11.06.2013 08:21 22. Juni 2013, Philharmonie Essen

Konzert Klassik: Erleben Sie "Einen Sommernachtstraum" mit Eberhard Kloke und der Philharmonie Essen

Eberhard Kloke ist Dirigent und Komponist

Eberhard Kloke hat den diesjährigen Beitrag zum „Sommernachtstraum“ der Philharmonie Essen als Projekt „Paradise Lost“ konzipiert. Bild 1: Eberhard Kloke Quelle: Philharmonie Essen

Themenabend Ein Sommernachtstraum der Phihlarmonie Essen

Bild 2: "Ein Sommernachtstraum" Quelle: Philharmonie Essen

Von: GFDK - Christoph Dittmann - 2 Bilder

Bereits zum dritten Mal setzt die Philharmonie Essen mit dem Themenabend „Ein Sommernachtstraum“ einen gewichtigen künstlerischen Akzent zum Ende der Spielzeit. Am Samstag, 22. Juni 2013, um 18 Uhr geht es diesmal unter dem Titel „Paradise lost“ um den Umgang des Menschen mit der Natur. Die Konzeption und künstlerische Leitung liegt in den Händen des Dirigenten und Komponisten Eberhard Kloke.

„Wie schon der Titel verrät, teilt sich der Begriff in Paradies und in Verlust desselbigen auf, also eine Art Kontrapunkt von Idealzustand und dessen Gegenpol“, erklärt er. Auf spannende Weise erfahrbar wird die Idee zunächst in zwei großen Konzertblöcken. Erstmals gestalten hierbei die Essener Philharmoniker den „Sommernachtstraum“ mit – im Mittelpunkt stehen Werke von Ives, Berlioz, Varèse, Mahler, Wyschnegradsky und Berg.

Zur inhaltlichen Vertiefung tragen zudem Texte von Milton, Dostojewski, Müller und Poe bei (Rezitation: Peter Schröder). Eine weitere wichtige Rolle spielen Projektionen des Videokünstlers Markus Wintersberger. Im dritten Teil des Abends schließlich darf sich das Publikum bei gutem Wetter nach draußen begeben: Auf einer Bühne im Stadtgarten zeigt das Aalto Ballett Essen Patrick Delcroix’ Choreographie „End-Los“. In das künstlerische Gesamtkonzept einbezogen sind die beiden einstündigen Pausen, in denen man sich nicht nur mit kleinen Speisen und Getränken versorgen kann: „Im RWE Pavillon wird ein Programm geboten, das die inhaltlichen Aspekte musikalisch, textlich und visuell weiter aufzubrechen versucht“, so Eberhard Kloke. Der Abend endet gegen 23:30 Uhr.

Konzert in Essen

„Ein Sommernachtstraum“
Samstag, 22. Juni 2013, um 18 Uhr

Karten (Einheitspreis (€) 19,- zzgl. 10% Systemgebühr) und weitere Infos unter T 02 01 81 22-200 und www.philharmonie-essen.de.


Der Dirigent und Komponist Eberhard Kloke hat den diesjährigen Beitrag zum „Sommernachtstraum“ der Philharmonie Essen als Projekt „Paradise Lost“ konzipiert. Ein Gespräch.

Herr Kloke, der diesjährige Beitrag zum „Sommernachtstraum“ trägt den Titel „Paradise Lost“ – das verlorene Paradies. Das klingt ziemlich pessimistisch. Können Sie kurz erklären, worum sich dieser Themenabend dreht?

Eberhard Kloke: Paradise Lost ist als eine Art Motto zu verstehen. Wie der Titel schon verrät, teilt sich der Begriff in Paradies und in Verlust desselbigen auf, also eine Art Kontrapunkt von Idealzustand und dessen Gegenpol.

Das Motto „Paradise Lost“ bezieht sich auf John Miltons gleichnamiges Gedicht aus dem 17. Jahrhundert. Inwieweit bildet das Gedicht die inhaltliche Klammer des Abends?

Kloke: Miltons episches Gedicht erzählt den Höllensturz des gefallenen Engels und die Vertreibung aus dem Paradies. Das ist der eine Text, der auch den Titel bestimmt und die inhaltliche Klammer bildet. Der zweite Text ist entnommen aus Dostojewskis Roman Die Brüder Karamasow, daraus die Szene Iwan und der Teufel. Und der dritte Textteil besteht aus einigen von Heiner Müllers späten, sehr pessimistischen Gedichten. Alle Texte, die von Markus Boysen rezitiert werden, kreisen um existenzielle Fragen von Schuld und Unschuld, von Idyll und Abgrund, von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, von Konstruktion und Verfall. Die Musik stellt diese Brechungen dar – jedoch mit den gerade der Musik möglichen emotionalen Parametern von Direktheit, Konfrontation und ironischer Brechung.

Gehen wir einen Schritt zurück: Wie kam es zur Idee, gerade dieses sehr spezielle Thema in den Mittelpunkt zu stellen?

Kloke: Zunächst hatten wir das Musikprogramm entwickelt mit den programmatischen Eckpfeilern Berlioz, Ives, Mahler, Varèse, und wir hatten dann die Idee, diesen Ansatz sozusagen programmatisch zu betiteln: Paradise Lost. Das wiederum führte zur Auswahl der Texte und zu weiteren programmatischen Entwicklungen.

Welche Musik werden wir hören?

Kloke: Der Abend gliedert sich in zwei Hauptteile mit einem Prolog. Im Prolog wird Berlioz’ Chasse Royal aus seiner Oper Les Troyens zur Aufführung kommen, eine Art Naturidylle mit akustischer Brechung. Das Stück wird mit Ives’ From Hanover Square North, at the end of a tragic day, the voice of the people again arose für Orchester, Stimme und Fernorchester aus dem „Orchestral Set Nr. 2“ kontrastiert. So wird gleich zu Beginn der inhaltliche Fokus klar, und die thematische Setzung kann mit Miltons Paradise Lost beginnen. Der erste Teil „Déserts“ kombiniert Edgar Varèses Déserts (Wüsten) an bestimmten, von Varèse in der Partitur gekennzeichneten Positionen (Interpolationen) mit Musikteilen aus Berlioz’ Faust, mit von Varèse entwickelten elektronischen Teilen und eben mit Texten und Video.

Was erwartet uns im zweiten Konzertteil?

Kloke: Der zweite Teil „Wunderhorn“ mit einer Art Mini- Prolog (Ives) kombiniert Mahler – das Scherzo seiner dritten Sinfonie sowie frühe Mahler-Klavierlieder in meiner neuen Orchesterbearbeitung – mit Bergs Altenberg- Liedern und Ivan Wyschnegradskys Polyphonies spatiales für zwei Klaviere, Harmonium, Percussion, Ondes martenot und Streicher. Auch hier geht es immer wieder um den Gegensatz von Idyll und Brechung. Das Posthorn als Klangsymbol der vergangenen und endgültig verlorenen Welt spielt dabei eine besondere Rolle. Auch Dostojewskis Iwan und der Teufel und gezielte Video-Interpolationen greifen die inhaltlichen Metaphern auf. Ich verweigere mich bewusst der Versuchung, die einzelnen Musikstücke und Teile näher zu beschreiben, da der Abend erlebt werden soll, ohne jetzt schon vorab bestimmte Bedeutungsnetze zu bestimmen und zuzuordnen.

Sie sprechen von Videoprojektionen. Wie bauen Sie diese visuelle Komponente in das Programm ein?

Kloke: Um die visuelle Komponente haben wir sehr gerungen, da wir keinesfalls wollen, dass Musik und Bild sich gegenseitig kommentierend ergänzen – im Sinne von dekorativer Bebilderung des Musikalischen oder musikalischer „Untermalung“ der Bilder. Im Gegenteil: Der Videokünstler Markus Wintersberger und ich haben in langer Vorarbeit nach Schnittstellen gesucht, Bild und Video als autonomen inhaltlichen Moment zu setzen – gerade wenn es um die Brechung der Idylle, um Zerstörung, oder, wenn Sie so wollen, um „Vertreibung aus dem Paradies“ geht.

Es wird zwei lange Pausen geben, die thematisch in den Abend eingebunden sind. Eine besondere Rolle spielt dabei der RWE Pavillon. Was erwartet uns dort?

Kloke: Im Pavillon wird sowohl in der ersten als auch in der zweiten Pause ein Programm geboten, das diese inhaltlichen Aspekte musikalisch, textlich und visuell weiter aufzubrechen versucht. Es gibt eine Art mobile Installation, die selbstverständlich im Kontext zu den beiden Teilen des Hauptprogrammes steht. Lassen Sie sich überraschen!

In einem weiteren Raum der Philharmonie kann das Publikum Ihr Projekt „Parsifal reloaded“ erleben. Können Sie auch das kurz erläutern?

Kloke: „Parsifal reloaded“ zeigt einen Videofilm über verschiedene Entwicklungsstufen eines Projektes von Parsifal_Entfernung, einer Bearbeitung der Kundry-Szenen aus Wagners „Parsifal“. Es wurde an verschiedenen Orten aufgeführt, gefilmt und aufgezeichnet, um es in eine neue Video-Endlosschleife gleichermaßen in progress zu aktualisieren – eine Art Paradise Lost des tradierten Musik- Theaters!

Und auch der Stadtgarten bleibt nicht stumm …

Kloke: Für den Stadtgarten habe ich aus den Vorstufen der Vorbereitungen zu Mahler und Berg, die sich über längere Zeit hinzogen, Audiosequenzen entwickelt, die sich vom zu hörenden Programm des Abends immer weiter weg entwickeln, um an bestimmten Schnittstellen dann aber doch erneut (wieder-)erkennbar zu werden.

Herr Kloke, Sie haben den Abend konzipiert und werden selbst die musikalische Leitung übernehmen. Ist das nicht ein Traum für einen Künstler?

Kloke: Ja klar, und das Schöne ist, dass sich dieses „Unternehmen“ auch in den Kontext meiner größeren Schwerpunktprojekte im Ruhrgebiet stellen lassen kann. Deshalb bin ich Johannes Bultmann dankbar, das Projekt in dieser Weise ermöglicht zu haben und es an den Schluss seiner Intendanz zu positionieren.

Interview: Christoph Dittmann

 

 

Christoph Dittmann

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

c.dittmann@philharmonie-essen.de

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