19.08.2012 08:11 Sa., 03. November 2012, 18:00 Uhr

Mit Pinsel und Partitur - Drama Queen: Joyce DiDonato Die Königin in der Oper in Baden Baden

Joyce DiDonato © Fotos: Sheila Rock licenced to Virgin Classics

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Sollte Joyce DiDonato sich einmal am Bau einer Scheune beteiligen, würde sie zum Pinsel greifen. Am 3. November greift sie aber erstmal wieder zur Partitur, wenn im Festspielhaus der Auftakt zu ihrem neuen Programm „Drama Queen“ erklingt. Was Pinsel und Partitur miteinander zu tun haben, verrät die „Yankee Diva“ im Interview.

Wer schon einmal das Vergnügen hatte, Joyce DiDonato auf der Bühne erleben zu dürfen, der ahnt, wie unterhaltsam ein Interview mit der „Yankee Diva“ ist. Solch unterhaltsames Vergnügen steht hier gleich doppelt ins Haus. Am 3. November ist Joyce DiDonato mit ihrem neuen Programm „Drama Queen“ zu Gast im Festspielhaus. Schon heute hat sie uns ein Interview gegeben. Zu ihrem neuen Programm, zu ihren Vorlieben beim Scheunenbau und dazu, was das alles mit ihrer Herkunft aus dem Mittleren Westen zu tun hat.

Sie müssen wissen, dass ich eine echte Diva bin. Ich reise um die Welt. Ich stehe auf wunderbaren Bühnen. Ich arbeite mit großartigen Kollegen zusammen. Aber es gibt auch auf jeden Fall einen „Yankee“-Teil in mir: Ich nehme mich selbst nicht allzu ernst – ich nehme meine Arbeit sehr ernst, aber ich kann zwischen dem, was ich tue, und dem, wer ich bin unterscheiden.

Das ist, glaub‘ ich, eine Denkweise, die ziemlich typisch für den Mittleren Westen der Vereinigten Staaten ist. Meine Kollegen behaupten gerne, dass es eine Art Arbeitsmoral des Mittleren Westens sei. Früher, als es dort noch mehr Bauern als heute gab, hat jeder im Dorf mitgeholfen, wenn zum Beispiel eine Scheune gebaut werden musste. Jeder hat mit angepackt und den ganzen Tag gearbeitet. Es ist der Gedanke an harte Arbeit, die Dich aber voranbringt – das ist ein Gedanke aus dem Mittleren Westen!

Ja, Oper ist alles! Alles! Es gibt Kostüme und Kunsthandwerk auf der Bühne, es gibt Musik und es gibt Drama! Es ist alles! Es ist die (auf Deutsch:) "Heilige Kunst"! (lacht) Gerade in dem Bereich, in dem ich arbeite - Rossini-Opern und sowas - das ist doch ein Gemeinschaftswerk! Und wenn jeder sein bestes gibt, kommt jeder einzelne noch weit besser zur Geltung.

Manchmal machen sich Darsteller Sorgen, dass jemand sie in den Schatten stellt oder Kollegen sie übertönen, sodass sie ihrerseits versuchen, andere zwanghaft zu übertrumpfen. Aber ich glaube, genau das Gegenteil bringt einen voran: Bei einer Hand voll Besetzungen habe ich erleben dürfen, wie sie als Ganzes über sich hinaus wachsen, so dass jeder einzelne eine höhere Ebene erreicht hat. Und das ist meine Art von Vorstellung - das liebe ich am meisten.

Ich wäre der Maler, der am Schluss für den Anstrich und die Gestaltung sorgt.

Naja, für mich sind sie der Gipfel dessen, was wir in der Oper suchen, wissen Sie. Sie sind ein wenig überlebensgroß. Sie kennen keine Zurückhaltung in ihren Gefühlszuständen, in ihrem Auf und Ab. Wenn sie lieben, dann lieben sie ganz und gar, und wenn sie hassen, dann hassen sie aus tiefstem Herzen, und wenn sie neidisch sind, dann wirklich gelb vor Neid, und wenn sie glücklich sind, ja, dann schweben sie auf Wolke sieben.

Ich denke, die barocke Vorstellung von Musik und von Ausschmückung verleiht die Freiheit und den Willen, zu überdrehen oder ganz tief in die emotionale Farbskala einzutauchen. Und danach suchen wir, wenn wir uns als Publikum in einen Opernsaal setzen.

Wir verlangen nach einer außergewöhnlichen Erfahrung, die uns mitnimmt, die uns in unserem tiefsten Innern packt und uns aus unserem alltäglichen Leben hinausführt. Und zu jenen Charakteren, die ein wenig überlebensgroß sind, dazu gehört auf jeden Fall die „Drama Queen“. Die veranschaulicht das ganz wunderbar.

Wissen Sie (lacht), als Königin oder Zaubrerin haben Sie diese ganze Macht. Es ist eine Art Seifenoper - aber niemand leidet darin so großartig wie sie, niemand liebt so bedeutend wie sie - und ich denke, das alles hat mit den Komponisten dieser Zeit zu tun: Sie wollten das Spektakel und das Publikum wollte das auch - diese riesigen Bühnenaufbauten mit noch größeren Charakteren. Und natürlich kam das auch durch die Prime Donne. Sie wurden ja von den Komponisten hofiert!

Ich denke, ja. Vieles war ein echtes Spektakel und eine echte Show – aber heute, da wir dorthin zurückkehren, müssen wir feststellen, dass es eine enorme Tiefe in den Gefühlen und der Entwicklung dieser Charaktere gibt. Das ist auch der Grund, warum ich mich zu den „Drama Queens“ hingezogen fühle: Sie bringen einen solchen Reichtum mit und ich denke, dass auch das Publikum von heute es genießt, in einer zehnminütigen Arie über Traurigkeit zu versinken, weil uns das irgendwie davonträgt.

Ja. Es gibt Zeit. Zeit, eine Empfindung zu entwickeln: Ich bin traurig. Ich werde bis an das Ende meiner Tage Tränen vergießen. (lacht und singt) Ich bin so traurig, ich werde bis ans Ende meiner Tage Tränen vergießen. (lacht) Aber genau das machen auch wir im echten Leben. Sehen Sie, wir sitzen da und sinnen wieder und wieder nach über diese Gefühle und bemitleiden uns selbst. Oder wir schwelgen in uns selbst und darum steckt auch so viel Wahres in diesen – nennen wir es Meisterwerken! Weil sie funktionieren, wie die menschliche Psyche auch.

Oh, sie müssen außerordentlich ehrgeizig sein – jeder einzelne – denn es ist kein großes Orchester. Jede Violine, jede Laute kann man hören. Ich schätze sehr die Abenteuerlust dieses Ensembles, eben auch weil alle Musiker gleichermaßen zählen. Alle müssen Teil des Dramas werden und müssen dabei mithelfen, zwischen dem Orchester, Alan und mir zu vermitteln. Ich habe nun schon eine ganze Reihe Projekte mit diesem Ensemble umgesetzt und es war jedes Mal etwas ganz besonderes. Sie sind stets bereit, mich zu unterstützen, wenn ich mich an dem Drama reibe, Risiken auf mich nehme und ich schätze das sehr.

Ich habe ja nun schon einige Konzerte in Baden-Baden gegeben. Ich war ein Jahr zu Sylvester da, zur „Ariodante“ oder auch bei „Don Giovanni“ letztes Jahr und ich merke, dass das Publikum mich nach und nach etwas besser kennenlernt und auch umgekehrt. Es ist auf jeden Fall ein hervorragend geführtes Haus, wo man sich sehr gut um die Künstler kümmert und somit glaube ich, dass ich dort sehr entspannt ankommen kann und bereit für ein aufmerksames Publikum. Das wird der perfekte Startschuss für die Tour.

Was Joyce DiDonato zu einer wahren Königin des Gesangs prädestiniert? Ihre modulationsreiche Stimme, ihr sprühendes Charisma und schließlich ihre enorme Selbstbeherrschung. Einst brach sich die Künstlerin mitten in einer Opernvorstellung ein Bein und sang einfach weiter, 90 Minuten lang. Es sind solche Geschichten am Rande, die zeigen, mit was für einer Ausnahmekünstlerin wir es hier zu tun haben.

Ihre Präsenz kommt heute einem Programm zugute, das sich ganz auf Händels Königinnen konzentriert. Da dürfen, sollen, müssen die Koloraturen glitzern wie Diamanten. DiDonato zeichnet Frauengestalten nach, die stürmisch lieben, stürmisch hassen und die abstürzen. Doch nur, um sich zusammenzureißen – und wieder loszufliegen ins Leben.

Joyce DiDonato Mezzosopran
Alan Curtis Dirigent
Il Complesso Barocco

Die Königinnen der Opernwelt: Semiramide, Armida Berenice, Orontea, Octavia, Iphigenia und Cleopatra.

  • Sa., 03. November 2012, 18:00 Uhr

Aufführungsende circa: 21 Uhr

Preise: € 110,00 / 90,00 / 73,00 / 56,00 / 33,00

Ermäßigt: € 103,00 / 85,00 / 66,00 / 51,00 / 30,00

Festspielhaus und Festspiele Baden-Baden gGmbH
Beim Alten Bahnhof 2
76530 Baden-Baden

Telefon: 07221/3013-0
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