20.07.2018 07:57 Er sei nunmal „kein Beamtenhäuptling“

Gabor Steingart empfiehlt eine starke Biografie über Ralf Dahrendorf

Gabor Steingart empfiehlt eine starke Biografie über Ralf Dahrendorf

Ralf Dahrendorf (links) 1970 im Gespräch mit Klaus Mehnert. Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F031122-0017 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0

Von: GFDK - Bücher und Literatur

Gabor Steingart spricht für uns eine Empfehlung in seinem Morning Briefing aus. Eine neue, 477 Seiten starke Biografie bewertet, beleuchtet und bewundert das Leben des liberalen Intellektuellen Ralf Dahrendorf.

Er sei nunmal „kein Beamtenhäuptling“

Wir begegnen in dem Werk von Franziska Meifort dem wackeren Kämpfer für die Demokratie, dem großen Europäer, aber auch dem unbeugsamen Feind der Brüsseler Bürokratie.

Selbst als Kommissar für Außenhandel, von der rot-gelben Koalition des Willy Brandt in Brüssel installiert, kritisiert und polemisiert er auf Teufel komm raus, gern auch unter Pseudonym.

Als ihn die EU-Elite enttarnt und zur Rechenschaft ziehen will, entgegnet Dahrendorf kühl, er sei nunmal „kein Beamtenhäuptling“. Das Buch sollte Pflichtlektüre für Jungpolitiker und Nachwuchsjournalisten sein.

Wenn es denn gegen den Virus von Opportunismus, Karrierismus und Stupiditismus ein Gegengift gibt, dann dieses Buch. Eine kräftige Dosis Dahrendorf kann der modernen Gesellschaft nur bekömmlich sein.

Ralf Dahrendorfs legendärer Schlagabtausch mit Rudi Dutschke im Januar 1968 auf dem Höhepunkt der Studentenrevolte ist die Eröffnungsszene der ersten Biographie des – nach Jürgen Habermas – wohl bedeutendsten deutschen Intellektuellen seiner Generation.

Auf der Grundlage umfangreicher Forschungen zeichnet Franziska Meifort darin Leben und Gedankenwelt des großen Liberalen nach. Soziologieprofessor, Bildungsreformer, FDP-Politiker, EG-Kommissar, Direktor der London School of Economics, schließlich Lord und Mitglied im britischen Oberhaus – mit atemberaubender Virtuosität hat Ralf Dahrendorf in seinem Leben immer wieder ganz neue Kapitel aufgeschlagen.

Von den Prägungen durch die Widerstandstätigkeit des Vaters und die eigene Hafterfahrung 1944/45 bis zu den späten Schriften und Stellungnahmen zeigt diese klug reflektierende Biographie das Wirken eines öffentlichen Intellektuellen, der sich mit Leidenschaft der Demokratie und einem ganz eigenen Verständnis des Liberalismus verpflichtet fühlte.

Dieser Liberalismus wurde schon zu seinen Lebzeiten weitgehend parteipolitisch heimatlos, bis er schließlich fast in ihm allein seinen europäischen Referenzpunkt hatte.