03.12.2013 09:00 bildnerisch und akustisch

Ausstellung in Bochum: Paola Manzur „Sintaxis“- Raum-Klang-Installation im Kunstraum-Unten

Paola Manzur Sintaxis ausstellung kunstraum unten

Mit der Installation „Sintaxis“ versucht Paola Manzur sich diesem Text, bildnerisch und akustisch, anzunähern; (c) Paola Manzur/Kunstraum-Unten Bochum

Paola Manzur Sintaxis ausstellung bochumPaola Manzur Sintaxis raum klang installation bochumPaola Manzur Sintaxis Text von Antonin Artaud ausstellung
Von: GFDK - Kunstraum-Unten

Paola Manzur wurde am 29. Mai 1971 in Santiago de Chile geboren. Von 1971 bis 1982 wuchs sie in Madrid, Spanien, von 1982 - 1988 dann in San Jose, Costa Rica auf. 1990 - 1995 studierte sie Kunst an der Escuela de Bellas Artes der Universidad Catolica de Chile in Santiago de Chile mit dem Schwerpunkt Druckgrafik und war Assistentin bei Prof. Eduardo Vilches. Seit 1995 lebt und arbeitet sie in Deutschland, aktuell in Dortmund. Seit 1998 ist Paola Manzur Mitglied im Künstlerhaus, Dortmund, seit 2003 Mitglied im Kunstkollektiv „Plateau”, Dortmund. Seit 2011 hat sie ihr Atelier im MUK - Musik- und Kulturzentrum Dortmund / Güntherstraße.

Ausstellung in Bochum

Der Ausgangspunkt von Paola Manzurs Installation „ Sintaxis“, ist ein Text von Antonin Artaud: „Manifiesto en lenguaje claro“ („Manifest in klarer Sprache“).

Artaud behandelt die Idee von „la mente“ ( lat. mens, mentis/der denkender Geist) und „la imagen“ (lat. imago/das Bild) unter der Herrschaft von „la razón“ (lat. ratio/der Vernunft). Für Artaud schafft – vereinfacht gesagt - der sprachliche Ausdruck und die begrifflich strukturierte Wirklichkeit, die durch ihn vermittelt wird, eine tiefe Kluft zum wirklichen Leben und zur Realität. Die diskursive Sprache ist grundsätzlich machtlos gegenüber dem Denken, das eigenen Gesetzmäßigkeiten gehorcht. Jeder Begriff ist Festlegung und Begrenzung. Er segmentiert, teilt auf und ist daher nicht geeignet, Realität erfahrbar zu machen. Deshalb soll Sprache nicht mehr als Darstellung und Abbild, sondern als Verkörperung aufgefasst werden.

Bildende Kunst

Mit der Installation „Sintaxis“ versucht Paola Manzur sich diesem Text, bildnerisch und akustisch, anzunähern, ihn zu untersuchen, zu hinterfragen, aber auch die Vision Artauds als Ziel einer künstlerischen Auseinandersetzung Raum zu geben, die den Zufall zulässt und ihn einlädt, wahrzunehmen.

Das wesentliche Gestaltungsmittel von Paola Manzurs Installation ist die Schrift. In 5000 Jahren Geschichte hat sich die Schrift zur elementaren Ausdrucksform des Menschen entwickelt und ist in unserer Kultur allgegenwärtig. In der Kunst 20. Jahrhundert setzen u. a. Paul Klee, Joan Miró, Mark Tobey, André Masson, Willi Baumeister, Hans Hartung Schriftzeichen bewusst in ihren Werken ein.

In Manzurs Arbeit ist Schrift nicht allein Hülle für das Bedeutete, für den Text von Artaud. Schrift ist bei ihr mehr als die Umsetzung des Gesprochenen oder Gedachten. Sie ist ebenso Form und Zeichen mit einer eigenständigen ästhetischen Aussage. Als Gestaltungselemente treten neben die Wahl der Schreibschrift ihre Größe und Dichte und die Verwendung von Groß- oder Kleinbuchstaben, das Helldunkel und Farbe. Die kursive Schrift verwendet Paola Manzur wie Linien, wodurch ein eindrucksvolles Bild aus Buchstaben, entsteht.

Strenge und fließende Schriftformen schaffen Kontraste, Hervorhebungen setzen Betonungen. Schrift und Malerei bilden einen visuellen Rhythmus. Der Schreibakt ist oftmals impulsiv, was die Schriftzeichen zwar schwer lesbar, aber umso ausdrucksstärker macht. Schrift wird bei Manzur so zum Medium einer sinnlichen und künstlerischen Gefühls- und Gedankenwelt.

Die äußere, ästhetische Gestalt wirkt aber ihrerseits auch auf den Inhalt zurück. Deshalb ist es unmöglich, die Buchstaben frei von der sprachlichen Verbindung und dem Denken zu betrachten, vielmehr bilden sie die Brücke, die die visuelle Welt und den Bereich des Vorhandenen mit der Welt der Gedanken und der Vorstellungskraft verbindet. Der Buchstabe berücksichtigt das Phonetische, das heißt die Gestaltung des Lautes und seiner Zeitdauer, und er ist notwendigerweise von der Musik abgeleitet.

Freunde der Kunst

Antonin Artaud wurde am 4. September 1896 in Marseille geboren, am 4. März 1948 wurde er in sitzender Haltung im Bett mit einem Schuh in der Hand tot aufgefunden. Er war Schauspieler, Dramatiker, Regisseur, Zeichner, Dichter und Theater-Theoretiker. Von manchen Kunsthistorikern wird Artaud als einer der Urväter der Performance-Kunst angesehen. Bis 1926 war er Mitglied der Bewegung des Surrealismus. Von 1926 bis 1935 widmete er sich der Realisierung seiner Theatertheorie.

Artaud propagierte eine Idee von einem Theater der Grausamkeit. Eine Aufführung sollte für ihn keine Nachahmung der Wirklichkeit, sein, sondern war eine Wirklichkeit für sich. Text, Sprache und Bewegung sollten auf der Bühne keine suggestive Einheit mehr bilden. Vielmehr wollte Artaud die zentrale Rolle des Textes im Theater mindern. Die Aufführung, also das Spektakel der Inszenierung bedeutete für Artaud immer schon einen lesbaren, in sich geschlossenen Text, so dass die Worte an sich einen geringeren Stellenwert bekamen.

Paola Manzur „Sintaxis“- Raum-Klang-Installation im Kunstraum-Unten

Das Auftreten von Text auf der Bühne sollte keinen diskursiven Zusammenhängen in den Rahmungen einer gesprochenen Sprache folgt, wie es sonst in der traditionellen westlichen Inszenierungspraxis der Fall ist. Diese Fragmentierung von Text, die Auflösung bislang bestehender Grenzen innerhalb des theatralen Raumes auf verschiedenen Ebenen ihre Bedeutung stellte für Artaud eine Rebellion gegen die Zivilisation und Kultur seiner Zeit dar.

mail@kunstraum-unten.de

Weiterführende Links:
http://www.kunstraum-unten.de/