18.02.2017 11:46 Kompagnon-Förderpreis

Berlinale: Förderpreis geht an Nora Fingscheidt, Levin Peter and Elsa Kremser

Festlicher Abschluss auf der Berlinale - Filmnachwuchs gefeiert

Sigrid Hoerner, Feo Aladag, Johannes Naber, Stephan Bechinger, Nora Fingscheidt, Florian Weghorn, Christine Tröstrum © Daniel Seiffert

Von: GFDK - Xenia Thamm

Gestern, am feierlichen Abschlussabend der Perspektive Deutsches Kino, wurden erstmalig die Kompagnon-Förderpreise für je ein neues Projekt an eine*n Autor*in und/oder Regisseur*in von Berlinale Talents 2017 und an eine*n Perspektive-Deutsches-Kino-Alumnus/Alumna 2016 verliehen. Die Preise sind mit 5.000 Euro dotiert, die Berlinale gratuliert herzlich.

Mit dem Kompagnon-Förderpreis möchten Berlinale Talents und Perspektive Deutsches Kino einen gemeinsamen Beitrag zur nachhaltigen Talentförderung von in Deutschland lebenden Regisseur*innen und Drehbuchautor*innen leisten. Die Initiative zielt dabei auf mehr als „nur“ das konkrete Filmprojekt. Neben einer Stärkung der künstlerischen Handschrift unterstützt das Mentorenprogramm die Preisträger*innen bei der Vernetzung mit der Branche und bietet berufsbegleitende Coachings.

Die Jury, bestehend aus den Filmemacher*innen Feo Aladag, Sigrid Hoerner und Johannes Naber, entschied sich für die Treatments Systemsprenger von Nora Fingscheidt (Berlinale Talents 2017) und Der grüne Wellensittich von Levin Peter und Elsa Kremser (Perspektive Deutsches Kino 2016).

Die Begründung der Jury im Wortlaut:

Systemsprenger von Nora Fingscheidt entwirft die Geschichte der neunjährigen Benni, die als Schwererziehbare, von ihrer überforderten Mutter aufgegeben, durch alle behördlichen Erziehungsraster fällt – bis der Sozialarbeiter Micha beschließt, eine wirkliche persönliche Beziehung zu dem Kind zu riskieren, und dabei seine Grenzen übertritt.

Ein beklemmendes, einfühlsames und genau recherchiertes Szenario über unser pädagogisches System und ein ergreifendes, humanistisches Plädoyer für die „Schwierigen”, die Nicht-Konformen, die vermeintlich Dysfunktionalen.

Nora Fingscheidt verzichtet darauf, Antworten zu geben, sondern lässt die Fragen, die sie stellt, in einem Echoraum weiterschwingen. Systemsprenger hat so unsere Herzen berührt und unser Denken nachhaltig bewegt.

Die Begründung der Jury im Wortlaut:

Der grüne Wellensittich spielt in Weißrussland und erzählt die Geschichte des 34-jährigen Mischa, der nachts als Obduktionsassistent arbeitet und tagsüber Leichen auf Öl malt. Er trifft auf die 17-jährige Anna, deren gescheiterter Suizidversuch ihre Begegnung erst möglich macht. Ihrer beider Einsamkeit führt sie zur zwanghaften Beschäftigung mit dem Tod - woraus die Autor*innen Levin Peter und Elsa Kremser die schönsten Formen von Lebendigkeit erwachsen lassen: Kreativität und Liebe.

Es ist ein Spielfilmentwurf mit realen Protagonist*innen, allen voran Mischa, der sich selbst spielen soll. Dieses Verweben von dokumentarischem Prinzip mit inszenatorischer Gestaltung, dieses experimentelle Tasten in der Mischform verspricht einen formal und inhaltlich außergewöhnlichen Film. Auch weil die Autor*innen niemals zu bewerten, zu deuten scheinen – weder die Menschen selbst noch die Welt, in der sie sich zu definieren suchen. Nein, sie beobachten und lassen dabei Räume entstehen, die von eindringlichen Bildern und Charakteren getragen werden und nicht von einem auktorialen Erzählwillen.

Wenn das radikale Vertrauen in den eigenen Stoff stärker ist als alle Ängste vor Ablehnung, können Filme mit Herzschlag entstehen, die unvergesslich bleiben. Der grüne Wellensittich trägt dieses Potential in sich.