28.06.2014 07:00 Georg Kolbe Musuem

Ausstellung in Berlin: Vanitas – Ewig ist eh nichts - vereint Werke von 14 internationalen Künstlerinnen und Künstlern

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Das Thema Vanitas spielt in der Kunst seit 1960 erneut eine wichtige Rolle; Bild 1: Courtesy neugerriemschneider, Berlin, Foto: Jens Ziehe, Berlin

georg kolbe museum

Bild 2: © Mona Hatoum und White Cube, Foto: Georgie Wimbush

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Bild 3: © James Hopkins, Foto: Nathan Spencer

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Bild 4: © Dieter Roth Foundation, Foto: Markus Hilbich, Berlin

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Bild 5: © Tomás Saraceno und Tanya Bonakdar Gallery, Andersen’s Contemporary Art, Pinksummer Contemporary Art, Esther Schipper, Foto: Studio Tomás Saraceno

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Bild 6: Courtesy Mehdi Chouakri, Berlin, Foto © Katharina Kritzler, Berlin

Von: GFDK - Georg Kolbe Museum

Die Gruppenschau „Vanitas – Ewig ist eh nichts“ vereint Werke von 14 internationalen Künstlerinnen und Künstlern, die sich mit der Endlichkeit der Dinge auseinandersetzen. Die künstlerischen Ansätze reichen von umgedeuteten Vanitas-Symbolen, über die Verwendung vergänglicher Materialien bis zu einer vollkommen neuen Ästhetik, die den Zusammenbruch zelebriert. Die Kunstwerke haben alle eines gemeinsam: Sie kommentieren eine von Krisen erschütterte Welt. Zu sehen sind Arbeiten von 1960 bis heute, unter anderem von Dieter Roth, Thomas Schütte, Alicja Kwade, Mona Hatoum oder Tomás Saraceno. Die große Sommerausstellung des Georg Kolbe Museums zur zeitgenössischen Skulptur wird mit einem Sommerfest am Samstag, den 14. Juni, ab 19 Uhr eröffnet.

„Das Georg Kolbe Museum zeigt erstmals eine umfassende Schau zum Thema Vanitas in der gegenwärtigen Bildhauerei. Die Ausstellung geht der Frage nach, warum das barocke Thema bis heute nicht an Aktualität verloren hat. Gleichzeitig bildet sie auch den Auftakt unseres neuen Programmschwerpunkts zur zeitgenössischen Skulptur“, so die Direktorin des Georg Kolbe Museums Dr. Julia Wallner.

Ausstellung in Berlin

Das Thema „Vanitas“ (lateinisch: Eitelkeit, Vergänglichkeit, Nichtigkeit) ist seit dem Mittelalter fester Bestandteil des westlichen Kunstkanons und erfuhr in den Vanitas-Stillleben des Barock, insbesondere in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts, seinen Höhepunkt. Die klassischen Symbole – wie zum Beispiel Totenschädel, verwelkte Blumen, erlegte Jagdtiere oder erloschene Kerzen – stellten für die damaligen Betrachter gut lesbare Verweise auf die Vergänglichkeit alles Irdischen dar. Verknüpft waren damit Botschaften, die zur Mäßigung und Hinwendung zum christlichen Glauben aufrufen sollten.

Das Thema Vanitas spielt in der Kunst seit 1960 erneut eine wichtige Rolle. Dabei greifen Künstler häufig auf symbolisch aufgeladene, klassische Vanitas-Motive zurück, die – in den zeitgenössischen Kontext übertragen – die Endlichkeit des (eigenen) Seins und das gebrochene Vertrauen in gültige Aussagen über den Zustand der Welt angesichts von zahlreichen Krisenphänomenen reflektieren.

In seiner Vanitas-Serie ordnet der britische Künstler James Hopkins (geb. 1976) typische Gegenstände, die wie in „The Dance of Death” (2014) in einem Jugendzimmer zu finden sind, zu einem überdimensionalen Totenkopf. Darunter mischt er viele zeitgemäße Vanitas-Symbole, zum Beispiel einen Plattenspieler oder einen Verstärker.  Der Bildhauer Thomas Schütte (geb. 1954) hingegen arbeitet immer wieder an neuen Versionen seines Selbstportraits. Im Georg Kolbe Museum wirft er mit „Me“ (2007–2009) einen Blick zurück in die unmittelbare Vergangenheit und verweist mit der Totenmaske gleichzeitig auf sein zukünftiges Schicksal.

Durch die Verwendung von vergänglichen bzw. ephemeren Materialien wird die zeitliche Begrenztheit von Kunstwerken und ihren Aussagen verdeutlicht. Mit Dieter Roth (1930–1998) und Daniel Spoerri (geb. 1930) sind gleich zwei Protagonisten aus den 1960er-Jahren vertreten, die sich diesem Thema mit viel Sinn für Humor nähern: Dieter Roth benutzt echte Köttel für seinen „Karnickelköttelkarnickel“ (ab 1972), während Daniel Spoerri die Reste eines gemeinsamen Essens mit dem isländischen Künstler Érro auf der Tischplatte fixiert und als „Fallenbild“ (1964) um 90 Grad gedreht in den Ausstellungsraum bringt. Mit Lebensmitteln arbeitet auch der japanische Künstler Reijiro Wada (geb. 1977). Im Laufe der Ausstellung kann man den Früchten von „Freeze“ (2006/2014), die zwischen drei keilförmig zulaufende Glaswände geworfen wurden, in Echtzeit beim Verfaulen zusehen. Die Arbeit enthält auch eine Kritik an der heutigen Überflussgesellschaft und deutet damit das barocke Thema neu.

Der Zweifel an einem christlich geprägten Vanitas-Begriff führt auch zu einer neuen Sicht auf Vergänglichkeit. Der Zusammenbruch stellt dabei keine Bedrohung mehr dar, sondern wird mit einer neuen Ästhetik zelebriert, so zum Beispiel bei Luca Trevisani (geb. 1979). Der italienische Bildhauer friert Paradiesvogelblumen ein und benennt seine aufwendige Installation nach James Hiram Bedford. Im Jahr 1967 löste der an Lungenkrebs erkrankte Psychologie-Professor einen Skandal aus: In Hoffnung auf spätere Wiederbelebung und wundersame Heilung ließ Bedford seinen Körper einfrieren. Die eigens für die Ausstellung entstandene Installation von Alicja Kwade (geb. 1979) stellt den zeitlichen Aspekt von Vergänglichkeit in den Vordergrund: Eine Kaminuhr wird in einem langsamen Prozess zu feinem Pigmentstaub zermahlen. Was bleibt, sind poetische Spuren einer zerfallenden gegenständlichen Welt.

Freunde der Kunst

Die neue Poesie des Zusammenbruchs feiert auch der Künstler Tomás Saraceno (geb. 1973). In seiner Installation lässt er lebendige Spinnen dreidimensionale Netze von anmutiger Schönheit bauen. Trotz des widerstandsfähigen Materials des Spinnfadens wirken die Spinnennetze in ihrer Differenziertheit und Komplexität fragil. Gerade darin spiegeln sie den Zustand der Welt wider, die sich nicht mehr auf verbindliche Sicherheiten verlassen kann, sondern von fluiden Verbindungen geprägt ist. Auch die Japanerin Kei Takemura (geb. 1975) thematisiert in ihren Arbeiten die Gegensätze zwischen Zerbrechlichkeit und Stabilität. Der japanischen Tradition folgend, nach der zerbrochenes Geschirr mit Japanlack und Goldfolie geklebt wird, um sie über Generationen zu erhalten, stickt Takemura die Bruchstellen von Porzellangefäßen mit Seide nach. Sie macht so die Wunden sichtbar und konserviert gleichzeitig einzigartige Familienstücke.

Gerade diese neueren, poetischen Skulpturen, die sich mit Vergänglichkeit beschäftigen, scheinen der Krisenstimmung unserer Zeit etwas entgegen zu setzen zu wollen. Den Betrachter fordern sie zu einem Perspektivwechsel auf.

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