03.05.2012 07:59 Alltag im Büro

Ausstellung in Berlin: Talents 27 . How Terry likes his coffee Florian van Roekel / Nisaar Ulama om 5. Mai bis 10. Juli 2012

Quelle: C/O Berlin

Von: Mirko Nowak - 3 Bilder

Der C/O’s e.V. setzt vom 5. Mai bis 10. Juli 2012 die Serie Talents unter dem Titel How Terry likes his coffee mit Fotografien von Florian van Roekel und Texten von Nisaar Ulama fort. Talents präsentiert junge Fotografen und Kunstkritiker an der Schwelle zwischen Ausbildung und Beruf. Die Eröffnung findet am Freitag, den 4. Mai 2012, um 19 Uhr im Postfuhramt in der Oranienburger Straße 35/36 statt.

Alltag im Büro. Schreibtische, Regale, Maschinen, Aktenordner, Container und Waren. Ein Rücken, der hinter einem Vorhang aus Bürostuhl und Sakko hervorlugt, ein Beinpaar, das durchs Bild huscht. Ein Mann im Anzug nimmt eine kontemplative Wartehaltung ein. Jemand kratzt sich am Kopf und blickt auf sein Mobiltelefon. Meetings, Telefonate, Konzentration und Abwesenheit. Florian van Roekels Sujet ist die allgegenwärtige Arbeitswelt. Er zeigt menschliche Körper, Blicke und Gesten, die sich aus der Spannung zwischen sozialem und funktionalem Raum ergeben. Seine Bilder werfen einen genauen Blick auf das menschliche Miteinander und damit auf die Verhaltensweisen in einem gesellschaftlichen Mikrokosmos. Dieser ist mehr als die bloße Addition von Menschen, mehr als nur Regungen und Ausdrucksweisen. Vielmehr macht er die Rahmenbedingungen des unsichtbaren Sozialen sichtbar.

In 15-monatiger Arbeit hat sich Florian van Roekel in die Bürowirklichkeit niederländischer Konzerne und damit in die Position des Ethnologen begeben. Seine stille Präsenz wurde erstaunlich schnell zur Normalität; die porträtierten Personen lassen sich auf die Fotografien ein und vergessen die Anwesenheit des Fotografen. Zwischen Kamera, und damit dem Blick von Außen, sowie den Porträtierten entsteht auf diese Weise eine ungewöhnliche und unmittelbare Nähe. Jedoch sind die Aufnahmen nicht einfach Schnappschüsse, die einen ruhigen Moment einfangen. Die Protagonisten wirken eher wie in Posen erstarrt – so als ob sie bewusst ihre jeweilige Position für die Kamera eingenommen hätten. Gleichzeitig erzählt die fotografische Serie nicht nur von dem Gefühl der Isolation des Individuums von seiner alltäglichen Umgebung, sondern auch vom Verlangen nach einer wirklichen, persönlichen Verbindung zu einem anderen Menschen. Obwohl das Büro Schranken errichtet, die einen wirklichen Kontakt unmöglich machen und keinen Raum für Emotionen zulassen, scheint das Bedürfnis nach Nähe immer noch präsent.

In der Aneinanderreihung der Bilder als Serie schafft Florian van Roekel bewusst eine filmische Narration, die dem Betrachter eine vorgegebene, eine „richtige“ Folge und Rhythmik der Bilder vorgibt. Zudem konzentriert er sich in der Bildsprache auf eine besondere Form des Lichtes. Statt eine Szenerie gleichmäßig und nüchtern auszuleuchten, arbeitet er an einer Dramaturgie aus harten Kontrasten und scharfen Schatten, welche den Bildern eine Prägnanz verleiht, die an das Kino erinnert. Die dadurch erreichte Dramatisierung führt zu einer Überhöhung der realen Situation. Diese Fiktionalisierung des Geschehens wirkt jedoch faszinierenderweise umso realer – hier wird deutlich, wie sehr der Betrachter in seiner Wahrnehmung durch die Ästhetik der bildgestützten Medien beeinflusst und so sein Realitätssinn manipuliert wird. Realität und Virtualität verschwimmen zunehmend.

Florian van Roekel wurde 1980 geboren und lebt in Amsterdam. Bevor er 2010 seinen Abschluss an der Royal Academy of Art in Den Haag mit Auszeichnung machte, studierte er Sozialarbeit. 2011 wählte Martin Parr van Roekels Fotobuch How Terry likes his Coffee zu einem der besten Bücher des Jahrzehnts. Außerdem wurde er für den International Center of Photography Infinity Award nominiert. Zuletzt wurde Florian van Roekel im Foam Museum als Talent 2011 ausgestellt.

Nisaar Ulama wurde 1982 geboren und lebt in Berlin. Er studierte Philosophie, Politische Wissenschaft und Völkerrecht an der Universität Bonn und machte seinen Magister zum Thema Bild-Anthropologie von Hans Jonas. Seit 2010 arbeitet er an einer Dissertation über die Verschränkung von Macht und Wissen in operativen Bildwelten. Nisaar Ulama ist Autor essayistischer und literarischer Texte u.a für die Zeitschriften KRAUT und HATE sowie Gründungsmitglied der kuratorischen Plattform frontviews.

Nachwuchs fördern und ihm eine erste Chance für die Zukunft geben – Talents ist kreativer Campus für junge internationale Gegenwartsfotografie und Kunstkritik. Seit 2006 fördert der C/O’s e.V. mit dieser Ausstellungsreihe angehende Fotografen und Kritiker, die sich an der Schwelle zwischen Ausbildung und Beruf befinden. Begleitet wird jede Einzelausstellung von einer Publikation, in der Bild und Text einen Dialog eingehen. Talents ist ein internationaler Wettbewerb, der jährlich ausgeschrieben wird. Aus den eingereichten Bewerbungen wählt eine Fachjury jeweils vier Fotografen für einen Jahrgang aus. Mit Hilfe starker Partnerschaften schickt C/O Berlin die Fotografen und Kunsthistoriker in die Welt. Dieses in Europa einzigartige Programm ist für viele junge Künstler der Ausgangspunkt für Ausstellungen, z.B. in den Goethe-Instituten Stockholm, New York oder Santiago de Chile.



Talents 27 . How Terry likes his coffee
Florian van Roekel / Nisaar Ulama

Ausstellung 5. Mai bis 10. Juli 2012
Eröffnung Freitag, 4. Mai 2012 . 19 Uhr
Öffnungszeiten täglich . 11 bis 20 Uhr
Eintritt 10 Euro . ermäßigt 5 Euro

Veranstalter C/O‘s e.V.
Ort C/O Berlin . Postfuhramt
Oranienburger Straße 35/36 . 10117 Berlin

Pressekontakt Mirko Nowak
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