07.03.2013 08:38 „Stars Exploding“

Ausstellung in Wien: Videoinstallation"Visitors" mit dem isländischen Künstler und Performer Ragnar Kjartansson

Ragnar Kjartanssonm, The Visitors, 2012, (Still), Courtesy of the artist, Thyssen-Bornemisza Art Contemporary

Ragnar Kjartansson, The Man, 2010, (Still), Courtesy of the artist, Thyssen-Bornemisza Art Contemporary

Von: Christina Werner

Die dritte Ausstellung in der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary–Augarten bildet den Auftakt einer längerfristigen Zusammenarbeit mit dem isländischen Künstler und Performer Ragnar Kjartansson. The Visitors präsentiert die neueste Arbeit des Künstlers, eine 9-Kanal Video-Installation, die mit großem Erfolg im Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich debütierte. Die für Wien komissionierte Performance Stars Exploding in Zusammenarbeit mit den institutionellen Nachbarn der TBA21, den legendären Wiener Sängerknaben, bildet den Höhepunkt des Abends. Das Video The Man (2010), ein Porträt der amerikanischen Blues- Legende Pinetop Perkins, verweist auf die vielseitigen musikalischen Vorbilder Kjartanssons. Beide Video-Arbeiten sind Teil der TBA21 Sammlung.

Kjartanssons elegische neun-teilige Videokomposition The Visitors (2012) ist eine Hymne an das Feminine und seinen melancholischen Triumph, eine Serenade an die Freundschaft zur Melodie romantischer Verzweiflung. Das Zusammentreffen einer Gruppe von Musikern und Freunden im grandios verfallenden Königreich der Bohème – Rokeby Farm in Upstate New York – wird zur Kulisse für das, was der Künstler einen „femininen, nihilistischen

 

Gospel-Song“ nennt: ein vielschichtiges Porträt seiner Künstlerfreunde und ein musikalisch- kinematographisches Experiment. Die Arbeit entlehnt ihren Titel ABBAs letztem und von Scheidung und Niederlage gezeichneten Album. Basierend auf der Vertonung des Gedichts Feminine Ways, verfasst von Kjartanssons früherer Partnerin Ásdís Sif Gunnarsdóttir, zeigt das kinematografische Tableau die neun Protagonisten in jeweils separaten Settings den Song in einer langen, ununterbrochenen und sich im Loop wiederholenden 64-minütigen Aufnahme vortragen:

A pink rose, in the glittery frost, a diamond heart, and the orange red fire Once again I fall into my feminine ways You protect the world from me, as if I’m the only one who’s cruel, you have taken me to the bitter end Once again I fall into my feminine ways. Rokeby Farm am Hudson River ist Teil eines Landstrichs historischer Anwesen, deren

Bauten bis in die Kolonialzeit zurückgehen und vor allem Landadel, Industriemagnaten und notorische Persönlichkeiten anzogen, die dort ihre verschwenderischen Güter bauten. Unter denen, die hier ihren Landsitz errichteten, sind Frederick Vanderbilt, John Jacob Astor, Robert R. Livingston, James Roosevelt und Franklin H. Delano. The Visitors hält den ausgedehnten Moment fest, in dem die neun Besucher das feudale Herrenhaus der Rokeby Farm mit ihrer Performance vereinnahmen. Angezogen von der romantischen Dekadenz und Verwahrlosung und den exzentrischen Bewohnern des Hauses (Nachfahren der Familien Livingston und Astor) entschieden sich Kjartansson und seine Gäste, in dieser verfallenden Dämmerzone im Sonnenuntergang ihre hypnotische und nihilistisch iterative Performance anzustimmen. Die MusikerInnen nehmen gleichzeitig verschiedene Innen- und Außenräume ein – das Wohnzimmer, die Küche, das Badezimmer, die Veranda, – die jeweils einen Screen der Arbeit ausmachen. Jeder und jede von ihnen besetzt eine distinkte, höchst malerische Kulisse, spielt ein jeweils anderes Instrument und singt, wie zu sich selbst, die Melodie des Lieds. Nur die Synchronisation der neun Kanäle im Ausstellungsraum vereint die neun individuellen Interpretationen zu einer harmonischen Orchestrierung und zu einem räumlichen Gesamtbild.

 

Ragnar Kjartansson: Stars Exploding mit den Wiener Sängerknaben

„Stars Exploding“ ist ein neu kommissioniertes performatives „Geschwister-Werk“ von The Visitors und nimmt seinen musikalischen Ausgangspunkt im repetitiven Mantra der Wiederholung nur einer Zeile des Gedichtes. Die Arbeit wird im Rahmen der Ausstellungseröffnung in einer einmaligen Performance der Wiener Sängerknaben ihre Premiere feiern. Dies ist die erste Kooperation der zwei Institutionen. Stars Exploding transformiert die Video-Installation The Visitors zu einem vielstimmigen Chor, vorgetragen von den Wiener Sängerknaben, einer ganz anderen Künstlergemeinschaft als die der Freunde Ragnar Kjartanssons. Ihre „himmlischen“ Stimmen lassen die romantische Melancholie von The Visitors vorausahnen. Der Chor inszeniert eine jugendliche Inkarnation von Kjartanssons Bohème, die verlorene Liebe, Gender Troubles und eine nihilistische Hoffnung auf Hoffnungslosigkeit besingen.

The Man, eine Ein-Kanal Videoinstallation von 2010, nimmt einen fast einzigartigen Platz in Kjartanssons Oeuvre ein. Augenscheinlich ein Dokumentarfilm, zeigt er eine vollständige Performance des letzten Repertoires des damals 97-jährigen Blues-Musikers aus Mississippi, Pinetop Perkins, der 2011 verstarb. Perkins’ Klavier steht auf einem sonnigen Feld inmitten einer weiten Grassteppe. Der Musiker tritt ins Bild, nimmt am Klavier Platz und beginnt seine Vorstellung, ein Repertoire von Songs und gut erprobten Wortspielen und Bemerkungen, die er über Jahrzehnte perfektioniert hat. Ab und an nimmt er seinen Hut ab und trocknet den Schweiß, liefert aber ansonsten als säße er auf der Bühne und scheinbar ohne die grelle Hitze wahrzunehmen, eine perfekte „Show” ab. Durchwegs rauchend, murmelnd und sich über das schlecht gestimmte Klavier beschwerend, reißt er Witze und spielt bekannte Songs und Jingles an. Schließlich steht Perkins auf und geht aus dem Bild.

 

Kjartansson zitiert als Referenz für die Komposition des Videos das melancholische und enigmatische Gemälde Christina’s World (1948) von Andrew Wyeth. Wyeth war zur Mitte des 20. Jahrhunderts in den USA enorm populär für seinen klassischen Stil und seine lokaltypischen Motive. Durch Avantgarde-Bewegungen in der amerikanischen Kunst überholt, geriet er jedoch in Vergessenheit. Ähnlich verhält es sich mit der Biografie des alternden Bluesmusikers, dessen Performance bestimmt ist durch Wiederholung, abrupte Abbrüche, miniaturisierte musikalische Zitate und Echos. Das Video lässt die Unschärfe des Zeitgenössischen anklingen im Moment seiner Verwandlung in Geschichte und Vergessenheit einerseits, Nostalgie und Melancholie für diese bald verlorene Gegenwart andererseits. Die Begegnung der isländischen Inkarnation einer alten Blues-Seele und einer der ältesten musikalischen Protagonisten dieses Genres scheint – wie auch das melancholische Kammerspiel von The Visitors – die Materialisation von Roland Barthes’ Begriff des Noemas zu sein: eine Fabrikation eines permanenten Zustandes von Vergänglichkeit und Unbeständigkeit, und damit ein idealer Raum für Melancholie, Schönheit und Sehnsucht.

 

 

Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, 2002 von Francesca Habsburg in Wien gegründet, feierte 2012 ihr zehnjähriges Bestehen. Im Laufe dieser zehn Jahre hat TBA21 stetig ihren Tätigkeitsbereich erweitert: Während zunächst die Entwicklung und Vergrößerung der Sammlung zeitgenössischer Kunst im Vordergrund stand, erarbeitete die Stiftung nach und nach ein mehrschichtiges, sammlungsbasiertes kuratorisches Programm und etablierte sich als international anerkannte Institution mit weitreichender Agenda. TBA21 unterstützt vor allem zeitgenössische Kunstformen, die hegemoniale Diskurse in Bezug auf das Verständnis künstlerischer Praktiken in Frage stellen und dabei auf einer internationalen Ebene operieren. Die Stiftung ist mit ihren Sammlungsarbeiten und Kommissionen weltweit präsent. Gleichzeitig ist mit dem Umzug der TBA21 im Mai 2012 vom ursprünglichen Ausstellungsraum in der Himmelpfortgasse in den Augarten im 2. Wiener Bezirk die institutionelle Verantwortung der Stiftung gegenüber ihrer Heimatstadt Wien noch stärker in den Vordergrund gerückt. Mit dem neuen Projekt Thyssen-Bornemisza Art Contemporary–Augarten verpflichtet sich die Stiftung umso stärker zu ihrer Mission, aktiv bei der Neuformulierung von Umgebung und sozialem Umfeld mitzuwirken, sowie in Wien einen neuen Standort für Kunst, Dialog, Experimentierfreudigkeit und Gastfreundschaft zu schaffen.

 

AUSSTELLUNG   RAGNAR KJARTANSSON: THE VISITORS

KURATORIN   Daniela Zyman, TBA21

ORT  TBA21–Augarten, Scherzergasse 1A, 1020 Wien

AUSSTELLUNGSDAUER    8. März – 16. Juni 2013

ÖFFNUNGSZEITEN
MI und DO 12–17 Uhr, FR bis SO 12–19 Uhr, MO und DI geschlossen
An Feiertagen geöffnet, außer 01. 04. (Ostermontag), 19. 05. (Pfingstmontag)

TICKETS  EUR 5,- / ermäßigter Eintritt für Studenten und Senioren EUR 3,-
freier Eintritt für Kinder unter 18 Jahren

BESUCHERINFORMATION
Thyssen-Bornemisza Art Contemporary–Augarten
T +43 1 513 98 56 – 24
exhibitions@TBA21.org, www.TBA21.org,www.facebook.com/TBA21, twitter.com/#!/TBA21_Vienna

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