09.05.2013 08:00 Kunst ganz kryp­tisch

Ausstellung in Düsseldorf: Kunsthalle Düsseldorf zeigt Arbeiten von An­ton Voyls Fort­gang. Hen­ri Chopin, Guy de Co­in­tet, Ch­an­na Hor­witz

Channa Horwitz ausstellung kunsthalle düsseldorf

Channa Horwitz, Moiré 8 Different Angels #4“ (1983), Plaka auf Mylar, 56 x 77 cm, Courtesy Aanant & Zoo; Ausstellung in der Kunsthalle Düsseldorf

Von: GFDK - Kunsthalle Düsseldorf

Kunst ganz kryp­tisch, Cha­os und Ord­nung, Va­ria­ti­on und Trans­for­ma­ti­on, Zahl und Rhyth­mus, Ty­po und Sym­bol wird Bild. Nicht fi­gu­ra­tiv, ganz strikt und ra­di­kal, doch sinn­lich, dicht, was uns zur An­schau­ung zwingt. Ganz frisch wird Kom­mu­ni­ka­ti­on wo man was vom ABC aus­lässt. Un­mög­lich wirkt das und plötz­lich ist man wach im Kopf.

Der Ver­zicht auf den Buch­sta­ben E, so wird schon in die­sen we­ni­gen Sät­zen deut­lich, re­du­ziert zwar die ge­wohn­ten Aus­drucks­mög­lich­kei­ten, lässt aber gleich­zei­tig ei­ne neue

Spra­che ent­ste­hen, die an­de­re Bil­der und Klän­ge ge­ne­riert.

1969 ver­fass­te des fran­zö­si­schen Schrift­stel­ler Ge­or­ge Pe­rec den her­aus­ra­gen­den Ro­man La Dis­pa­ri­ti­on, (im Deut­schen An­ton Voyls Fort­gang), in dem der Vo­kal E kein ein­zi­ges Mal auf­taucht. „Der Ro­man zeigt, was mit Spra­che mög­lich ist, wenn nicht mehr der Au­tor er­zählt, son­dern durch das Kor­sett ei­ner stren­gen Re­gel die Spra­che selbst. Aus­ge­hend vom ver­füg­ba­ren Wort­ma­te­ri­al hat sich die Ge­schich­te, ha­ben sich die Per­so­nen und die Hand­lung zu ent­wi­ckeln. Zwi­schen Re­vo­lu­ti­ons­ko­mö­die, Rät­seln, die auf Rät­sel fol­gen, und tur­bu­len­ter Kri­mi­nal­par­odie schim­mern Ge­walt­ex­zes­se und der nack­te Ter­ror her­vor.

Doch der Ter­ror, der hier herrscht, hat Me­tho­de, und zwar lin­gu­is­ti­sche Me­tho­de, in­dem er durch Sprach­ma­ni­pu­la­ti­on ent­steht. Und so ma­ni­fes­tiert sich das all­mäh­li­che, fast aus­nahms­los grau­sa­me Ver­schwin­den ei­ner gan­zen Sip­pe im ver­schwun­de­nen Buch­sta­ben. An­ton Voyls Fort­gang, so heißt es wei­ter auf dem Klap­pen­text der deut­schen Über­set­zung von Eu­gen Helmlé, „ist ein Aben­teu­er, das kaum sei­nes­glei­chen kennt“. Im Ein­klang mit den Zie­len der Grup­pe Ou­Li­Po („Werk­statt für po­ten­ti­el­le Li­te­ra­tur“) such­te Pe­rec die Mög­lich­kei­ten der Spra­che durch selbst auf­er­leg­te for­ma­le Zwän­ge zu er­wei­tern – ei­ne In­ten­ti­on, die auch für das Werk von Hen­ri Chopin, Guy de Co­in­tet und Ch­an­na Hor­witz ver­bin­dend ist.

Ausstellung in Düsseldorf

Al­le drei Künst­ler be­gan­nen ih­re Ar­bei­ten in den 1960er Jah­ren zu ent­wi­ckeln, ei­ner Zeit, in der die kon­zep­tu­ell-sys­te­ma­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit Grund­pa­ra­me­tern un­se­rer Er­fah­rung im Vor­der­grund stand. Die Öff­nung von Spra­che und Kom­mu­ni­ka­ti­on, die Durch­mi­schung ver­schie­de­ner Me­di­en wie Bild, Spra­che, Mu­sik und Per­for­mance, die Struk­tu­rie­rung von Zeit und Raum, die Ent­wick­lung künst­le­ri­scher Ord­nungs­sys­te­me und ei­ge­ner Gram­ma­ti­ken in­ter­pre­tie­ren Chopin, de Co­in­tet und Hor­witz auf ih­re je spe­zi­fi­sche Wei­se.

Die ka­li­for­ni­sche Künst­le­rin Ch­an­na Hor­witz (*1932) ar­bei­tet seit An­fang der 1960er Jah­re an ei­nem ma­the­ma­tisch ba­sier­ten zeich­ne­ri­schen Sys­tem, das es ihr er­laubt, Be­we­gung und Zeit zu vi­sua­li­sie­ren. Fast al­le ih­rer schwarz-wei­ßen und far­bi­gen Ar­bei­ten be­ru­hen auf ei­nem Git­ter aus ho­ri­zon­ta­len und ver­ti­ka­len Li­ni­en, auf geo­me­tri­schen Grund­for­men so­wie der Zah­len­fol­ge eins bis acht, die sie in im­mer neu­en Va­ria­tio­nen durch­de­kli­niert: Ein Al­go­rith­mus, der sich zu Struk­tu­ren von schwer ent­schlüs­sel­ba­rer Kom­ple­xi­tät ver­dich­ten kann.

Ob­wohl die Stren­ge ih­res Re­gel­werks bei­na­he her­me­tisch wirkt, ent­fal­ten die fei­nen Zeich­nun­gen ei­nen ei­gen­tüm­li­chen vi­su­el­len Reiz. Er ent­steht eben­so aus der räum­li­chen Sog­wir­kung vie­ler Blät­ter, de­ren Li­ni­en auf Trans­pa­rent­pa­pier auf­ge­tra­gen fast schwe­bend er­schei­nen, wie auch aus der sicht­ba­ren Span­nung zwi­schen pro­gram­mier­tem Ab­lauf und ge­zeich­ne­ter Li­nie, zwi­schen Re­gel­werk und Frei­heit in­ner­halb ei­nes kom­ple­xen künst­le­ri­schen Sys­tems, das Hor­witz selbst als „vi­su­el­le Phi­lo­so­phie“ be­zeich­net. Seit den spä­ten 1960er Jah­ren nutzt Ch­an­na Hor­witz die No­ta­tio­nen, die sie im Sin­ne von Klang-Be­we­gung-Auf­zeich­nung Sona­ki­na­to­gra­phy nennt, auch als cho­reo­gra­phi­sches Aus­gangs­ma­te­ri­al für Per­for­man­ces.

Ih­re Ar­bei­ten wur­zeln eben­so in mi­ni­ma­lis­ti­schen Ver­fah­ren der Struk­tu­rie­rung von Zeit und Raum wie auch in Me­tho­den des Hap­pe­nings, in dem sich die Funk­ti­on der No­ta­ti­on von pas­si­ver Auf­zeich­nung zu ak­ti­ver Hand­lungs­an­wei­sung ver­schob. Ch­an­na Hor­witz stu­dier­te am re­nom­mier­ten Ca­li­for­nia In­sti­tu­te of the Arts. Ob­wohl seit Mit­te der 1960er Jah­re in in­ter­na­tio­na­len Aus­stel­lun­gen ver­tre­ten, ent­wi­ckel­te sie ihr Werk in ei­nem von männ­li­chen Kol­le­gen do­mi­nier­ten Um­feld zu­rück­ge­zo­gen.on den spä­ten 1960er-Jah­ren bis zu sei­nem frü­hen Tod war auch der in Frank­reich ge­bo­re­ne Kon­zept­künst­ler Guy de Co­in­tets (1934-1983), der den Spitz­na­men „Duch­amp Los An­ge­les´“ trug, ein ein­fluss­rei­ches Mit­glied der ka­li­for­ni­schen Kunst­sze­ne.

Bildende Kunst

So­wohl sei­ne Per­for­man­ces, als auch sei­ne Bü­cher und Zeich­nun­gen wid­men sich den Gren­zen von Spra­che und ih­rer Mög­lich­kei­ten.  Die ele­gan­ten, har­mo­ni­schen Gra­fi­ken, die er in den drei Jahr­zehn­ten sei­nes as­ke­ti­schen Ar­bei­tens schuf, le­sen sich heu­te wie Vor­weg­nah­men der na­hen­den Di­gi­ta­li­sie­rung. De Co­in­tet wid­me­te sich vor al­lem all­täg­li­chen Be­ge­ben­hei­ten und Aben­teu­er­ge­schich­ten, die er un­ter an­de­rem in Spie­gel­schrift und Mi­li­tär­codes über­setz­te..

Da­bei ging es ihm nicht um die Les­bar­keit der Ar­bei­ten, de­ren Ent­zif­fe­rung durch­aus mög­lich ist. Viel­mehr lag ihm, ganz in Ver­wandt­schaft zum da­mals auf­kom­men­den Struk­tu­ra­lis­mus, an der Über­tra­gung von Sinn in vi­su­el­le Zei­chen, die Bild wer­den. Durch die De­kon­struk­ti­on von Spra­che, leg­te er glei­cher­ma­ßen die Ge­set­ze of­fen, de­nen sie ge­horcht. Co­in­tet lieb­te das Spiel mit Iden­ti­tä­ten und ar­bei­te­te un­ter ver­schie­de­nen He­te­ro­ny­men. So wand­te er sei­ne Fas­zi­na­ti­on für Codes und Rät­sel auch auf sei­ne ei­ge­ne Künst­ler­per­sön­lich­keit an.

Auch dem Werk Hen­ri Chopins (1922-2008), ei­ner Schlüs­sel­fi­gur der vi­su­el­len Poe­sie und Sound Poe­try, wird erst in den letz­ten Jah­ren ver­stärk­te Auf­merk­sam­keit ge­wid­met. Vor al­lem in sei­nen Schreib­ma­schi­nen­ge­dich­ten lo­tet er das Ver­hält­nis von Cha­os und Ord­nung aus. Chopin zer­legt Wör­ter in ih­re ein­zel­nen Buch­sta­ben, greift ih­re Or­na­men­tik auf und ver­dich­tet sie zu ei­nem gra­phi­schen Bild. Da­mit kon­fron­tiert er die Be­deu­tung der Spra­che mit der Mög­lich­keit ei­ner un­end­li­chen Trans­for­ma­ti­on ih­rer Zei­chen. Pa­pier und Schreib­ma­schi­ne ge­hen hier ei­ne un­ge­wöhn­li­che Be­zie­hung ein, die in Über­la­ge­run­gen, Kreu­zun­gen, Um­keh­run­gen und Er­wei­te­run­gen der Schrift­e­le­men­te mün­det.

Durch farb­li­che Ab­set­zung und die Me­tho­de des Über­tip­pens ent­ste­hen Schrift­bil­der mit räum­li­cher Tie­fen­struk­tur die von Prä­zi­si­on, Fein­sinn und Hu­mor zeu­gen. Hen­ri Chopin präg­te nicht nur als Künst­ler und Klang­poet die zeit­ge­nös­si­sche Poe­sie ent­schei­dend mit,sei­nen ex­pe­ri­men­tel­len Zeit­schrif­ten Cin­quie­me Sai­son (1959-1963) und Re­vue OU (1964 – 1974) ver­öf­fent­lich­te er ne­ben sei­nen ei­ge­nen Ar­bei­ten auch Wer­ke an­de­rer Künst­ler wie un­ter an­de­rem von Raoul Haus­mann, Wil­liam Bur­roughs oder François Dufrêne.

Freunde der Kunst

Ku­ra­tiert von Elo­die Evers und Magda­le­na Holz­hey

Zur Aus­stel­lung er­scheint ei­ne Pu­bli­ka­ti­on mit ei­ner Ein­lei­tung von Elo­die Evers und Magda­le­na Holz­hey, ei­nem Es­say von Gre­gor Stemm­rich so­wie ein­füh­ren­den Tex­ten zu den drei Künst­lern von Ma­rie de Bru­ge­rol­le, Lu­ca Ce­riz­za und Chris Kraus.

Im Rah­men der Er­öff­nung fin­den am 15. Mai 2013 die Per­for­man­ces „Va­ria­ti­ons on Sina­ki­na­to­gra­phy“ von Ch­an­na Hor­witz und „Fi­ve Sis­ters“ von Guy de Co­in­tet in Zu­sam­men­ar­beit mit Eric Orr, statt.

Kunsthalle Düsseldorf

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