13.12.2014 10:28 magische welt

Buch: Mittelerde liegt in Finnland - Das Kalevala und der Hobbit

Das Kalevala und der Hobbit

Das Kalevala und der Hobbit. In der Sage berichtet Tilman Spreckelsen von einer Reise an die Orte, an denen der Geschichtensammler Elias Lönnrot um 1830 wirkte und wanderte (c) Galiani Berlin

Von: GFDK - Galiani Berlin

Nach dem isländischen Mordbrand von Örnolfsdalur erscheint jetzt die zweite meisterliche Nacherzählung eines Nationalepos von Tilman Spreckelsen, wieder prachtvoll illustriert von Kat Menschik – diesmal das Kalevala, das finnische Nationalepos, gesammelt und  aufgeschrieben von Elias Lönnrot in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf jahrelangen Wanderungen durch die entlegensten Gegenden des Landes.

„Als Ilmarinen am nächsten Morgen aufwachte, war das Mädchen verschwunden. Vor Wut schlug Ilmarinen ein Loch in die Wand. Ich finde dich, brüllte er, dann bringe ich dich um!

Hast du mich dafür geschmiedet, wehrlose Mädchen zu töten? fragte sein Schwert.

Ilmarinen überlegte. Dann sandte er dem Mädchen einen Zauber hinterher und verwandelte sie in eine Möwe.

Und, fragte Väinämöinen, als Ilmarinen ihn auf dem Heimweg besuchte, wie steht es oben in Pohjola?

Alles bestens, sagte Ilmarinen, dank des Sampo wissen sie gar nicht wohin mit ihrem Reichtum.

Und deine Braut? fragte Väinämöinen.

Die macht als Möwe die Küste unsicher, sagte Ilmarinen.“


Magische Welt des Nordens

In den Geschichten und Bildern tauchen wir ein in eine magische Welt voller verschneiter Waldpfade, wilder Küsten und nur vom Herdfeuer erleuchteter Hütten. Wir schwimmen im Meer mit Ilmatar dem Wolkenmädchen, der Mutter des uralten, weisen Väinämöinen, die sich  siebenhundert Jahre durch die Meere treiben ließ, bis eine Ente auf ihrem Knie ein Nest baute, aus dessen zerbrochenen Eiern die Erde, die Sonne, der Mond und die Sterne entstanden. Wir brausen auf wilden Schlittenfahrten im Auftrag der mächtigen Hexe Louhi durch finstere Wälder und schmuggeln uns auf die dramatische Hochzeitsfeier des Schmiedes Ilmarinen, der für seine Schwiegermutter Louhi das Sampo schmieden musste, die Goldmühle, die Reichtum und Macht verleiht.

Es sind schlaue, furchtlose, manchmal hinterlistige, manchmal weise, oft unbeirrbare Charaktere, die das Land Väinämöinens und Ilmarinens im Süden und das Nordreich Pohjola bevölkern. Sie leben in einer unwirtlichen Weltgegend, die nicht nur von wilden, sondern auch verhexten Tieren heimgesucht wird und in der Mond und Sonne keine zuverlässigen Größen sind (sie lassen sich von Väinämöinens wunderschönem Kantelespiel anlocken, kommen vom Himmel herunter und setzen sich auf eine Birke und eine Föhre, um besser zuhören zu können. Dort werden sie von der bösen Hexe Louhi eingefangen und in eine Höhle gesperrt, und es wird dunkel im Land, bis der Himmelsherrscher Ukko das Unheil bemerkt). Manche der Figuren kennen Zaubersprüche oder können unzerstörbare Schwerter und eine Mühle schmieden, die Gold spendet.

Eine Reise in den Norden - in das Land der Hobbits

Doch immer sind die Geschichten, die sich zwischen diesen Männern und Frauen abspielen, zutiefst menschlich. Tilman Spreckelsen gelingt es, das in Dialogen zu spiegeln, die bisweilen einen ganz eigenen Humor oder aber eine kraftvolle, lakonische Tragik entfalten.

Zwischen den einzelnen Kapiteln der Sage berichtet Tilman Spreckelsen eindrückliche Szenen aus dem heutigen Finnland, von einer Reise an die Orte, an denen der Geschichtensammler Elias Lönnrot um 1830 wirkte und wanderte.

Auf den Spuren des Geschichtenerzählers Lönnrot

Wir erleben zum Beispiel einen nachtfrühen Morgen in Kajaani (wo Lönnrot 20 Jahre lang als Arzt lebte), an dem die Lönnrot-Spurensucher durch den schlafenden Ort zur kleinen Sternwarte wandern, um dort – als der Nebel kurz aufreißt – zu sehen, wie die Venus vor der Sonne vorbeizieht. In Karelien (wo Lönnrot den Großteil seiner Geschichten und Lieder sammelte, aus denen er dann das Kalevala komponierte), begegnen Spreckelsen und Menschik Leuten, deren Vorfahren Schamanen waren und die noch immer Lieder kennen, die gegen Schnittwunden helfen – man erinnert das Eisen daran, dass es doch auch einmal flüssig und schwach war, bevor es geschmiedet wurde. Und auf karelischen Friedhöfen wie dem in Venehjärvi, der friedlich zwischen Bäumen auf einer Landzunge liegt, haben die flachen Holzdächer über den Gräbern kleine Öffnungen, falls die Toten doch mal hinaus wollen. Beim Verlassen des Friedhofs scheint die alte Regel, dass man seine Hände im Gras abwischen soll, um wirklich nichts von den Toten mitzunehmen, auf einmal sehr einleuchtend.

Diese Passagen fügen der Saga eine neue Ebene hinzu, denn man merkt, wie die alten Geschichten bis heute fortleben, wie sie unter dem Waldboden, unter den Straßen und Häusern liegen wie Wurzeln, die sich winden und wachsen; noch immer.

Die prächtigen, kraftvollen Illustrationen von Kat Menschik wirken beinahe so wie die Zaubersprüche in den Geschichten. Sie glühen wie Ilmarinens Schmiedefeuer, zischen wie der Flügelschlag des mächtigen Adlers, kühlen wie das Wasser des Totenflusses, rauschen wie der Sturm, den Ukko geschickt hat – und lassen uns nicht mehr los.

Kalevala. Eine Sage aus dem Norden

Verlag Galiani Berlin
194 Seiten
Sonderformat, geprägter Umschlag, Vierfarbillustrationen, schöne Ausstattung
Euro 24,99 (D) | sFr 34,70 | Euro 25,70 (A)
ISBN 978-3-86971-099-0

Erschienen am 14. August 2014

Tilman Spreckelsen arbeitet für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Er ist Herausgeber mehrerer Anthologien und Bücher, u. a. Der Mordbrand von Örnolfsdalur (2011), der Nacherzählung der Islandsagas, illustriert von Kat Menschik. 2014 erhielt Tilman Spreckelsen den Theodor-Storm-Preis.

Kat Menschik, „die beste Illustratorin Deutschlands“ (Jakob Augstein) lebt in Berlin. Das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erhält von ihr seine optische Prägung, viele von ihr illustrierte Bücher erlangten Kultstatus (u. a. Haruki Murakamis Schlaf). Sie fertigte die prächtigen Illustrationen des Islandsaga-Bandes Der Mordbrand von Örnolfsdalur und des finnischen Nationalepos. 2014 erschien bei Galiani das erste Buch mit eigenen Bildern und Texten: Der goldene Grubber. Von großen Momenten und kleinen Niederlagen im Gartenjahr.

info@galiani.de