21.08.2011 07:07 Mischung aus Liebesgeschichte und Satire

Buch: Gary Shteyngart führt uns in seinem Buch Super Sad True Love Story in die nahe Zukunft

(c) Rowohlt Verlag

Von: Rowohlt Verlag

Ein wenig wie in Absurdistan mag sich der 39-jährige New Yorker beim legendären Litertaturfestival im walisischen Hay-on-Why vorgekommen sein. Dort, im «Woodstock des Geistes» (Bill Clinton), gewann er für seinen neuen Roman Super Sad True Love Story den Bollinger-Everyman-Wodehouse-Preis für komische Literatur. Dafür nennt er nun eine beträchtliche Menge Champagner, eine Werkausgabe des großen P. G. Wodehouse und ein Schwein sein eigen. Präzise gesagt: eine Gloucester-Old-Spot-Sau, deren weiteres Schweineleben diese nun unter dem Namen Super Sad True Love Story gemeinsam mit den Preisträgern vergangener Jahre auf einem Bauernhof in Gloucestershire verbringen wird. (Vielleicht taucht Gary Shteyngart aber mit seinem borstigen Preisvieh im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse auf, zuzutrauen wäre es ihm.)

Aber irgendwie passt diese Geschichte zu seinem neuem Roman, der nun auch bei uns Furore macht. «Super Sad True Love Story ist das Buch zur gegenwärtigen Krise des US-Imperiums.» (taz) «Shteyngarts verspielter Witz ist für die Literatur das, was die brutale Komik von Borat für das Kino ist.» (ZEIT Online)

Ein Pferd ist ein Pferd ist ein Pferd

Gary Shteyngart, 1972 in St. Petersburg geboren, kam im Alter von sieben Jahren mit seinen jüdisch-russischen Eltern in die USA. Er ist ein Immigrantenkind («Wir sind die Vermittler eines anderen, fremden Blickes») und doch ein typischer Amerikaner; natürlich geht er zum Psychologen, «aber erst seit elf Jahren». Seine Romane sind von Tempo, Sprachwitz, zynischen Gemeinheiten und skurrilen Einfällen geprägt. Bei Super Sad True Love Story sei er mit einem ziemlich kuriosen Problem konfrontiert worden, wie er im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung verrät:

«Als Schriftsteller bin ich vom Präsens fasziniert, aber es gibt keine Gegenwart mehr, alles geht so schnell. Wenn man heutzutage ein Buch schreibt, das in der Gegenwart spielt, liest es sich bis zur Veröffentlichung wie ein historischer Roman.» Tolstoi habe es da noch gut gehabt: «Der konnte 1865 ganz entspannt über 1812 schreiben, ein Pferd war immer noch ein Pferd, Winter war Winter, es gab keine Erderwärmung, keine neue Killer-App fürs iPhone …»

Unter der Herrschaft des «Äppäräts»

Welcome to the USA! Das Amerika, in das uns Shteyngart in Super Sad True Love Story katapultiert, ist nur einen Wimpernschlag, einen Steinwurf von heute entfernt. Das große Amerika ist Geschichte, es ist zur Karikatur seiner selbst verkommen – das amerikanische Zeitalter ist zu Ende. Die USA führen einen verrückten Krieg in Venezuela, es gibt nur noch eine Partei. Die Demokratie hat einem Polizeistaat Platz gemacht, das «kryptofaschistische Konsumregime» (SZ) steht am Rande eines Bürgerkriegs; längst ist der Central Park in New York zur No-go-Zone geworden. Finanziell hängt Amerika am Tropf der Weltsupermacht China, ohne dessen Milliardenkredite alles längst zusammengebrochen wäre. Und die US-Konzerne spielen in dem Katastrophenszenario munter mit.

Inspiriert, gelenkt und sozial vernetzt werden die Menschen von einer im Hintergrund agierenden Macht, die sich auf modernste Technik stützt. Mit Smartphone-ähnlichen Geräten, «Äppärät» genannt, sind sie über das CrisisNet jederzeit lokalisierbar und kontrollierbar durch «den Staat» (oder was von ihm übrig geblieben ist). Das führt dazu, dass alles über alle bekannt ist, dank der Datenspuren, die ständig im Netz hinterlassen werden: Kontostand, Familienstand, Krankenstand, Konsumgewohnheiten, sexuelle Vorlieben und Potenzen («Fickfaktor»), verborgene Leidenschaften, alles. Nichts, was zu intim wäre, als dass es nicht in die weltweiten Datenströme eingespeist wäre. Ein Universum ohne Privatsphäre. Nein, es ist keine schöne neue Welt, in der sich Shteyngarts Protagonisten Lenny und Eunice bewegen. Das sieht zumindest Lenny so.

Sohn russischer Einwanderer verliebt sich in Tochter koreanischer Einwanderer …

Lenny Abramov, Shteyngarts Held, ist wie sein Autor russischer Herkunft (und wie dieser 39 Jahre alt). Er ist absolutely old school und old fashioned: Er liebt und liest Bücher («nicht streambare Medienerzeugnisse»), Äußerlichkeiten sind ihm reichlich egal, mit der Technik steht er auf Kriegsfuß: ein Stadtneurotiker wie aus einem Woody-Allen-Film entsprungen. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er als Angestellter der Firma «Posthumane Dienstleistungen»; ihr Produkt: die Unsterblichkeit. Wieso soll gerade dieser uralte Menschheitstraum nicht käuflich sein? Lenny selbst wird das ewige Leben verwehrt bleiben: «Ich könnte mein Genom und mein Proteom auswendig lernen, ich könnte Nahrungskrieg gegen meine schadhaften ApoE4-Allele führen, bis ich selbst zu einem wandelnden Kreuzblütlergemüse werde, doch nichts kann meinen schlimmsten genetischen Defekt heilen: Mein Vater ist Hausmeister aus einem armen Land.»

In Rom begegnet Lenny der hübschen koreanischstämmigen Amerikanerin Eunice Park, die sich in einem Kraftakt aus den Fängen ihrer christlichen Familie befreit hat. Eunice passt perfekt in diese hochneurotische, übersexualisierte Welt. Sie ist ein Kind ihrer Zeit, illiterat aus Überzeugung. Wie fast alle in ihrer Generation empfindet sie Bücher als Zumutung («Bücher stinken») und kritisches Denken nicht der Anstrengung wert. Chatten, shoppen, sich zerstreuen: darum und nur darum geht's im Leben junger Menschen in Amerika. Eunice ist in allem so anders als Lenny, und gerade deshalb werden sie ein Paar (zumindest dieses uralte Paarungsgesetz ist noch in Kraft: Gegensätze ziehen sich an). In der Reizüberflutung New Yorks versuchen sie, ihr Leben und Lieben zu synchronisieren – eine Liaison, die «kommuniziert» werden will: Lenny erstattet seinem Tagebuch (aus Papier!) Bericht, Eunice teilt sich im Facebook-Nachfolger «Global Teens Account» mit, wo es knallhart zur Sache geht. Dass das auf Dauer nicht gutgehen kann, wissen wir. Nicht umsonst lesen wir ja eine wahre, aber supertraurige Liebesgeschichte.

«Endlich lernt Amerika, Angst zu haben,» sagt Gary Shteyngart, und das meint er bitterernst. Angst vor jener Supersad-Zukunft, deren Konturen wir heute schon erahnen können: eine durchtechnisierte Welt, Huxley und Orwell auf Speed sozusagen, in der doch eine so wunderbar altmodisch anmutende Lovestory möglich ist. «Super Sad True Love Story, diese Mischung aus Liebesgeschichte und Satire, ist in der Tat bedrückend, aber auch ziemlich smart ausgedacht und super funny.» (Spiegel Online) «Shteyngart karikiert das Land, in welches seine Eltern 1979 aus Russland einwanderten, mit so viel Scharfsinn, Ironie und Zärtlichkeit, wie es nur Immigrantenkinder können.» (SonntagsZeitung)

 

Rowohlt; Auflage: 2 (15. Juli 2011)

Pressestimmen

Ein supertrauriges, superlustiges, superbewegendes Buch, das nicht nur Gary Shteyngarts überschäumende satirische Begabung vor Augen führt, sondern auch zeigt, dass er tiefgründig und ergreifend über Liebe, Verlust und Sterblichkeit schreiben kann. Wunderbar. Mit diesem Roman erweist er sich als einer der originellsten und anregendsten Autoren seiner Generation. - THE NEW YORK TIMES

Eine der treffendsten Gegenwartsdiagnosen, die derzeit zu haben sind: super empfehlenswert. Echt wahr. - WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG

Eine skandalösere, ja berührendere Liebeserklärung hat man lange nicht mehr gelesen … ein Grund mehr, dass 2011 das Jahr von US-Autor Gary Shteyngart wird. - Basler Zeitung

Gary Shteyngarts tragisch-komische Satire auf das Informationszeitalter schärft den Verstand und bewegt das Herz. - COSMOPOLITAN

Super funny. - SPIEGEL ONLINE