04.11.2011 07:24 Tragödie eines sabotierten Künstlerlebens

Kinostart 10.11: Anonymus - Roland Emmerichs dramatische Spekulation über Shakespeare und seinen aristokratischen Ghostwriter

Von: kino.de

Roland Emmerichs bisher bester Film spekuliert dramatisch über den Ghostwriter hinter Shakespeare und die Tragödie eines sabotierten Künstlerlebens.

Kann ein einfacher Mann aus dem Volk das virtuoseste Sprachrohr der englischen Literatur sein? Dies hinterfragt ein Regisseur, der künstlerisch selbst unterschätzt wird - zu Unrecht, wie sein aktueller und deutlich vor "Der Patriot" wohl auch bester Film beweist. Dass beide historische Dramen auf Drehbücher von respektierten Fremdautoren basieren, ist ein Qualitätskriterium im Emmerich-Universum, auch wenn John Orloffs clever verwobenes Skript zu "Anonymus" die kühnsten Spekulationen aus Forschung und Mythos wie selbstverständlich als Wahrheit präsentiert.

Shakespeare ist hier ein mittelmäßiger Schauspieler und Dreiviertelidiot, der allerdings die Gunst der Stunde erkennt, als sich ihm die Möglichkeit auf Anerkennung und bescheidenen Wohlstand eröffnet. So wird er literarischer Strohmann für einen reichen Aristokraten, darf dessen Werke unter eigenem Namen veröffentlichen. Dass sich hinter dem Phantom der Earl of Oxford verbirgt, wissen zunächst nur Shakespeares Zeitgenosse Ben Jonson und der Zuschauer, der nun eine Reise in die Biografie Oxfords antritt. Eingerahmt von Derek Jacobis in der Gegenwart in einem Theater vorgetragenem Prolog und Epilog wird auf mehreren Zeitebenen eine Geschichte über Liebe, Ambition, Mord, Eifersucht und Intrige erzählt, die Shakespeares große Tragödien spiegelt.

Zu sehen ist, wie Oxford bereits als Junge Queen Elizabeth I mit Spontanpoesie begeistert, wie er sich im Haushalt ihres mächtigsten Ratgebers in dessen Sohn einen Feind fürs Leben macht, wie er sich erwachsen auf eine tabuisierte Liebe einlässt und als älterer Mann (Rhys Ifans) in einen vermeintlichen Staatsstreich verwickelt wird. Mag die seriöse Forschung diesen abenteuerlichen Mix aus politischen Intrigen, illegitimen Kindern und Inzest als Krönung einer persönlichen Tragödie auch als pure Spekulation betrachten, so erzählt Emmerich dieses Melodram so flüssig und in den Emotionen nachvollziehbar, dass man sich seiner Wirkung nicht entziehen kann.

"Anonymus" entwickelt vor allem in der zweiten Hälfte einen starken dramatischen Sog, illustriert die Macht des Wortes und die Ohnmacht eines Mannes, der sein künstlerisches Genie nie outen durfte, zeigt in Ausstattung und Effekten, was Emmerich und sein Team mit nur 30 Millionen Dollar in den Studios von Babelsberg zu leisten vermögen, und vor der Kamera eine ideale Mischung aus bekannten Namen und talentierten Newcomern. Über die "Fakten" mag hitzig und damit auch werbewirksam diskutiert werden, doch die Fiktion, der Film selbst, spricht für sich. Somit ist beim Novemberstart völlig unbegründet, was Richard III, eine Schlüsselfigur auch im Film, einst bei Shakespeare behauptete: "Nun ward der Winter unsers Mißvergnügens."

kob. Quelle: www.kino.de

 

Drama:

Großbritannien/Deutschland 2011
Laufzeit: 130 Min.
FSK: ab 12 Jahre

Rhys Ifans
Vanessa Redgrave
Joely Richardson

Regie: Roland Emmerich
Verleih: Sony Pictures