11.06.2013 09:00 Dienstag 18.6.2013, 20:00 Uhr Literaturhaus Berlin

Lesung: "Ethos und Diktatur. Klaus Mann vs. Gustaf Gründgens." Der Gründgens-Biograf Thomas Blubacher im Literaturhaus Berlin

Thomas Blubacher im Literaturhaus Berlin

Die Wirkungsgeschichte der beiden ehemaligen Freunde zeichnet sich durch Kontroversen aus. (c) Seemann Henschel

Von: Literaturhaus Berlin

Nach dem II. Weltkrieg kommt es im Mai 1946 im Deutschen Theater Berlin zu einer „stummen Konfrontation“: Der Schauspieler Gustaf Gründgens erlebt in Carl Sternheims „Der Snob“ sein stürmisch gefeiertes Comeback und sonnt sich im rauschenden Beifall. Und dennoch schreckt der routinierte Mime für einen Moment auf, als er in der ersten Reihe des Theaters einen amerikanischen Soldaten erblickt. Es handelt sich um seinen einstigen Freund und zeitweiligen Schwager Klaus Mann.

In ihrer Jugend spielten die beiden Männer zusammen mit Erika Mann und Pamela Wedekind Theater. Spätestens als im Januar 1933 die Nazis an die Macht kamen, trennten sich ihre Wege diametral: Klaus ging ins Exil und organisierte im Ausland den literarischen Widerstand gegen die Nazis. Als dies offensichtlich nicht fruchtete, entschloss sich der bisher eher dandyhaft lebende Sohn Thomas Manns, als Soldat in den Reihen US-Army gegen die Nazis zu kämpfen. Anders Gustaf: Der bisher frivol auftretende Bühnenstar, der für die Nazis zunächst die Personifikation des von ihnen verhassten „Systems“ darstellte, wurde zur Nummer eins des Theaters in der braunen Zeit. Klaus Mann hat ihn aus der Ferne als skrupellosen, erfolgsbesessen Karrieristen wahrgenommen, der sein Talent einem mörderischen System zur Verfügung stellte und zu dessen Nutznießer wurde. Klaus Mann wollte mit seinem Roman „Mephisto“ auf einen Menschentyp hinweisen, der durch seine Anpassung und seinen Opportunismus ein menschenverachtendes System funktionieren lässt. Seine Hauptfigur, Hendrik Höfgen, trägt unmissverständlich die Züge Gustaf Gründgens‘. Für Klaus Mann war es eine Art Adelsschlag, dass die Nazis sein Buch auf den Index setzten. Dass sein Buch im Nachkriegsdeutschland zu seinen Lebzeiten keinen Verleger fand, war sicher einer der Gründe für dessen späteren Selbstmord.
Die Wirkungsgeschichte der beiden ehemaligen Freunde ist von Kontroversen geprägt:
Es waren Opfer des NS-Regimes, denen Gründgens in der NS-Zeit das Leben rettete, und die sich für dessen Rehabilitierung einsetzten. Andere machen das unbestreitbare Talent des Theatermannes und dessen zentrale Rolle bei der Prägung der Theaterlandschaft in der frühen Bundesrepublik geltend.  Andererseits erfährt Klaus Mann im Nachhinein harte Kritik: Ihm wird vorgeworfen, er hätte die menschliche Integrität von Gründgens verkannt und würde von Rache und Neid getrieben sein.
Das Dilemma wirft die Frage nach dem Verhalten und der Verantwortung des Einzelnen unter den Bedingungen in einer Diktatur auf. Zudem steht die Frage, ob die so gewonnen Erkenntnisse auch bei der Aufarbeitung der zweiten deutschen Diktatur Anwendung finden können. Und erst recht, ob Folgerungen für den Umgang mit autoritären bzw. totalitären Tendenzen in bestimmten Parallelwelten unserer Gesellschaft zu ziehen sind.

Der Theaterwissenschaftler Thomas Blubacher hat kürzlich in Berlin die faktenreichste Gründgens-Biografie zu dessen 50. Todestag vorgelegt. Er stellt sich den Fragen der beiden Vorsitzenden der erst im November 2012 gegründeten KLAUS MANN INITIATIVE BERLIN, Frank Träger und Konstantin Rau.

 

Dienstag 18.6.2013, 20:00 Uhr Literaturhaus Berlin

Fasanenstraße 23, 10719 Berlin-Charlottenburg

Internet: www.literaturhaus-berlin.de


Eintritt: 5.- / 3.- EURO