24.10.2012 08:00 Sendetermin: Donnerstag 25.10.2012, 23.40 Uhr Arte

TV-Tipp: Morgentau! Drama über die Missstände Äthiopiens

Anberber (Aaron Arefe) beobachtet die Geschehnisse im Dorf voller Sorge.

© WDR/The Match Factory

Von: Arte

Nach vielen Jahren Studien- und Arbeitsaufenthalt in Deutschland kommt Anberber, Sohn armer Dorfbewohner, als ausgebildeter Arzt nach Äthiopien zurück. Das ganze Dorf begrüßt ihn mit überschwänglicher Freude. Doch bald merkt der desillusionierte Heimkehrer, dass die einst so vertrauten Menschen, Häuser, Landschaften sich für ihn erschreckend verändert haben. Alles ist klein, karg und ärmlich geworden, Gewalt und Bürgerkrieg liegen in der Luft.


Im Jahr 1990, nach langjährigen Studien- und Arbeitsaufenthalten in Deutschland, kehrt der ausgebildete Arzt Anberber in seine Heimatdorf nach Äthiopien zurück. Der anfängliche freudige Übermut nimmt schnell auf beiden Seiten ab. Anberber und die Dorfbewohner stehen sich mehr und mehr fremd und distanziert gegenüber. Der Heimkehrer beobachtet die Geschehnisse im Dorf besorgt: Die Regierungsmiliz nimmt alle jungen Söhne mit, um sie als Soldaten in den Krieg zu schicken. Die traumatisierten Eltern verstecken ihre Kinder in den nahe gelegenen Höhlen, wo sie ein Leben ohne Schule und Perspektiven fristen.
Anberber selbst leidet zunehmend unter schlimmen Alpträumen - Reminiszenzen an ein Trauma, dessen Wurzeln erst nach und nach, mit der Erkundung von Anberbers Vergangenheit, offengelegt werden. Während Anberber in den 70er Jahren sein Medizinstudium in Deutschland absolvierte, befreite sich Äthiopien gerade von seinem Kaiser und Diktator Haile Selassie. Anberber und sein guter Freund, Kommilitone und Landsmann Tesfaye, haben in Köln Anschluss an die anti-bürgerliche und anti-rassistische Studentenschaft gefunden.
Tesfaye hat große Ambitionen und möchte als junger Intellektueller die Zukunft seines Landes mitgestalten. Der Sturz Haile Selassies markiert die ersehnte Zäsur. Während Anberber sich in theoretischen Fragen und Sorgen über die politische Zukunft seines Heimatlandes ergeht, ergreift Tesfaye die Initiative: Er lässt seine deutsche Freundin und ihren gemeinsamen Sohn in Köln zurück, um die Geburtsstunde eines neuen Äthiopiens mitzugestalten. In der sich 1974 etablierenden sozialistischen Militärdiktatur möchte Tesfaye Großes erreichen und überredet auch Anberber zur Rückkehr.
Vor Ort hat Anberber jedoch große Schwierigkeiten, seine Arbeit der Sozialistischen Revolution zu unterstellen und gerät damit sowohl in das Visier der Obrigkeiten wie auch in Konflikt mit dem Laborpersonal. Gerade als Anberbers Urlaubsgesuch bewilligt wird, eskalieren jedoch die Ereignisse: Tesfaye, der kurz davor war, in die DDR zu gehen, wird von einem wütenden Mob gelyncht; und so schickt die Regierung stellvertretend Anberber in die DDR. 1990, als der äthiopische Realsozialismus schon im Sterben liegt, kehrt Anberber schließlich einbeinig in sein Heimatdorf zurück, wo er nach und nach von seiner Vergangenheit eingeholt wird und sich sein Schicksal mit dem der jungen Azanu, die der Mutter im Haushalt hilft, zu verweben beginnt ...


In "Morgentau!" erzählt Regisseur Haile Gerima die junge, stets von Krieg und Leid geprägte Geschichte des äthiopischen Volkes. Er behandelt eine Zeit, die zwar im Zeichen des politischen Wandels stand, letztendlich aber stets die Machtgier Einzelner konservierte. Ein hungerndes und verzweifeltes Volk kehrt dem Kaiser und Diktator Haile Selassie des Abessinischen Kaiserreichs den Rücken und beendet so das Herrschaftskapitel, das in den 30er Jahren seinen Anfang nahm.
Wie viele andere im Westen ausgebildete Intellektuelle sind auch die jungen Mediziner Anberber und sein Freund Tesfaye motiviert, ihr Heimatland in dieser Stunde der Wiedergeburt mitzugestalten. Doch die sich 1974 in Äthiopien etablierende sozialistische Militärdiktatur unter Mengistu Haile Mariam ist eine Farce; die Regierungspraktiken verlieren sich in einem kruden und absurden Dogmatismus. Dies erschwert die Zusammenarbeit zwischen Intellektuellen und Arbeitern, säht Misstrauen und Neid, und führt letzten Endes sogar zu dem Mord an Tesfaye, der stets mit so viel Leidenschaft für eine glückliche Zukunft seines Vaterlandes eingestanden war.


Die Ausgangssituation von Gerimas "Morgentau!" ist eine ungleich desolate: Anberber kehrt schwer traumatisiert mit nur noch einem Bein in sein Heimatdorf zurück, wo der äthiopische Realsozialismus in den letzten Atemzügen liegt, im Begriff ist, sich selbst auszuschlachten. Das Trauma des Hauptprotagonisten steht symbolisch für das Trauma eines ganzen Volkes, welches seit Jahrzenten in einer von Armut, Hunger, Gewalt und Krieg geprägten Atmosphäre stagniert. So wie es dem verzweifelten Anberber gelingt, die Wurzeln seines Traumas nach und nach offenzulegen, indem er sich auf eine Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit einlässt, so wünscht man auch dem äthiopischen Volk eine Zeit, die eine Aufarbeitung der so tiefen und zahlreichen persönlichen wie auch kollektiven Wunden gewährt.


Gerima erzählt hier aber nicht nur die junge, tragische Geschichte seines Vaterlandes; gleichzeitig verarbeitet der Regisseur mit "Morgentau!" auch einen Teil seiner eigenen Geschichte: die Entfremdung eines Intellektuellen von den Traditionen seines Volkes und das daraus resultierende Gefühl der Deplatziertheit in der einstigen Heimat. Auch der Regisseur verließ Äthiopien, ähnlich wie sein Hauptprotagonist Anberber, um eine Ausbildung im Westen zu beginnen. 1967 emigrierte Gerima in die USA, wo er an der UCLA (University of California, Los Angeles) Filmwissenschaften studierte und sich seitdem für ein autonomes, afrikanisches Kino starkmacht. Gerima möchte als Filmemacher den marginalisierten, afrikanischen Völkern ein Gesicht geben. Gleichzeitig setzt er sich kritisch mit dem Thema der Neo-Kolonialisierung auseinander. Dabei behält der Regisseur stets einen selbstkritischen Blick auf seine Arbeit. Seine Mutter erzählte Lagerfeuergeschichten und sein Vater war Dramatiker - wie lässt sich diese, in ihn eingeschriebene Tradition, so fragt sich der äthiopisch-stämmige Filmemacher, mit seiner Arbeit vereinbaren?


"Morgentau!" markierte einen großen Schritt nach vorn für das afrikanische Kino. 2008 konkurrierte der Film mit 20 weiteren Werken bei den Filmfestspielen von Venedig, wo er den Preis für das beste Drehbuch und den Spezialpreis der Jury erhielt. Außerdem wurde Gerimas Werk im Jahr 2009 bei drei Filmfestivals mit dem Grand Prix honoriert: Beim Amiens International Film Festival, beim FESPACO (Festival Panafricain du Film et de la Télévision), dem größten afrikanischen Filmfestival sowie beim Festival International de Catharge.


Äthiopien, Deutschland, Frankreich, 2008, WDR
Regie: Haile Gerima

Sendetermin: Donnerstag 25.10.2012, 23.40 Uhr Arte

 

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