30.11.2013 09:00 Kinderdarstellungen

Ausstellung in Zürich: Kunsthaus Zürich zeigt «Sanft entrückt – Kinder wie im Traum»

Sanft entrueckt – Kinder wie im Traum ausstellung kunsthaus zuerich

Schlafen und Träumen sind Formen des Entrücktseins; Albert Anker

Von: GFDK - Kunsthaus Zürich

Bis zum 9. Februar 2014 zeigt das Kunsthaus Zürich in der Ausstellungsreihe «Bilderwahl!» Kinderdarstellungen von Albert Anker, Johann Heinrich Füssli, Anton Graff, Ferdinand Hodler, Giovanni Segantini, Giovanni Giacometti und Pablo Picasso. Die Besonderheit in diesen Bildern: alle Kinder scheinen in sich versunken, abwesend zu sein. Das in Verbindung mit den Themen Schlaf, Traum und Tod einhergehende Entrücktsein ist in der Ausstellung zentral und wird in einem erweiterten Sinn dargestellt.

Anfang des Jahres haben die Mitglieder der Zürcher Kunstgesellschaft aus einer Auswahl von sechs Kinderbildnissen aus der eigenen Sammlung «Zwei schlafende Mädchen auf der Ofenbank» (1895) von Albert Anker gewählt. Ausgehend von diesem bedeutenden Gemälde hat Gastkurator Harry Klewitz eine Kabinettausstellung konzipiert, die in konzentrierter Form einen bisher wenig beachteten visuellen Diskurs führt.

Ausstellung in Zürich

INNERE BEFINDLICHKEITEN

Schlafen und Träumen sind Formen des Entrücktseins. Historisch wie inhaltlich lässt sich dieses Phänomen der Introspektion auch als Zeichen einer selbstvergessenen Weltverlorenheit interpretieren. Die Erinnerung an die Kindheit ist nicht nur die Reflexion über Idylle und Heiterkeit, sondern führt über die künstlerische Auseinandersetzung zu tieferen Sinnebenen. Bei den gezeigten Werken lenken der in die Ferne schweifende Kinderblick oder die geschlossenen Augen die Aufmerksamkeit auf innere Befindlichkeiten.

Sie spiegeln einerseits die Sehnsucht nach einer verloren gegangenen paradiesischen Ursprünglichkeit, stehen andererseits aber auch für das Utopische und Visionäre einer im Aufbruch stehenden Zeit. Das Eintauchen in eine innere Ideen- und Gedankenwelt hat Folgen. Übergänge vom Fantastischen zum Idealen und zum Bedrohlichen sind fliessend. Hinter ihnen verbirgt sich potenziell Erfüllung und Verlust, Glück und Leid, Kreativität und Vergänglichkeit. Entrückte, eingeschlafene oder entschlafene Kinder werden gleichsam zur Metapher für das Überschreiten der Schwelle zum Unterbewussten, zum Verborgenen.

SCHÖNER SCHEIN, VERGÄNGLICHKEIT UND VISION

Evoziert die stabile Bildordnung bei Albert Anker auf den ersten Blick noch Schutz und Geborgenheit im Schlaf, verbindet sich mit dieser vordergründigen Ruhe und Kontemplation auch eine innere Bewegtheit und Zerbrechlichkeit, welche über das Kindsein hinaus auf die menschliche Vergänglichkeit und bedrohte Existenz verweist. Das Festhalten am schönen Schein wird bei näherer Betrachtung mehr und mehr zur Illusion, denn zahlreiche Kinder in der Schweiz waren im 19. Jahrhundert mit Arbeit, Armut und Krankheit konfrontiert. Dies bezeugt Giovanni Segantini, der zu dieser Zeit von der Welt abgewandte Waisenkinder darstellt. Lange vor ihm rückte Johann Heinrich Füssli im «Wechselbalg» (1780) bereits das Neugeborene, entrissen aus der Obhut der Mutter, visionär in unmittelbare Todesnähe.

WUNSCH-, ERINNERUNGS- ODER GEDENKBILDER

Wunsch-, Erinnerungs- oder Gedenkbilder durchmischen sich in der Ausstellung. So tritt in Anton Graffs «Bildnis der Gräfin Armfeld mit ihrer Tochter» (um 1793) das verstorbene Mädchen mit abgewandtem Blick als leuchtende Erscheinung der Mutter entgegen. 1894 stellt Ferdinand Hodler in «Bezauberter Knabe» das Kind als schwebende Figur in einer Traumlandschaft dar.

Alltägliches Tun, das Spielen oder Musizieren in sich versunkener Kinder tauchen bei Giovanni Segantini oder Giovanni Giacometti auf. Sie sind oft eingebettet in eine Landschaft, welche die Aussenwelt als eine verklärte Wirklichkeit erscheinen lässt.

Freunde der Kunst

Das In-sich-Gekehrtsein der Kinder im Schlaf und Tod begleitet Künstler bis ins 20. Jahrhundert. Körperlich in unmittelbarer Nähe mit dem greisen Blinden, jedoch mit abgewandtem, introvertiertem Blick lauscht der Junge auf Picassos «Der Drehorgelspieler mit Knabe» (1905) den sich verflüchtigenden Klängen. Die entspannten Körper wirken lethargisch – eine Schicksalsgemeinschaft von Aussenseitern, welche zu Identifikationsfiguren und zur melancholischen Selbstdarstellung des Künstlers werden.

Kunsthaus Zürich zeigt «Sanft entrückt – Kinder wie im Traum»

All diese subtil korrespondierenden Facetten führen in die realen, fiktiven und projizierten Innenwelten der behüteten, aber auch versehrten Kinder des 19. Jahrhunderts und erlauben einen Einblick von seltener Tiefe.


kristin.steiner@kunsthaus.ch