27.05.2011 08:09 hat einen sommer lang aussteiger besucht

Buch: Jenseits der bürgerlichen Welt „Vom Aussteigen und Ankommen“ - Interview mit F.A.Z Redakteur Jan Grossarth

Jan Grossarth© Verlagsgruppe Random House

Von: Riemann Verlag

Zu Ihrem Buch „Vom Aussteigen und Ankommen“ hat Sie die Begegnung mit einem Bauern angeregt, der als Selbstversorger lebt. Er bewirtschaftete seinen Hof in Niedersachsen ohne moderne Technik, ausschließlich mit der Kraft seiner Hände. Was hat Sie an diesem Mann und seiner Lebensweise fasziniert?


Er war radikal unangepasst. Er hatte es nicht nötig, sein Verhalten den Erwartungen anderer Leute anzupassen, weil er von denen nichts erwartete. Ihm genügten die Erträge seines Hofes und seiner Handarbeit. Es war das erste Mal, dass ich einem Erwachsenen begegnete, der wie ein Kind war: spiegelnd, direkt. Er sagte, was er dachte. Man sprach miteinander ohne Schranken. Unsere Gespräche an den drei Tagen waren anstrengend, aber es war eine lebendige Begegnung, die nachwirkte.


Wen würden Sie als „Aussteiger“ bezeichnen?
Das müssen nicht wie der Selbstversorger Leute sein, die ganz auf Autarkie umstellen. Ich habe den Begriff für meine Reise bewusst weit gefasst. Also auch Leute, die einfach halb so viel arbeiten wie vorher, auf ein bisschen Wohlstand verzichten, als Aussteiger begriffen. Oder Leute, die ihre Lebensform radikal umstellen – aus einer Wohnung in Berlin in eine esoterische Gemeinschaft in Italien umziehen beispielsweise. Die zumindest materiell einen aus ihrer Perspektive großen Schritt zurück machen, um ideell mehr zu erreichen. Es geht um alternative Lebensformen.



Welche Motive veranlassen Menschen dazu, ein Leben jenseits der bürgerlichen Gesellschaft zu führen?
Das können verschiedene sein: Eine Aversion gegen Bürgerliche zum Beispiel oder irgendeine politische oder religiöse Radikalität. Ihre Vernunft bringt sie an einen Punkt, an dem sie mit der allgemein herrschenden, gesellschaftlichen Vernunft nicht mehr klar kommen. Radikalität – oder man nennt es Idealismus, je nachdem. Manchmal fängt es mit dem Idealismus an und wird dann zur Radikalität.



Sie haben sich auch mit der Ideengeschichte des Aussteigens beschäftigt, denn Aussteigen ist kein neuartiges Phänomen. Gibt es, im Vergleich zu alternativen Lebenskonzepten der Vergangenheit, etwas, das für Aussteiger heute typisch ist?
Die Motive vieler Leute, die ich besucht habe, waren tatsächlich auch vor hundert Jahren aktuell: Misstrauen gegenüber städtischem Leben, Entfremdung, der Wunsch nach mehr Natürlichkeit, wie schon in der Lebensreformbewegung. Oder wie vor tausend Jahren, wenn man die Mönche betrachtet. Heute faszinieren am Aussteigen aber, meine ich, nicht nur diese grundsätzlichen Zweifel. Sondern es ist so, dass wir in bürgerlichen Milieus eine Karrierefixierung haben, die zugenommen hat. Wir werden früh geeicht auf perfekte Lebensläufe, das große Geldverdienen, Mobilität. Da wünscht sich doch mancher auszusteigen. Nicht, weil er irgendeiner Utopie anhängt, sondern einfach weil er leben will. Vielleicht will man mal wieder Zeit haben, um eigenen Interessen nachzugehen, Zeit für die Familie haben, selbstbestimmte Arbeiten und so weiter. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass zur Zeit, zumindest in akademischen Millieus, eine Polarisierung stattfindet. Man stürzt sich ganz rein in die Arbeitswelt der Konzerne, der globalen Karrieren – oder man bleibt da, wo man herkommt, lebt so wie früher und steht plötzlich als relativ armer Schlucker da.



Ein Vierteljahr lang waren Sie in Deutschland, der Schweiz und Norditalien unterwegs, haben Aussteiger besucht und mit ihnen gelebt. Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie Ihre Reiseroute zusammengestellt und wie haben Sie von diesen Menschen erfahren?
Ich habe Menschen mit möglichst vielseitigen Motiven für den Ausstieg ausgewählt. Ich habe von den Leuten in Internetforen, Zeitungsarchiven, Fernseh-Mediatheken erfahren und ein bisschen herumtelefoniert.



Welchen Preis zahlen Aussteiger für ihr selbstbestimmtes Leben?
Missachtung von Nachbarn, Freunden, vielleicht der eigenen Familie, von Eltern oder den Kindern. Da kann man in einen schwierigen Kreislauf von Selbstrechtfertigung, Missachtung der anderen und weiterer Radikalisierung des eigenen Lebensentwurfs geraten.



Alle Menschen, die Sie auf ihrer Reise getroffen haben, müssen materielle Entbehrungen in Kauf nehmen, manche verzichten im Alltag auf moderne technische Hilfsmittel. Warum empfinden sie ihre Lebensform dennoch als Fortschritt?
Das empfinden nicht alle so. Wer es so empfindet, der tut das deshalb, weil er glaubt, dass sein Modell zukunftsfähig ist, während der Rest der Welt irrt.


Viele Aussteiger suchen eine naturverbundene, möglichst autarke Lebensweise und siedeln sich als Selbstversorger auf dem Land an. Aber auch in Großstädten gibt es Aussteiger. Ist es nicht deutlich schwieriger, inmitten eines urbanen Umfelds konsequent nach eigenen Vorstellungen zu leben?
Die erste Aussage stimmt nicht, es gibt nicht viele Selbstversorger, wahrscheinlich gibt es keinen einzigen richtigen. Jeder geht mal zum Supermarkt oder lässt sich zum Essen einladen. Man kann sich nicht ganz von der Gesellschaft lösen. In der Stadt geht das noch schwieriger, weil man sein Essen nicht selbst erzeugen kann und kein Trinkwasser hat. Aber auch auf dem Land kann man nicht allein autark leben, da bräuchte man schon eine Menge Gleichgesinnte, ohne etwas Arbeitsteilung kann niemand überleben. Vielleicht im Urwald, wo die reifen Kokosnüsse von den Bäumen fallen. Aber nicht bei uns.



Sie haben auf Ihrer Reise Menschen kennengelernt, die sich radikal von der bürgerlichen Gesellschaft losgesagt haben – bis hin zur Unabhängigkeit von herrschenden Wirtschaftsstrukturen, beispielsweise durch Alternativwährungen, Tauschsysteme oder Selbstversorgung. Kann man den Zielen der Aussteiger nicht auch näherkommen, wenn man ihre Lebenskonzepte gemäßigter umsetzt, oder anders gefragt: Ein bisschen aussteigen, geht das?
Natürlich. Zum Beispiel indem man eine billige Wohnung in einem Plattenbau bezieht, einen Schrebergarten mietet oder ein paar Tomaten auf dem Balkon sät. Das ist ein ganz kleiner Ausstieg, man emanzipiert sich vom Tomatenregal im Supermarkt. Wenn man will, kann man dann die Tomaten sogar gegen Erdbeeren vom Nachbarn tauschen.



Aussteigen hat fast immer Weltabkehr zur Folge. Doch vielleicht könnte man sich im Zeitalter der Globalisierung auch ganz andere Konzepte des Aussteigens vorstellen, extrem gut vernetzte und engagiert kommunizierende Gemeinschaften beispielsweise, die den Anspruch erheben, auf andere abzustrahlen und ein Vorbild für gesellschaftlichen Wandel zu sein. Sind Sie Menschen mit derartigen Ideen begegnet?
Ich war nicht nur bei Eremiten. Zugang zum Internet hatten viele, und sie kommunizieren: Ökodörfer sind mit Ökodörfern vernetzt, Schenker mit Schenkern und so weiter. Gerade die Ecovillages sehen sich als Avantgarde der kommenden Lebensform, und sie stellen sich dar im Internet, haben Facebook-Gruppen und legen Wert auf Öffentlichkeit. Manchmal verbringen sie ähnlich viel Zeit mit der Öffentlichkeitsarbeit, wie mit dem Praktizieren der Lebensform, die sie anpreisen wollen, zum Beispiel im Garten knien und Kohlrabi säen.


Auf Ihrer Reise haben Sie sich ganz auf die unterschiedlichsten Charaktere eingelassen, Sie haben ihnen intensiv zugehört und ihre Lebensweise geteilt. Wie ist es Ihnen dabei ergangen? Was war Ihre unangenehmste Erfahrung, was Ihr erfüllendstes Erlebnis?
Es war sehr anstrengend, von Welt zu Welt zu hüpfen. Manchmal auf der Reise sank die Bereitschaft zuzuhören, und ich brauchte einige Tage, bis ich dazu wieder bereit war. Erfüllend waren viele bereichernde Gespräche, zum Beispiel mit einem Geschichtenerzähler aus dem Mittelalter oder jungen Jesuiten.



Haben Sie eine Lebensform kennengelernt, die Ihnen attraktiv erschien?
Für mich selbst nicht, nein. Nicht jetzt, vielleicht später mal.



Welche Erkenntnisse haben Sie von dieser Reise für sich mitgebracht?
Dass die bürgerliche Welt genauso verrückt, normal oder vernünftig ist wie die Lebenswelten von Menschen, die Bürger als verrückt bezeichnen. Dass uns viel an Phantasie abhanden gekommen ist und Energie durch all die Angepasstheit. Aber auch, dass ein bisschen Angepasstheit auch gut ist, weil sonst niemand mehr dem anderen zuhört, jeder sich für den Nabel der Welt hält und Gesellschaft wahrscheinlich nicht mehr funktioniert.



Sind Aussteiger die glücklicheren Menschen?
So, wie Gabelstaplerfahrer oder Hals-Nasen-Ohren-Ärzte die glücklicheren Menschen sind. Einige ja, andere nein. Wenn sie insgesamt glücklicher wären, müsste es mehr geben.

Das Interview führte Elke Kreil für den Riemann Verlag.

 

Über das Buch:

»Es war die erste Nacht in meinem Leben, die ich mit einem bayerischen Filzhut auf dem Kopf verbrachte. Das Auto stand auf Laub und Schafkot ein paar Meter vom Bauwagen den Hang herab. Unten im Dorf leuchteten Straßenlichter, von oben blökten abwechselnd ein Lamm in Engelstönen und ein altes Schaf, das klang wie eine Motorsäge. Es war das erste Mutter-Kind-Gespräch nach der Geburt.«

Einfach leben, unabhängig werden. Das wünschen sich viele Menschen. Einen Sommer lang hat Jan Grossarth, Redakteur der F.A.Z., Aussteiger besucht und ihren Alltag geteilt. Bewundernd und verwundert beschreibt er seine Reise von Vorpommern bis Norditalien. Sie führt in ein streng geregeltes Öko-Dorf, zu einem freien Waldmenschen, zu Jesuiten und einem Informatiker, der sich von Abfällen ernährt. Jenseits der bürgerlichen Welt scheint manches sonderbar – nicht zuletzt die bürgerliche Welt selbst.

Über den Autor

Jan Grossarth (geboren 1981) studierte Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftsgeschichte und wurde Journalist. Zunächst arbeitete er frei für die Süddeutsche Zeitung, heute ist er Wirtschaftsredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Für seine Reportagen erhielt er mehrere journalistische Auszeichnungen, u. a. den Axel-Springer-Preis.

 

Riemann Verlag (25. April 2011)

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