10.04.2012 07:14 Wie lässt sich Geschichte erzählen, was bleibt von ihr?

Ausstellung in Hannover: Blue Box - Thomas Heise, MATERIAL, 2009 bis 6. Mai 2012

Filmstill aus MATERIAL (Mainzer Straße, 14.11.1990) © Thomas Heise

Von: Dr. Isabelle Schwarz

Thomas Heise (*1955, lebt in Berlin), MATERIAL, 2009
Dokumentarfilm, 166 Min., HDCAM/Digital Betacam
sw/Farbe, Projektion von DVD
 
Wie lässt sich Geschichte erzählen, was bleibt von ihr, an Bildern, Tönen, Erinnerungen, Überlegungen, Fragen? Thomas Heise beschäftigt sich in MATERIAL mit jenem historischen Moment im Herbst 1989, in dem die Geschichte der so genannten Systemkonfrontation des 20. Jahrhunderts – der Auseinandersetzung zwischen Sozialismus und Kapitalismus – kulminiert. Die Politisierung hat alle Schichten und Gruppen, hat jeden Einzelnen erfasst. Die bis eben noch bis zum Bersten gespannte dünne Haut über den Konflikten und Widersprüchen reißt. Der Staat DDR befindet sich, nach einem langen Nachkrieg, in der Agonie. Wie weiter? 2009 montiert Thomas Heise Szenen aneinander, die zwischen 1988 und 2008 entstanden. Es sind Fragmente von abgebrochenen Projekten, ‚Resten’ früherer Arbeiten und filmischen Tagebuchnotizen.
 
Kinder, die an Orten spielen, die noch immer vom Krieg gezeichnet scheinen. – Ein Mann, der angesichts der Räumung besetzter Häuser vor einen Wasserwerfer sinkt und vergeblich »Hört doch auf!« ruft. – Strafgefangenen, die ihre Geschichten erzählen und ihre Entlassung fordern, weil sie an den Umwälzungen teilhaben wollen. – Ihre völlig überforderten Wärter. – Partei- und Regierungsvertreter, die unter dem Druck der Ereignisse das Gespräch mit den aufgebrachten Menschen auf der Straße suchen. –  Die höchst gespannte Nervosität, die am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz während der ersten großen und freien Demonstration in der 50-jährigen Geschichte der DDR herrscht. –  Ein Volksvertreter, der über die Gründe seiner Zusammenarbeit mit der Staatsicherheit spricht. – Der Autor und Regisseur Heiner Müller, der mit Schauspielern bei Theaterproben die Betonung eines einzigen Wortes erarbeitet: »Will er nicht aufstehen vor seinem König?« Heiner Müller darauf: „Seinem KÖNIG. Noch mal.“ Nicht die Stimme demütig erheben, vielmehr tief und mit abfallendem Auslaut. …. Tumulte zwischen autonomen Linken und rechten Randalierern und die Ohnmacht der ›bürgerlichen Mitte‹, die sich schließlich gegen das Drehteam und seine Zeugenschaft richtet.
 
MATERIAL versammelt, in radikaler Nähe zu den Ereignissen, Gegenbilder zu den landläufigen medialen Aufbereitungen jener Monate der Revolution zu Unterhaltungszwecken. Thomas Heise montiert Bilder der Macht, der Bemächtigung und der Ohnmacht zu einer Art visuellem Bewusstseinsstrom. Nichts wird – über die Mitteilung des filmischen Materials und der Art ihrer Montage hinaus – erklärt oder gedeutet. In dieser fragmentarischen Offenheit rekonstruiert sich noch einmal der utopische Denkraum, die Frage nach dem ›Wie weiter?‹.

Thomas Heise, Sohn des Philosophen Wolfgang Heise, war zwischen 1975 und 1978 Regieassistent im DEFA Studio für Spielfilme. Von 1978 bis 1982 studierte er an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam Babelsberg. Das Studium wurde abgebrochen, Ergebnis operativer Bearbeitung durch das Ministerium für Staatssicherheit (1976–1988). Er war von 1990 bis 1997 Mitglied des Berliner Ensembles und ist seit 2007 Professor für Film an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.

Sein jüngster Dokumentarfilm DIE LAGE (2012), entstanden am Rande der Ereignisse um den Papstbesuch in Deutschland 2011, lief in diesem Jahr im Programm der Internationalen Filmfestspiele Berlin 2012.        
 
Folgende weitere Filme von Thomas Heise sind in der Bibliothek des Sprengel Museum Hannover am Medienarbeitsplatz einsehbar:

Vaterland (D 2002, 98 min)
Im Glück (Neger) (D 2006, 87 min)
Der Ausländer (DDR/D 1987/2004, 37 min)
 
Save the Date:

Dienstag, 17.4.2012, 18.30 Uhr
‚Die Geschichte ist ein Haufen.’
Der Regisseur Thomas Heise im Gespräch mit Inka Schube
Eintritt zzgl. 1 Euro

 

Dr. Isabelle Schwarz

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