15.08.2012 07:18 Familientreffen mit Hindernissen

Von und mit Julie Delpy - Tragikomische Geschichte über einen Familienurlaub, die Kinder entdecken den Sex und die Erwachsenen die Politik

Familientreffen mit Hindernissen, Foto: NFP (Filmwelt) / Paolo Woods

Von: Kino.de - 10 Bilder

Sommer 1979: eine Zehnjährige reist mit ihren Eltern von Paris an die französische Atlantikküste, um mit der weit verzweigten Familie den Geburtstag der Großmutter zu feiern. Während der Clan am Wochenende sich die Zeit mit Essen, Trinken und Streiten um die Ohren schlägt, erlebt das Mädchen erste Liebe und ersten Liebeskummer. Obendrein droht der US- Satellit Skylab ausgerechnet in der Bretagne abzustürzen, was seltsamerweise niemanden so richtig beunruhigt.

Kritik

Französische Komödie und turbulentes Drei-Generationenporträt an einem Sommerwochenende in den späten 1970er Jahren.

Wer es sich irgendwie erlauben kann, verbringt in Frankreich das Wochenende "à la campagne", im Landdomizil, das auch am Meer liegen kann. Dort treffen sich Familie und Freunde, man feiert und geht sich auf die Nerven, macht nach einem Mahl auch schon mal tabula rasa, um sich das nächste Mal bestens gelaunt wieder zu treffen. Wenn wie in Julie Delpys Sommerkomödie sich ein weit verzweigter Familien-Clan von Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen zum Geburtstag der Großmutter in deren Häuschen in der Bretagne trifft, ahnt man, dass die Wiedersehensfreude nur von kurzer Dauer sein kann.

Auf einer Zugfahrt mit gestresstem Ehemann und nölenden Kindern erinnert sich Albertine (Karin Viard) an ein Wochenende von 1979, als sie mit ihren Eltern (Julie Delpy, Eric Elmosnino) an die bretonische Küste reiste und erlebt in einer Rückblende noch einmal die Tage, an denen sich die Erwachsenen die Zeit mit Essen, Trinken und Streiten um die Ohren schlugen und sie - gerade mal zehn Jahre alt - erste Liebe und ersten Liebeskummer erlebte.

Aus ihrer persönlichen Perspektive erzählt der Film von sozialem und politischem Brennstoff, von Tabus, die die einen mit Lust brechen, von konventionellen Denkweisen, an denen die anderen sich festklammern. Linke und rechte Ideologien prallen aufeinander, je mehr Wein fließt, um so höher schlagen die Wellen der Emotion ob über die Folgen des Algerienkriegs oder der sexuellen Revolution.

Delpy geht es nicht um Feinheiten wie in Louis Malles heiter-melancholischer Gesellschaftskomödie über das Jahr 1968 "Eine Komödie im Mai" (1990) oder Claude Sautets subtilem Gruppenporträt "Vincent, François, Paul und die anderen" (1974), sondern mehr um die kleine Gemeinheiten in einer Großfamilie, deren Mitglieder bei ihrer exzessiven französischen Debattierlust kein Blatt vor den Mund nehmen und weder vor Ehebruch-Geschichten noch schmutzigen Familiengeheimnissen Halt machen, ohne jedoch wie in Thomas Vinterbergs "Das Fest" zu tief zu graben und zu verletzen.

Sie belässt es bei einer charmanten, manchmal etwas süß und nostalgisch wirkenden Sommerkomödie, die punktgenaue Erinnerungen weckt an einstige modische Sünden wie gelockte Haaren, geschmacklose Shorts oder gemusterte Hemden. Und ganz nebenbei auch an den US-Satelliten Skylab, der ausgerechnet auf die Bretagne abzustürzen droht, was aus der kleinen Albertine aber niemanden so richtig beunruhigt. mk.

Frankreich 2011
Laufzeit: 114 Min.
FSK: ab 12 Jahre

Lou Alvarez
Julie Delpy
Eric Elmosnino

Regie: Julie Delpy
Verleih: NFP (Filmwelt)

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