05.07.2011 08:32 zum 50igsten todestag - mit Interviewauszügen

Buch: Ernest Hemingway "Paris, ein Fest fürs Leben" - sein letztes Buch und zugleich eines seiner schönsten

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Von: Rowohlt Verlag

Es war ein sonniger Sonntag 2. Juli 1961 erschoss sich der Literaturnobelpreisträger von 1954 in seinem Haus in Ketchum, Idaho, mit einem Jagdgewehr. Paris, ein Fest fürs Leben war sein letztes Buch, zugleich eines seiner schönsten: die Erinnerungen an Hemingways Zeit von 1921 bis 1926 in der französischen Metropole. Die Urfassung des Klassikers ist bei Rowohlt jetzt in der neuen Übersetzung von Werner Schmitz erschienen. «Ein epochales Ereignis in der Literatur des 20. Jahrhunderts» (The New Republic). «Das ist bester Hemingway; niemand hat das Paris der 20er Jahre eindrucksvoller beschrieben als er.» (The New York Times)


Macho, Abenteurer, Moralist

«Hemingway war der berühmteste Schriftsteller seiner Zeit, schreibt Ulrich Greiner in der ZEIT, «und jeder, der in den fünfziger, sechziger Jahren wirklich jung gewesen ist, hat ihn gelesen.» Am 21. Juli 1899 in Oak Park, Illinois, geboren, begann Hemingway seine schriftstellerische Karriere mit Texten für den ‹Kansas City Star› und später den ‹Toronto Star›. 1926 schrieb er seinen ersten Roman: Fiesta. Mit Tod am Nachmittag, Wem die Stunde schlägt und Der Garten Eden festigte er seinen Ruf als einer der bedeutendsten US-amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Der alte Mann und das Meer brachte ihm 1953 den Pulitzerpreis und ein Jahr später den Nobelpreis ein; überall auf der Welt wurde die Novelle ein Bestseller, John Sturges' oscargekrönte Verfilmung von 1958 (mit Spencer Tracy als altem Fischer Santiago) einWelterfolg. In Kuba ist «Papa» Hemingway, «el papá», noch heute eine Ikone.

«Ein Mann kann vernichtet, aber nicht besiegt werden …» Als Hemingway am Morgen jenes 2. Juli 1961 den Lauf des Gewehrs gegen sich richtete, war er an einem Tiefpunkt angelangt. «Es ist schwer zu sagen, was bei Hemingway Inszenierung war und was echt», schreibt der Schriftsteller Peter Stamm. «Auch an der Pose muss ihm etwas gelegen haben. Er hat ein bestimmtes Bild von sich in die Welt gesetzt» – und an diesem Bild des ewigen, Großwildjägers, Hochseefischers und Frauenhelden litt er, je älter er wurde. Vier Ehen, viel zu viel Alkohol, öffentlich zelebrierte Machorituale, dazu eine Reihe schwerer Unfälle: all das, was willkommenes Futter für die Boulevardpresse war, höhlte ihn aus, bis nichts mehr da war.

«.Am schlimmsten war der Verlust seiner Sprache, seiner Erzählkunst. «Es will einfach nicht mehr kommen», sagte er seinem Hausarzt Dr. Saviers unter Tränen. Sein Gemüt verdüsterte sich zusehends, er litt unter Depressionen, er unterzog sich Elektroschocktherapien, mehrfach stand er am Rande des Suizids. Ausgebrannt, abgelebt und schwer krank; am Ende hielt er sich selbst nicht mehr aus.

«Schreiben ist das Härteste, was es gibt!»

Von all dieser Düsternis und Bitterkeit ist in seinem letzten Werk nichts zu spüren. Paris, ein Fest fürs Leben ist ein Stück makelloser Prosa, voller Kraft und melancholischem Humor. Als er 1956 mit seiner vierten Frau Mary Welsh nach Paris zurückkehrte, ließ er sich aus dem Keller des Hotel Ritz seinen alten Koffer bringen, vollgepackt mit Tagebüchern und Aufzeichnungen aus den 1920er Jahren. Aus diesem Material formte er den Roman seiner Pariser Jahre, Notizen über die vielleicht glücklichste Zeit in seinem Leben, als er das Zusammensein mit Hadley Richardson, seiner ersten Ehefrau (die ihn liebevoll «Tatie» nannte) und Söhnchen Bumpy genoss. «Wir aßen gut und billig und tranken gut und billig und schliefen gut und warm zusammen und liebten uns.»

«Wenn du das Glück hattest, als junger Mensch in Paris zu sein, dann trägst du die Stadt für den Rest seines Lebens in dir, wohin du auch gehen magst, denn Paris ist ein Fest fürs Leben.» Gleich die erste Episode gibt den Ton vor. Hemingway erzählt, wie er vom unerquicklichen Café des Amateurs in ein Café an der Place Saint-Michel weiterzieht, einen café auf lait bestellt und zu schreiben beginnt, als ihm eine hübsche junge Frau auffällt. Er verliert sich in dem Wunsch, sie sofort in seine Geschichte hineinzuschreiben: «Ich habe dich gesehen, du Schöne, und jetzt gehörst du mir, auf wen auch immer du wartest, selbst wenn ich dich niemals wiedersehe, dachte ich. Du gehörst mir, und ganz Paris gehört mir, und ich gehöre diesem Notizbuch und diesem Bleistift.»

Jede Menge literarischer Prominenz flaniert durch Hemingwaxs Paris-Buch: der exzentrische F. Scott Fitzgerald und seine Frau Zelda, James Joyce, Blaise Cendrars, Wyndham Lewis, der schillernde Ezra Pound.. Eine gewichtige Rolel spielt auch Gertrude Stein in ihrer von Cézannes, Monets und Manets gespickten Atelierwohnung in der rue de Fleurus 27, in der sie zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Adrienne Monnier residierte: für die Pariser Sektion der von ihr «Lost Generation» genannten exilierten US-Kulturavantgarde ein wahzrer Hotspo (wo es auch gut und reichlich zu essen und zu trinken gab). Eines der schönsten Porträts gilt der vielleicht bekanntesten Buchhändlerin der Welt: der Amerikanerin Sylvia Beach, die in der rue de l'Odéon 12 das legendäre Buchrefugium Shakespeare & Company führte, eine Frau, deren Herzlichkeit, Charme und Großzügigkeit vielen abgerissenen Jungschriftstellern das Leben leichter machte. Ernest Hemingway: «Niemand, den ich je gekannt habe, war netter zu mir.»

«Ich war jung und kein Kind von Traurigkeit …»

In Werner Schmitz' neuer Übersetzung begegnen wir Hemingways Pariser Erinnerungen in einer frischen, kraftvollen Sprache. Noch einmal ist sein schnörkelloser Erzählstil zu bewundern: höchste Präzision und Sprachökonomie. Kein Pathos, keine Psychologie, stattdessen das nüchterne Benennen von Gegenständen und Geschehnissen. Hemingway war ein Meister in der Kunst des Weglassens. «Ich kann Schriftsteller nur lesen, wenn sie außergewöhnlich exakt und unliterarisch sind», lautet ein Satz in seinem Roman Die grünen Hügel Afrikas. Und (in Tod am Nachmittag): «Alle schlechten Schriftsteller sind verliebt ins Epische.»

Hemingways Poetik ist klar, einfach, kompromisslos: «Ich stand auf und schaute über die Dächer von Paris und dachte: ‹Keine Sorge. Du hast immer geschrieben und wirst auch jetzt schreiben, Du brauchst nur einen einzigen wahren Satz zu schreiben. Schreib den wahrsten Satz, den du kennst.› Schließlich gelang mir ein wahrer Satz, und von dort ging es weiter. damals war es einfach, denn es gab immer einen wahren Satz, den du kanntest oder gelesen oder von jemandem gehört hattest.» Und in Paris, ein Fest fürs Leben heißt es: «Seit ich angefangen hatte, alles, was ich schrieb, in seine Einzelteile zu zerlegen und alles Gefällige auszumerzen und mich auf das Wesentliche zu beschränken, statt es zu beschreiben, war das Schreiben eine wunderbare Sache.»

«Wahrscheinlich hat er uns alle beeinflusst, Männer wie Frauen, aber die Männer hat er gelehrt, Sentimentalität durch Lakonie zu bändigen und sich der Tränen nicht zu schämen.» (Ulrich Greiner)

Erschienen am 1.7.2011

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