31.03.2015 08:00 von Mathieu Amalric

Das blaue Zimmer - Verwirrspiel zwischen sinnlichem Liebes- und trockenem Gerichtsdrama

Das blaue Zimmer kino

Julien Gahyde ist Kleinunternehmer, lebt glücklich mit Frau und Tochter in einem schönen Haus; (c) Arsenal

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Von: GFDK - Arsenal/kino.de

Schauspieler Mathieu Amalric verfilmt Georges Simenons titelgebenden Roman als Mischung von sinnlichem Liebes- und trockenem Gerichtsdrama.

Das blaue Zimmer demnächst im Kino

Vier Jahre nach der Burleske "Tournée" präsentierte Mathieu Amalric im Certain Regard des Festival de Cannes seinen fünften Film. Der Regisseur aus Leidenschaft und Schauspieler aus Vernunft, wie er sich beschreibt, betrachtet sein Kino als handwerkliche Arbeit. Zwei Jahre arbeitete er an einer Adaption von Stendhals Roman "Rot und Schwarz", kam aber nicht weiter und entschied sich schnell für Georges Simenons Krimi, den er innerhalb eines Jahres fertigstellte.

Der beginnt wie ein heißer Liebesfilm, zwei ineinander verschlungene Körper auf einem zerwühlten Laken, Sperma, Schweiß und Blutstropfen als böses Omen. Dann herrscht über Wochen Funkstille zwischen den Liebenden, die beide verheiratet sind. Der Untreue wird von der Polizei festgenommen, ohne zu wissen warum. Julien Gahyde, Kleinunternehmer, Ehemann und Vater einer Tochter lebt ein geordnetes Leben in einem schönen Haus, hat alles erreicht. Aber etwas fehlt ihm. Als er per Zufall seine Jugendfreundin Esther auf der Landstraße trifft, vergisst er alles, stürzt sich in eine heiße Affäre. Im Verhör mit der Polizei und Gesprächen mit einem Psychologen rekonstruiert der Mann, was sich ereignete und leugnet einige Details. Aus Fragmenten setzt sich ein sehr ambivalentes Bild zusammen, das Überraschungen birgt und keine Lösung präsentiert. Bis zum Ende ahnt man nicht, wessen er angeklagt ist.

Amalric bleibt seiner gegen den Strich gebürsteten Erzählweise treu, entwickelt die Anzeichen des Dramas sukzessive, bis verständlich wird, was der Hauptperson passiert ist. Dabei durchbricht er Zeitebenen, führt permanent auf falsche Fährten und verwirrt den Betrachter. Mal verweilt er länger bei der Exploration der Vergangenheit, dann wieder jagt er durch die Handlung, an deren Ende zwei Menschen tot sind, seine Frau und der Gatte der Geliebten. Irgendwann verliert man den Faden und weiß nicht, ist der Angeklagte Täter oder nur Opfer eines perfiden weiblichen Intrigenspiels.

Amalric erreicht vielleicht nicht die dunkle Doppelbödigkeit eines Claude Chabrol (dem der Stoff von Gérard Depardieu einmal vorgeschlagen wurde), überzeugt dafür aber mit fast impressionistischen Bildern und spannt die Zuschauer-Fantasie auf die Folter. Der Schauspieler-Regisseur verkörpert mit großer Intensität den Wankelmütigen zwischen Ehefrau und Maitresse, zwischen Unschuld und Schuld. Ihm gelingt souverän der Spagat zwischen trockenem Justizprozedere mit endlosen Verhören und einem mehr spielerischen "Whodunit". mk.


Georges-Simenon-Adaption von und mit dem französischen Schauspielstar Mathieu Amalric

Kinostart: 02.04.2015