umgang mit unterschiedlichen Genres, Metiers und Stilen ließ Zimmermann zum postmodernen Künstler avant la lettre werden. Noch lange bevor die Kunstwelt diesen Begriff prägte, hat Zimmermann sich in weitreichender Form mit Collage, Zitat und Überlagerung beschäftigt. Politik, Literatur, Religion und die Kunstwelt auch außerhalb der Musik sind dabei wesentliche Verständnisanker für Zimmermanns monolithisches Werk.
Umkreiste cresc… 2011 mit dem griechisch-französischen Komponisten, Wissenschaftler und Architekten Iannis Xenakis Aspekte der Räumlichkeit von Musik, wird 2013 – in Umkehrung des verrätselten Diktums von Richard Wagner – der Raum zur Zeit, die Zeit im Verständnis Zimmermanns also zur „Kugelgestalt“, die kein gerichteter Strahl mehr ist – Gestern und Heute erscheinen vielmehr mannigfach miteinander verknäult. In diesem Musikdenken spielt dann das für die Avantgarde so lebenswichtige Telos keine ganz so entscheidende Rolle mehr, auch wenn Zimmermann im Diskurs der Neuen Musik durchaus verwurzelt war. Zugleich konzipierte er seine Werke aber sehr früh schon aus einer intermedialen Perspektive heraus, mit der sich Gedanken- und Assoziationsräume eröffnen, die immer auch jenseits der Musik liegen können. Das macht heute unzweifelhaft den großen Reiz seiner Musik aus – und bereitet damit Komponisten und Künstlern der aktuellen Gegenwart vielfältige Andockstellen. Musikalische Zeit, Musik und Zeit, Lebens- und Erlebniszeit werden so im diesjährigen cresc…-Programm in unterschiedlichen Schattierungen thematisch gespiegelt.  
Dr. Thomas Schäfer, Direktor des Internationalen Musikinstituts Darmstadt

 

Silvia Steup

Assistenz Projektleitung

cresc... Biennale für Moderne Musik

c/o Deutsche Ensemble Akademie e.V. | Schwedlerstr. 2-4 | D - 60314 Frankfurt am Main

praktikant@ensemble-modern.com

www.cresc-biennale.de