23.12.2013 08:00 Kindheits-Motive

Ausstellung in Potsdam: Kindheitsbilder - Alltagsfotografie in Brandenburg seit 1848

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Kinder beim Spielen, beim Posieren mit Freunden, Geschwistern und Eltern, Kinder in Uniform; Bild 1: Foto: privat (Götz Wendt), Brandenburgisches Literaturbüro

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Bild 2: Foto: privat (Jürgen Böllnitz), Brandenburgisches Literaturbüro

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Bild 3: Foto: Werner Heintze, Brandenburgisches Literaturbüro

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Bild 4: Foto: Wilhelm Steinicke, Rolf Haak, Brandenburgisches Literaturbüro

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Bild 5: Foto: Werner Krause (priv.), Brandenburgisches Literaturbüro

Von: GFDK - Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte

Am 19. August 1839 stellte der Maler Louis Jacques Mandé Daguerre das erste praxistaugliche fotografische Verfahren auf einer Sitzung der Pariser Akademie vor. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Daguerreotypie in Europa und der restlichen Welt dann verbreitete, war enorm. Anfang September 1839 kamen die ersten Apparate nach Berlin. Es dauerte nicht lange, bis die Lichtbilder auch in der brandenburgischen Provinz angeboten wurden. Dafür sorgten Wander-Daguerreotypisten, die ihre Arbeitsorte häufig wechselten, da die vermögende Kundschaft in den Kleinstädten oder auf dem Lande rar war.

Ausstellung in Potsdam

Zu den wenigen Bildern, die sich aus diesen frühen Jahren der Fotografie aus der Mark Brandenburg erhalten haben, gehört die Daguerreotypie mit dem Familienbildnis des Apothekers Wittrin aus Prenzlau, seiner Frau und deren acht Kinder. Es ist das älteste Objekt in der Ausstellung. Mehr als 300 Fotografien von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart illustrieren den zeitgeschichtlichen Wandel kindlicher Lebenswelten und die Veränderungen im Blick der Gesellschaft auf Kinder und Kindheit. Den Bildern zur Seite gestellt sind literarische Texte, in deren Mittelpunkt die regionalen Besonderheiten, die wechselnden historischen Umstände und die unterschiedlichen Milieus stehen, die für den Alltag von Kindern in der Mark zu unterschiedlichen Zeiten prägend waren.

Über einen Zeitraum von anderthalb Jahrhunderten sind es dieselben Sujets, die in den Fotos festgehalten wurden: Kinder beim Spielen, beim Posieren mit Freunden, Geschwistern und Eltern, Kinder in Uniform, Kinder am Wasser und Kinder in der Schule. Für all diese Themen finden sich Bildzeugnisse in der Ausstellung, die den Wandel von Haltung, Mode und Technik illustrieren. So führt etwa eine Reihung von exemplarischen Klassenfotos die Typologie des Motivs von 1880 bis in die Gegenwart vor Augen. Doch besonders an den Porträts wird deutlich, was den melancholischen Reiz dieser Aufnahmen ausmacht: In der absichtslosen Offenheit der kindlichen Gesichter, wie sie vor hundert oder fünfzig Jahren in einem flüchtigen Moment abgebildet wurden, begegnen wir der eigenen Zeitlichkeit.

Freunde der Kunst

Woher kommen die Bilder, die in der Ausstellung gezeigt werden? Relativ wenig ist in den öffentlichen Sammlungen überliefert. Grund dafür sind nicht nur die Verheerungen des letzten Krieges, sondern auch das sich erst spät entwickelnde Sammlungsinteresse. In Bezug auf die bildliche Darstellung von Architektur oder Brauchtum wurde der dokumentarische Wert der Fotografie schon früh geschätzt. Alltagsmotive sind dagegen selten bewahrt worden, zumal sich die Reportagefotografie in der Breite erst nach dem Ersten Weltkrieg durchzusetzen begann.

Die relativ lichtschwache Optik, die nicht ausreichend empfindlichen Emulsionen und die Unbeweglichkeit der Apparate erschwerten überdies bis hinein in die 1920er Jahre Momentaufnahmen vom Alltag. Glücksfälle stellen Nachlässe von professionellen Fotografen wie der von Heinz Krüger im Museum in Falkensee oder von Herbert Werner Brumm im Schwedter Museum dar. Beide Fotografen werden mit einer Auswahl von Kindheitsmotiven in der Potsdamer Ausstellung vorgestellt.

Der weitaus größere Teil der in Potsdam gezeigten Kindheits-Motive stammt jedoch aus privater Hand. Im Jahr 2011 Jahr hatte das Brandenburgische Literaturbüro mit Unterstützung der regionalen Medien begonnen, Fotos mit Kindheitsmotiven aus privaten Haushalten zusammenzutragen. Einige hundert Brandenburger beteiligten sich an dem Vorhaben. Mehr als Zehntausend Aufnahmen kamen nach dem Aufruf zusammen. Eine Auswahl von dreihundert Fotografien ist in der Ausstellung zu sehen. Die Bilder illustrieren den Wandel kindlicher Lebenswelten über einen Zeitraum von mehr als einhundertsechzig Jahren. In ihrer Summe bilden sie das kollektive Familienalbum Brandenburgs. Ein Großteil der Fotos, die nicht in der Ausstellung gezeigt werden können, wird ab Ende November 2013 auf dem Internetportal www.zeitstimmen.de präsentiert, weshalb auch nach wie vor gesammelt wird.

Eine Ausstellung des Brandenburgischen Literaturbüros und des Hauses der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte

Die eingesandten Privatfotos wurden in der Regel eher mit dokumentarischer als mit ästhetischer Wirkungsabsicht aufgenommen und sind selten ohne technische Mängel. Ihr Reiz besteht in ihrer Unmittelbarkeit, in der Verdichtung von Zeit und Ausdruck. In der Ausstellung lässt sich z.B. die Geschichte einer brandenburgischen Familie über eine Lebensspanne von zwei Jahrhunderten auf sechs Bildern nachvollziehen, die erst durch ihre Reihung interessant werden. Es gibt aber auch gestellte und ungestellte Kuriositäten und einen bisweilen auch unabsichtlich entstandenen graphischen oder malerischen Reiz. Gelegentlich erkennt man den Gestaltungswillen von technisch versierten und ästhetisch ambitionierten Fotografen – wie etwa in einem Album, das der Hauslehrer auf dem Gut der Familie zu Putlitz in Groß Pankow anlegte. Sodemann hielt um 1900 die Bewohner des Prignitz-Dorfes, ihren Alltag und ihre Arbeitsweise für die Nachwelt fest. Entstanden sind Bilder, in denen sich die Poesie der kargen Landschaft ebenso wie die Härte der bäuerlichen Lebenswelt wieder findet.

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