18.10.2012 07:00 Zwischen Champagner und Campern

TV-Tipp: Obdachlos auf Sylt - Die Insel hat ein Platzproblem

Die Schere zwischen Arm und Reich zeigt sich auch auf Sylt

© NDR

Von: NDR

Obdachlos auf Sylt? Das scheint ein Widerspruch zum Image als "Luxusinsel" zu sein. Aber Wohnraum ist auch hier knapp und wird immer teurer. Die Gemeinde Sylt hat über 15.000 Einwohner und mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie die Gemeinden auf dem Festland. Obdachlosigkeit gehört dazu. Es gibt zu wenig Sozialwohnungen. Die Insel hat ein Platzproblem, denn große Teile sind Naturschutzgebiet, und natürlich wird viel Wohnraum für die Touristen gebraucht. Hotels, Ferienwohnungen und Zweitwohnsitze verknappen den Dauerwohnraum.

Die Inselverwaltung unterhält seit Jahren eine Unterkunft für Wohnungslose, Jan Klein ist als Obdachlosenhelfer bei der Gemeinde angestellt. Seit knapp zwei Jahren ist der gelernte Erzieher im Amt und verantwortlich für 40 Schlafplätze in Westerland und Keitum. Jan Klein arbeitet mit einem besonderen Konzept: Die Obdachlosen sollen mitarbeiten, sie sollen Verantwortung übernehmen für ihre Wohnräume. Einige Unterkunftsbewohner sind bei der Stadt angestellt. Sie erhalten ein kleines Gehalt, dafür pflegen sie den Garten, renovieren die Zimmer. "Wenn die Jungs selber mit anpacken, schätzen sie das, was wir hier aufbauen ganz anders!", erklärt Jan Klein. "Und viele von den Bewohnern haben handwerklich viel auf dem Kasten, manche sogar eine Ausbildung, die leisten richtig gute Arbeit!" Die Gemeinde spart Geld - und den Wohnungslosen soll über das Engagement ein Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt erleichtert werden.

Aber nicht jeder Wohnungslose lässt sich von Jan Klein helfen. Auch auf Sylt leben "freiwillig Obdachlose", die es vorziehen draußen zu schlafen. Jan Klein entdeckt einen Mann, der in einem kleinen Verschlag hinter dem abgebrannten
Schützenhaus in List lebt. Nachbarn haben ihn beobachtet und den Obdachlosenbetreuer informiert. "Ich kann ihm nur helfen, wenn er zu mir kommt, wenn er Hilfe will!", erklärt Jan Klein. "Und natürlich kann ich in der Unterkunft keine Saisonarbeiter aufnehmen. Dann kann ich im Sommer wegen Überfüllung schließen!"

Einen, der aus Prinzip wohnungslos ist, treffen wir am Strand. Mike sammelt Pfandflaschen, damit verdient er sich seinen Lebensunterhalt. "Die Leute schauen natürlich komisch, weil sie das hier nicht erwarten, aber viele sind sehr nett!" erklärt der Süddeutsche. Mike verbringt jeden Sommer auf Sylt. "Ich bekomme ein bisschen angeschlagenes Obst geschenkt, ich nehme bei der Bäckerei mit, was die Leute auf den Tabletts liegen lassen, das sind oft ganze Brötchen!" Das Wichtigste ist sein dicker Schlafsack. Mike schläft unter freiem Himmel, wenn es stürmt und regnet unter Treppen oder in Hauseingängen in Westerland. "Ich muss natürlich gut auf mich aufpassen, ich bin ja wehrlos", erklärt er. "Und man ist natürlich einsam. Manchmal zieh ich dann los und gehe in einen Club oder ein Café - aber bedient werde ich hier ungern!" Bis der Herbst kommt, will Mike auf der Insel bleiben. Die Reportage begleitet den Obdachlosenhelfer Jan Klein bei seiner Arbeit und zeigt eine unbekannte Seite der prominenten Nordseeinsel.

Regie: Franziska Voigt

 

Sendetermin: Freitag, 19.10.2012, 21.15 NDR

 

Norddeutscher Rundfunk

Rothenbaumchaussee 132
20149 Hamburg

Tel. 00 49 (040) 4156 - 0
Fax 00 49 (040) 44 76 02

Internet: www.ndr.de

E-Mail: ndr@remove-this.ndr.de