26.01.2014 07:00 quartier21 INTERNATIONAL

Ausstellung in Wien: Places of Transition - auf der Suche nach möglichen Formen aktueller Lebensmodelle

Places of Transition ausstellung wien

Auf der Suche nach möglichen Formen künftiger Lebensmodelle; Bild 1: Libia Castro & Ólafur Ólafsson, Landið þitt er ekki til (Your Country Doesn´t Exist), On facade, neon sign, 2011

Places of Transition ausstellung quartier 21 wien

Bild 2: Santiago Sierra, Burned Word, 2012, Single channel video, 24:32 min, (c) Courtesy of Estudio Santiago Sierra

Places of Transition international ausstellung wien

Bild 3: Akram Zaatari, Tomorrow Everything Will Be Alright, 2010, Single channel video, 12 min, Courtesy of Akram Zaatari

Von: GFDK - quartier21

Auf der Suche nach möglichen Formen künftiger Lebensmodelle zeigt die Ausstellung „Places of Transition“ im freiraum quartier21 INTERNATIONAL eine Reihe nationaler und internationaler Arbeiten, die visuelle und diskursive Möglichkeiten eines ortsspezifischen Wandels untersuchen. Vorwiegend anhand von Foto- und Videoinstallationen werden Prozesse der Veränderung thematisiert, womit in narrativer Form auf globale Veränderungen der letzten Jahre eingegangen wird. Kuratiert wird die Ausstellung von der Multimedia-Künstlerin und Kulturtheoretikerin Gülsen Bal sowie dem Künstler und Kurator Walter Seidl.
 
Die unterschiedlichen Herangehensweisen an transnationale Fragen über gemeinsame Formen der Interaktion bedingen eine Untersuchung globaler Machtstrukturen. Während die Ost-West Problematik in Europa allmählich im Verschwinden begriffen ist, haben die Machtkämpfe im Nahen Osten die Aufbruchstimmung des Arabischen Frühlings zurückgeworfen und eine Debatte über politische Übergangsformen auf internationaler Ebene ausgelöst.

Ausstellung in Wien

In dieser Hinsicht widmet sich die Ausstellung der Problematik unterschiedlicher Territorien und der Frage, wie diese anhand einer gemeinsamen Kritik an politisch dominanten Erzählungen und Bestimmungen verlinkt werden können. Weiters werden unterschiedliche Stufen gelebter Erfahrungen des Selbst reflektiert und eigene sowie fremde Blickregime analysiert. Die eingeladenen KünstlerInnen behandeln die einzelnen Themen oftmals in Hinsicht auf die Situation in ihrem eigenen Land, wodurch die Ausstellung unterschiedliche Blickweisen in politischer Hinsicht ermöglicht.

Weiters stellt sich in der Ausstellung die Frage, wie Künstlerlnnen mit gewissen Traditionen in ihren Ländern umgehen. Trotz einer persönlichen Tendenz zu einem laizistischen Lebensmodell untersuchen viele KünstlerInnen länderspezifische Modelle, die in ihren Arbeiten wiederum radikal gebrochen werden. Das Resultat bilden kritische Aussagen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die neue Denkansätze bewirken können.

Freunde der Kunst

Dies wird zum Beispiel in der Videoinstallation von Oliver Ressler sichtbar. Der Film „Socialism Failed, Capitalism is Bankrupt. What comes Next?“ wurde 2010 im größten Bazar von Jerewan aufgenommen, der „Bangladesch“ genannt wird. Im Film erzählen die Kaufleute des Markts von ihrem Kampf ums Überleben in der Krise eines post-sozialistischen Staates, in dem der Großteil aller Fabriken der Sowjetzeit geschlossen und das soziale Sicherheitsnetz aufgelöst wurde.

Auch die Video- und Fotoarbeit von Milica Tomić bezieht sich auf eine sehr persönliche Situation. „Portrait of My Mother (1999)“ entstand in den Tagen nach den Nato Bombardements auf Belgrad. Tomić thematisiert die komplexen Beziehungen zwischen dem Trauma der verlorenen jugoslawischen Moderne und den neuen Identitätspolitiken der Milosević Jahre.
 
Akram Zaataris Video „Tomorrow Everything will be Alright“ wiederum setzt sich auf einer sehr persönlichen Ebene mit Formen des Übergangs auseinander. Zwei ehemalige Liebhaber führen eine Unterhaltung, nachdem sie sich vor 10 Jahren getrennt hatten, und gestehen einander, dass sie das Verlangen danach spüren, sich wieder zu sehen. Die Worte, die sie dabei wechseln, werden jedoch auf einer klassischen Schreibmaschine geschrieben, wodurch BetrachterInnen dazu angeregt sind, diese sehr persönliche und poetische Konversation mitzulesen.

Places of Transition

Marco Poloni
bezieht sich in seiner Multimediainstallation „Monika Ertl’s Pistol“ auf historische  Gegebenheiten. Nach Mutmaßungen ermordete die Untergrundkämpferin Monika Ertl 1971 den Konsul Roberto Quintanilla Pereira im bolivianischen Generalkonsulat in Hamburg. Für die Tat wurde eine Pistole aus dem Besitz des italienischen Verlegers Giangiacomo Feltrinelli benutzt, der auch unter dem Codenamen Osvaldo bekannt war.

Libia Castro & Ólafur Ólafsson zeigen eine sieben Meter lange Neonschriftinstallation mit der Phrase: „Dein Land existiert nicht“. Mit dieser Aussage beziehen sie sich auf gegenwärtige Migrationsbewegungen, die aufgrund von politischen, wirtschaftlichen oder professionellen Gründen stattfinden können. Die Auflösung nationalstaatlicher Gebilde hinsichtlich globaler, neoliberaler Strukturen hinterfragt die Thematik von länderspezifischen Strukturen, die gleichzeitig einen Pluralismus an ethnischem und kulturellem Bewusstsein einfordern.

quartier21 INTERNATIONAL

Santiago Sierra zeigt in dem Video „Burned Word“, wie das Wort „Future“ öffentlich verbrannt wird. Das Video wurde 2012 in El Cabanyal, einem historischen Stadtteil und Fischerviertel von Valencia verwirklicht, das sich von dem Entwurf einer neuen, städtedurchquerenden Allee bedroht sieht.

Aslı Çavuşoğlus audio-visuelle Installation „191/205“ bezieht sich auf die Tatsache, dass 1985 die Generaldirektion der Türkischen Radio- und Fernsehgesellschaft TRT 205 Wörter in Fernseh- und Radiosendungen untersagte, weil diese angeblich nichts mit der türkischen Sprache zu tun hatten bzw. nicht dem allgemeinen türkischen Standard entsprachen.
 
Einige der KünstlerInnen sind im Rahmen der Ausstellung Artists-in-Residence des quartier21/MuseumsQuartier: so wird der bulgarische Künstler Vikenti Komitski vor Ort eine neue Arbeit produzieren. Vikenti Komitski's Arbeiten setzen sich mit Readymades auseinander und der Art und Weise, wie diese andere Objekte und Ideen beeinflussen. Dies kann manchmal auch zu einem kritischen Statement über die Funktion von Kunstwerken per se führen. Köken Ergun wird ebenso eine speziell für das MQ adaptierte Version einer seiner Arbeiten zeigen. Seine Arbeiten beziehen sich auf streng politisch und religiös artikulierte Positionen und die sozialen Reaktionen darauf. Besonderes Augenmerk wird hierbei auf soziale Widersprüche gelegt.

KünstlerInnen:   
 

Libia Castro (ESP)* & Ólafur Ólafsson (ISL)*, Köken Ergün (TUR)*, Vikenti Komitski (BUL)*, Aslı Çavuşoğlu (TUR), Marco Poloni (SUI), Oliver Ressler (AUT), Milica Tomić (SRB), Santiago Sierra (ESP), Akram Zaatari (LIB)
*Artists-in-Residence des quartier21/MuseumsQuartier

ipreissler@mqw.at