11.04.2012 07:48 Ausstellung / exhibition: April 6 – Mai 27, 2012

Bern - Ich bin absolut gegenwärtig: untreuer Engel - Die Kunsthalle Bern präsentiert die erste Einzelausstellung von Luigi Ontani in der Schweiz

Sammlung des Künstlers Bilder (c) Luigi Ontani

Von: Tenzing Barshee

Die Kunsthalle Bern präsentiert die erste Einzelausstellung von Luigi Ontani in der Schweiz, einem Künstler mit internationalem Einfluss, der seit Mitte der Sechziger in Rom arbeitet.

Diese Retrospektive zeigt Arbeiten aus allen wichtigen Serien und Perioden des Künstlers, sowie eine neue Skulptur, eigens für die Kunsthalle Bern geschaffen.

Luigi Ontanis Gesamtwerk lässt sich als poetischer Widerstand verstehen gegen die Normen, die unsere sozialen Rollen uns diktieren. Von Anfang an spielen seine Performances, Fotografien, Zeichnungen und Skulpturen mit seinem eigenen Bild; sie spiegeln eine sich stets verschiebende und transmigrierende Identität.

Von Leonardo da Vinci bis Pinocchio und Christopher Columbus bis Dante, Ontanis Gesicht und Körper finden sich in einem Zustand ständiger Metamorphose und auf Reisen durch Raum, Zeit und Kultur. 

Seine frühesten Werke sind die Oggetti pleonastici: diese zwischen 1965-1970 entstandenen Arbeiten müssen als Prothesen verstanden werden, die Haut und Körper des Künstlers ausweiten, als Abgüsse aus alltäglichem Material (Pappe, Gummi, Gips); sie erweitern die Präsenz des Künstlers in unserer Welt und Natur oder werden getragen und als Requisiten für schleierhaft onanistsche Rituale verwendet.

Als Ontani anfing, die Beziehung zwischen diesen Objekten und seinem Körper zu dokumentieren, interessierten ihn mehr die daraus resultierenden Filme und Fotografien als die ursprünglichen Skulpturen selbst. Diese frühen Souvenir Fotos bilden die Basis einer umfangreichen und fortdauernden Produktion von gestellten Fotografien.

Anders als die meiste Performancekunst seiner Zeit, waren Ontanis Happenings, live oder fotografiert, absichtlich ereignisarm, das Bild einer vollendeten Geste schaffend, eingefroren in alle Ewigkeit.

Diese Fotografien enthalten in ihrer Erinnerung Bilder, deren Zugang uns durch Werke der Klassik und Renaissance, aber auch einheimischer Kultur ermöglicht wird; diese Bilder verfolgen und formen den Körper und die Ichs des Künstlers.

In den späten Siebzigern brachte Ontani Abwechslung in seine Medien, hinzu kamen Holz, Papiermaché, Glas und Keramik, neben dem traditionelleren Gebrauch von Malerei und Fotografie.

Diese Multiplikation des Materials wurde begleitet von einem sich stetig erweiternden System von innerlichen und gewöhnlichen kulturellen Referenzen, das ein äusserst komplex poetisches Universum produziert, dessen Mittelpunkt vom Künstler besetzt wird.

In diesem Universum leben Symbole, Zitate, Riten, Masken, Allegorien und populäre Märchen unterschiedlicher Herkunft, die gemeinsam ein wahrhaftig bacchantisches und lebendiges Bild unserer Kultur zeichnen. 
 

Der Werkzyklus, den der Künstler ab den Siebzigern erst Indien, Thailand und später Bali widmet, entspringt nicht einem vagen und manieristischen Exotismus, sondern eher einer erlernten Annäherung an die Themen, Bilder und visuellen Sprachen dieser Kulturen.

Ein wiederkehrendes Motiv ist die beispielgebende Natur der Mythologie, die Ontani durch eine Charakterbesetzung ergänzt, ausgewählt aus Kunst- und Kulturgeschichte, von Nietzsche bis Rossini und von Dante bis Nuvolari, dem berühmten Rennfahrer.

Ontanis Werk ist eine transhistorische Reise, gleichzeitig leicht und ernsthaft; eine Fahrt durch andere Körper, andere Ichs, ewig vieldeutig und ausweichend. 

– Andrea Bellini

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Castello die Rivoli, Turin, und Le Consortium, Dijon. Der Katalog CoacerVolubilEllittico wurde herausgegeben von JRP/Ringier und Les presses du réel, Dijon. Er kostet CHF 50.

Zur Eröffnung erscheint bei Press du réel und JRP/Ringier der Katalog CoacerVolubilEllittico mit Texten von Andrea Bellini und Jean-Christoph Amman. 

Ich bin absolut gegenwärtig: untreuer Engel, Androgyne, Adonis, Zwitter, hybrid, Schütze.

 – Luigi Ontani, 1974

Tenzing Barshee

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