21.07.2012 07:48 von Kultregisseur Sion Sono

Sexuelle Grenzbereiche - Guilty of Romance - Drei Frauen auf dem Weg in Exzess, Überschreitung und Perversion

Guilty of Romance (c)Foto: Rapid Eye Movies

Von: Kino.de - 11 Bilder

Die schüchterne Izumi langweilt sich in ihrer zur Routine verkommenen Ehe. Aus (sexueller) Frustration lässt sie sich von einer vermeintlichen Mode-Agentin zu einer Fotosession überreden, die sich als Pornodreh entpuppt.

Bald verkauft Izumi ihren Körper an Fremde, im Rotlichtviertel Tokios trifft sie auf die Literaturdozentin Mitsuko, die Nachts als Prostituierte arbeitet. Ungefähr zur selben Zeit wird in einem verlassenen Haus eine verstümmelte Frauenleiche gefunden. Kommissarin Kazuko, auch eine Gefangene ihres Doppellebens, begibt sich auf Spurensuche.

Kritik:

Kultregisseur Sion Sono porträtiert drei Frauen die mit bürgerlichen Normen brechen und dabei in soziale, emotionale und sexuelle Grenzbereiche vorstoßen.

Mit "Guilty of Romance" schließt Sion Sono, einer der innovativsten, umstrittensten Regisseure des zeitgenössischen japanischen Kinos, nach "Love Exposure" und "Cold Fish", seine "Hass"-Trilogie ab. Um die sozialen Zwänge, denen seine Protagonistinnen durchs Diktat des Patriarchats ausgesetzt sind, geht es in diesem wüst-verwegenen Mix aus Psychodrama, (S)Exploitation, Serialkiller-Thriller und literaturwissenschaftlicher Abhandlung.

In fünf Kapiteln porträtiert der Filmemacher drei Frauen - eine gelangweite Hausfrau (Megumi Kagurazaka), eine Literaturdozentin (Makoto Togashi), die Nachts als Prostituierte arbeitet, und eine masochistische Polizistin (Miki Mizuno), die in einem bizarr-brutalen Mordfall ermittelt - , die sich aus ihrem bürgerlichen Korsett zu befreien versuchen und dabei in soziale, emotionale und sexuelle Grenzbereiche vordringen.

Als transtextueller Verweis auf die extreme Identitätssuche dient Sono Franz Kafkas Schlüsselroman "Das Schloss", in dem die Hauptfigur das Titel gebende Gebäude vergeblich zu erreichen versucht. "Schloss" steht mit roter Farbe - Blut vielleicht - an eine Wand des Tatorts geschrieben. Ein Hinweis von dem die Frauen nicht wissen, was er meint oder ob dieser Ort überhaupt existiert.

Der Beginn einer Reise, die in Exzess, Überschreitung und Perversion mündet. Erinnerungen an Luis Buñuels "Belle de jour" werden wach, de Sade kommt einem in den Sinn, der Poststrukturalist Michel Foucault und die Filme von Catherine Breillat ("Romance") und anderen Vertretern des New French Extremism.

Wobei hier die Grenzen zu Kunst, Porno und Splatter nicht überschritten werden. Sono bleibt "bieder", filmt den Geschlechtsverkehr kinotypisch verhalten, alles "Extreme" müssen die glaubwürdigen Darstellerinnen in Wort und Spiel vermitteln - so wird dem Voyeurismus kein Vorschub geleistet. Die verschachtelte Erzählform erinnert an den Film Noir, am ehesten verorten lässt sich das Werk im genuin japanischen Erotik-Genre Pink Eiga.

Die Radikalität der Arbeit, die inszenatorische Wucht findet primär in der Optik ihren Ausdruck. Sono versteht es, die Grenzerfahrungen seiner Heldinnen zu bebildern. Form, Farbe und Sprache lösen sich aus ihren semantischen Kokons, unkonventionell sind die Kamerawinkel, originell ist die Beleuchtung, musikalisch dramatisiert wird die Tour de force von klassischen Stücken Gustav Mahlers. Ein aufschlussreicher Einblick in die (filmische) Subkultur Nippons. geh.

Japan 2011
Laufzeit: 150 Min.
FSK: k.J. (keine Jugendfreigabe)

Megumi Kagurazaka
Miki Mizuno
Makoto Togashi

www.kino.de