05.03.2014 09:00 Ein pulsierendes Zeitporträt

Buch: Nobert Leithold schreibt in "Herrliche Zeiten" über Kunstraub, Raubkunst und drei Generationen

Nobert Leithold Herrliche Zeiten

Nobert Leithold erzählt über den Aufstieg und Fall einer großbürgerlichen Familie über drei Generationen hinweg. Foto (c) Iris Leithold/ DVA

Von: GFDK - Deutsche Verlags-Anstalt

Norbert Leithold erzählt in seinem neuen Roman "Herrliche Zeiten" eine dramatische Geschichte einer Berliner Unternehmerfamilie in den Wirren des 20. Jahrhunderts.

Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs

Der Berliner Fabrikant Hermann Kypscholl wähnt sich auf der Seite der Gewinner, seiner Familie fehlt es an nichts, und bei Feiern mit illustren Gästen in der Wannsee-Villa fließt Sekt in Strömen. Tochter Anna steht vor einer Karriere als Rassenforscherin; Sohn Otto, der eigentlich Maler werden will, wird von seinem Vater in die Wehrmacht gezwungen und »sichert« in Europa Kunstwerke für Nazigrößen. Doch nach 1945 ist nichts mehr, wie es war: Anna wird vermisst, Otto sitzt im Kriegsverbrechergefängnis, und die Teilung Deutschlands schlägt eine Schneise in die Familie. erst in den 1960er Jahren finden Annas Tochter und Ottos Sohn zusammen, aber beide leiden unter den Wunden, die der Krieg gerissen hat.


Herrliche Zeiten ist ein monumentaler Generations-Roman

Nobert Leithold schreibt über Anpassung, Widerstand und Deformierungen an Leib und Seele. In epischer Sprache und mit psychologischer Tiefenschärfe zeichnet Norbert Leithold Aufstieg und Fall einer großbürgerlichen Familie über drei Generationen hinweg und entwirft ein lebendiges Panorama vom »Dritten Reich« bis in die 1968er in West und Ost.


Interview: Nobert Leithold über sein Buch HERRLICHE ZEITEN

Herr Leithold, in Ihrem Roman Herrliche Zeiten zeichnen Sie das Porträt der Berliner Unternehmerfamilie Kypscholl über drei Generationen, vom Vorabend des Zweiten Weltkriegs bis in die 68er Jahre in Ost und West. Was hat Sie zu dieser groß angelegten Familiengeschichte inspiriert?

Die gesellschaftlichen Umbrüche in Deutschland in der Zeit von 1933 bis 1968, die derart radikal waren, als kulminierten in den knapp vierzig Jahren Jahrhunderte Vergangenheit. Mit etwas Abstand zu dieser Zeit kann man sie gelöster betrachten – und auch gelöster darüber schreiben. Je mehr Zeit vergeht, umso feinere Facetten bekommt das Zeitgemälde, umso mehr Tiefenschärfe – auch und gerade emotionaler Art. Liebe, Hass und Ehrgeiz treiben jeden in der Familie Kypscholl um, und das mit allen Konsequenzen. Um das zu verstehen, braucht es den Roman.

Was stand für Sie am Anfang, als Sie mit der Arbeit an Herrliche Zeiten begannen?


Wie stark sind Familienbande in politisch-gesellschaftlichen Ausnahmesituationen? Auf diese Frage will ich in diesem Roman eine Antwort finden. Jeder von uns kennt diese dramatischen Geschehnisse aus der eigenen Familie, die auch die nachfolgenden Generationen beeinflussen: Meine Mutter zum Beispiel bekam 1945 ihr erstes Kind, ihr Verlobter war gefallen und sie war unverheiratet. Das akzeptierte ihre streng katholische Familie nicht. Das Kind wurde weggegeben und starb bald. Dann heiratete meine Mutter, bekam Kinder, die Familie schien zufrieden. Aber weil sie vor dem Mauerbau nicht in den Westen zurückging, wurde sie verstoßen. Darüber kam sie nie hinweg. Oder ein anderes Beispiel: Eine Freundin von mir zog nach der Wende in den Westen und verliebte sich leidenschaftlich in einen Arztkollegen, der sie, trotz eigener Familie, ebenso leidenschaftlich liebte. Was beide nicht wussten: Sie waren Halbgeschwister. Klingt wie eine Klamotte, ist aber passiert, für den einen mit tödlichem Ausgang. Es sind diese Art Familiendramen, die mich interessieren – und man muss sie meist nicht einmal erfinden.

Gibt es ein historisches Vorbild für die Familie Kypscholl?

Die Kypscholls sind typische Aufsteiger im Dritten Reich; viele dieser Aufsteiger fanden auch nach 1945 wieder einen Platz in der Gesellschaft. Zu den Profiteuren dieser Zeit gibt es mittlerweile hervorragende wissenschaftliche Studien. Aber was den Roman lebendig macht, was das Salz in der Suppe ist, das sind die Geschehnisse in der eigenen Familie, Erzählungen von Verwandten, von Zeitzeugen, schriftliche wie mündliche Nachlässe.

Das Leben der Kypscholls ist ja sehr eng mit historischen Persönlichkeiten verbunden – Otto zum Beispiel, eine der zentralen Figuren, steht in direktem Kontakt mit Göring. Wie nahe bleiben Sie an der Historie?

Die Fakten sind historisch korrekt, die Figuren und ihre Beweggründe sind Fiktion. Otto, der Sohn des Fabrikanten Hermann Kypscholl, raubt für Göring Kunstwerke aus Paris, Warschau und Petersburg – wie das damals tatsächlich vonstatten ging, habe ich genau recherchiert. Aber dass das Rauben zu einer Leidenschaft für Otto wird, um von dem mächtigen Mann angenommen und geliebt zu werden, das ist Fiktion und zeigt deutlich, welche charakterlichen Folgen derartige Taten haben – etwas das sich eher emotional erfassen lässt.

In Ihrem Buch schildern Sie sehr detailliert, wie im „Dritten Reich“ Kunst geraubt wurde. Kennen Sie das aus eigener Anschauung?

Ich bin mit Raubkunst und Kunstraub groß geworden. Als Kind habe ich erlebt, wie meine Mutter für eine Bekannte Kisten mit altem Meißner-Porzellan auf dem Spitzboden vor deren Mann, einem Funktionär, versteckte. Es waren die 1960er-Jahre, als in der DDR der neue Mensch ausgerufen wurde, der sich von allem Überkommenen trennen sollte. Regelmäßig gab es großangelegte Sperrmüllaktionen. Dort landete, was den Krieg überstanden hatte: alte Möbel, Gemälde, auch Kunstwerke aus dem Besitz der Herzöge von Mecklenburg. Ich habe vieles eingesammelt und besitze es heute noch. Noch beeindruckender waren für mich die Lagerhallen eines Fuhrunternehmers, in denen ich als Kind spielte. Sie waren randvoll mit im Krieg geraubter Kunst. Ich habe mich da auch bedient. Ich kannte sogar die Geschichte von einigen dieser Kostbarkeiten. Wenn man so will, ist Otto Kypscholl eine Wiedergeburt des Fuhrunternehmers.

Durch den Fall Gurlitt bekommt
Herrliche Zeiten besondere Aktualität. Zudem läuft im Januar 2014 The Monuments Men in den Kinos an mit George Clooney in der Hauptrolle. Er spielt einen amerikanischen Kunstoffizier, der von Nazis geraubte Kunst aufspüren soll.

Das Thema Raubkunst, Kunstraub wird umso mehr Bedeutung erlangen, je länger es nicht gelöst ist. Das hängt auch mit der Globalisierung zusammen. Die oft empfundene Anonymität im Globalen soll durch Identität im Nationalen ausgeglichen werden. Das geschieht in hohem Maße über Kunstwerke. Sie sind das Gedächtnis eines Volkes, und das eigene Gedächtnis will man nicht verlieren. Bezeichnenderweise zerstören Eroberer häufig zuerst Museen, Bibliotheken und Archive. Das hat Alexander von Mazedonien gemacht, Napoleon, Hitler, das passierte im Serbienkrieg 1995, das gehen die Taliban vor, das geschieht in Ägypten, in Syrien.

Eine zweite zentrale Figur im Roman ist Anna, Ottos Schwester, die sich für die Rassenbiologie entzündet, ein Thema, das Sie selbst schon viele Jahre begleitet – schon in Ihrem Debütroman Kontrollverlust widmeten Sie sich dem Lebensborn der SS.

Mitte der 1980er-Jahre war das Thema Neuland. Es bedurfte vieler Archivstudien, und ich hatte das Glück, einen Zeitzeugen eines Lebensborns befragen zu können. Kontrollverlust sollte zunächst eine Forschungsstudie werden, das Thema konnte aber so nicht in der DDR erscheinen, es musste prosaisch neutralisiert werden. Nun kann ich das Thema Lebensborn in den Kontext der damaligen Zeit stellen. Der Lebensborngedanke ist im Grunde uralt und geht auf den Homunkulus zurück. Das Züchten einer erbgesunden germanischen Rasse, die Menschexperimente dazu waren Teil der Naziideologie: Der Jude sollte ausgerottet werden, der Arier sollte gezüchtet werden. Dafür haben sich damals weitaus mehr eingesetzt, als wir es heute wahrhaben wollen, und Anna ist geradezu besessen von der Vision, erbgesunde Kinder zu züchten.

Ihr Roman führt vom „Dritten Reich“ über die 1950er-Jahre in Ost- und Westdeutschland, in denen alles möglich schien, in die späten 1960er, die stark ideologisch geprägt waren. Worauf gründen Ihre Schilderungen der Studentenunruhen 1967 in Berlin?

Vor einigen Jahren habe ich einen pensionierten Gymnasialdirektor kennengelernt. Er hatte mit Dutschke "gekämpft" und die Kommune 1 kennengelernt, hatte in Berliner Szenekneipen über die neue Welt debattiert und Anschläge gegen alles, was mit Axel Springer zu tun hatte, vorbereitet. Ich habe ihm aufmerksam zugehört – und seine Berichte haben mich zu diesem Teil des Romans inspiriert.

Sie schildern Zeitgeschichte vor allem durch das Handeln der Figuren. Obwohl die psychologische Entwicklung der Protagonisten den Kern des Romans bildet, haben Sie sich gegen eine psychologische Schreibweise entschieden. Der Erzähler bleibt dem Geschehen gegenüber distanziert. Das ist recht ungewöhnlich für einen Roman der Gegenwart.

Da kommt der Historiker durch. Oder das Bedürfnis, jede Position, und sei sie noch so verwerflich, darzustellen. So ermögliche ich es dem Leser, sich in jede Figur vorbehaltlos einzufühlen, er kann und muss seinen Teil zum Ganzen, zur Wirkung beitragen.

Sprachlich zeichnet sich Ihr Roman durch eine starke Dynamik aus, Sie lassen Szenen ineinander übergehen, vermitteln so Gleichzeitigkeit, Unmittelbarkeit und damit auch Gegenwärtigkeit – wie haben Sie zu dieser sprachlichen Form gefunden?

Im Grund basiert mein Roman auf einer musikalischen Struktur. Vielstimmigkeit, Nuancen und Dramatik ergeben den orchestralen Klang. Musik weckt Emotionen – wenn Sprache in einem Text ein Klangbild herstellt, kann man dem Leser, der sich darauf einlässt, sehr nahe kommen. Bis ich den für mich richtigen Sprachklang von Herrliche Zeiten gefunden hatte, waren zehn Jahre vergangen. Jetzt ist er in mir gespeichert.

Also eine Art polyphoner Klang?

Ja, verschiedene Melodien – und damit auch Erzählstränge – laufen zeitgleich gegeneinander. Durch die Gleichzeitigkeit des Geschehens (unterstrichen wird das dadurch, dass ich im Präsens erzähle) wird die Distanz der Erzählweise aufgehoben, Unmittelbarkeit stellt sich ein. Man denke an den Unterschied zwischen einem Livekonzert und einem aus der Konserve.

Sehen Sie sich in einer literarischen Tradition? Formal, stilistisch, inhaltlich?

Ich kann schon lange keine Romane mehr lesen, weil ich auf die eigene Stimme hören muss. Was mich an- und aufregt, sind Archivfunde und Musik von Strauss und Mahler bis zu Gluck, Rameau und Lully – die lyrische Tragödie, das gesungene Drama.

Herrliche Zeiten ist Ihr vierter Roman, der letzte liegt schon gut zwanzig Jahre zurück –warum haben Sie so lange keine Prosa mehr geschrieben?

Prosa habe ich immer geschrieben, mit Herrliche Zeiten habe ich 1997 begonnen. Die dann folgenden Sachbücher waren das Ergebnis eines Archivfunds von Dokumenten aus dem 18./19. Jahrhundert, also Zeiten unerhörter Umbrüche: 1789 und dann das Terrorregime von Bonaparte. Aber Sachbücher, auch wenn ich sie gerne erzählend und nicht über Fußnoten schreibe, bleiben Sachbücher. Der Wandel zwischen Fiktion und Realität, die Macht, einen Kosmos zu schaffen, ist im Sachbuch nicht möglich.

Sie beschreiben Grenzsituationen.

Davon habe ich einige selbst erlebt. Das Überschreiten von Grenzen geschieht häufig zunächst ohne Unrechtsbewusstsein. Im Großen wie im Kleinen. Man hat eine Mission, man glaubt sich im Recht. In dem vermeintlich konservativen Familienclan der Kypscholls werden ständig Grenzen überschritten, Grenzüberschreitungen sind überhaupt die Voraussetzung, damit sich etwas ändert. Und sei die Reaktion darauf die Bestätigung des Bestehenden.

Interview/ Quelle: Random House


Norbert Leithold, geboren 1957 in Schwerin, begann seine literarische Karriere Ende der 1980er Jahre unter dem Autorennamen Norbert Bleisch mit "Kontrollverlust" (1988), "Lord Müll" (1989) und "Viertes Deutschland" (1992). Er wurde für sein literarisches Werk vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Alfred-Döblin-Förderpreis. Seit 2000 erforscht er die friderizianische Zeit und veröffentlichte von der Kritik gelobte Sachbücher zum Thema. Mit "Herrliche Zeiten" legt er nun seinen vierten Roman vor; er hat ein Jahrzehnt daran gearbeitet.

»Man liest diesen Roman atemlos. Der Autor schafft streckenweise eine quälende Nähe zwischen Lesern und Tätern - und Täter sind in seinem Roman fast alle.«

Basler Zeitung (26.02.2014)

Deutsche Verlags-Anstalt 3. März 2014 christine.liebl (at) dva.de