20.09.2014 07:00 Kunstgeschichtsschreibung

Ausstellung in Berlin: Re-Discoveries II - die Arbeiten von Künstlern älterer Generation treten in den Dialog mit jungen Künstlern

ausstellung berlin

„Re-Discoveries“ ist eine Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe in

Re-Discoveries berlin

der die Arbeiten von Künstlern älterer Generation in den Dialog mit jung

Von: GFDK - Nadine Dinter PR

„Re-Discoveries“ ist eine Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe in der die Arbeiten von Künstlern älterer Generation in den Dialog mit jungen Künstlern treten.

Ausstellung in Berlin

Von fünf internationalen Gastkuratoren konzipiert, handelt es sich bei den älteren Positionen wie David Hammons, Ivan Kožarić, Sture Johannesson, Peter Rose und Marianne Wex um Künstler, die in Deutschland unbekannt, wenig bekannt – oder bekannt dafür sind, blinde Flecken in der zeitgenössischen Kunstgeschichtsschreibung zu sein. Das Konzept von „Re-Discoveries“ beschränkt sich nicht allein auf das Ausstellen dieser Positionen im Sinne einer verdienten Wiederentdeckung. Ziel ist es, einen Resonanzraum zu schaffen, in dem ältere Arbeiten auf zeitgenössische Werke stoßen, mit ihnen korrespondieren oder Spannungen hervorbringen, durch die neue Sichtweisen und Kontexte entstehen. Es geht um die Re-aktualisierung von Kunstwerken sowie um die Thematisierung der Produktionsbedingungen und Diskurse ihrer Entstehung.

Die von Janneke de Vries kuratierte, zweite Ausstellung der Serie wird ein Schlüsselwerk der 1937 geborenen Konzeptkünstlerin Marianne Wex zeigen: In den Jahren von 1972 bis 1977 fotografierte die Künstlerin Marianne Wex (*1937 in Hamburg) Menschen und ihre Körperhaltungen in Hamburgs Straßen und unterteilte die entstandenen Aufnahmen anschließend in verschiedene Kategorien. Dabei stellte sie spezifische Haltungen der Arme und Beine beiderlei Geschlechts, von Füssen, Knien, Ellbogen, Hände, Schultern und Köpfen von Frauen und Männern gegenüber. Ihr Interesse galt der Frage, in welchem Maße sich geschlechtsspezifische Konditionierungen und Hierarchien in alltäglichen Posen und Gesten widerspiegeln. Um ihre Recherche auszuweiten, ergänzte Wex die ca. 5.000 Fotografien aus dem öffentlichen Raum durch abfotografierte Bilder aus den Massenmedien sowie durch vergleichende historische Darstellungen aus Antike und Mittelalter. Das umfangreiche Ergebnis ihrer Recherche übertrug die Künstlerin auf Tafeln, auf die sie die Bilder und erklärende Texte als Collagen montierte.

Im Anschluss an diese installative Form bereitete Wex das Material in Buchform mit dem Titel „Weibliche“ und „Männliche“ Körpersprache als Folge patriarchalischer Machtverhältnisse (1979) auf. Wex’ Fototafeln wurden das erste Mal 1977 als Teil der Ausstellung Künstlerinnen International 1877-1977 in der NGBK in Berlin gezeigt. Sie wanderten Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre noch durch einige nationale und internationale Ausstellungen, gerieten im Kunstkontext dann aber weitestgehend in Vergessenheit. Erst 2009 wurde ein Teil des Körpersprache-Projekts in der Focal Point Gallery in Southend-on-Sea wieder gezeigt. 2012 präsentierte der Badische Kunstverein Karlsruhe dann erstmals alle vorhandenen Tafeln von „Weibliche“ und „männliche“ Körpersprache als Folge patriarchalischer Machtverhältnisse.

Das Fotoprojekt von Marianne Wex ist im höchsten Grade konzeptuell. Es verdeutlicht einerseits einen spezifischen Umgang mit dem Medium Fotografie und der Appropriation gefundenen Bildmaterials. Andererseits verortet sich die Arbeit im Kontext der feministischen Bewegung der 1970er Jahre und untersucht das Verhältnis von Körper und Raum (so lautet etwa der Titel der englischen Buchausgabe bezeichnenderweise Let’s Get Back Our Space).

Ausgehend von den Fragestellungen von Wex’ fotografischem Atlas wird die Ausstellung Verbindungslinien in die aktuelle Produktion zeitgenössischer Künstler/innen nachzeichnen. So scheint etwa Matt Keagan (*1976, lebt in New York) in seinen C-Prints von 2012 Men und Women direkt Ideen von Wex aufzunehmen und geschlechtsspezifische Körperhaltungen in der Sprache gefundener Werbemittel offen zu legen. Shannon Bool (*1972, lebt in Berlin) spürt in ihren Tanzstangen, Gemälden und Fotogrammen ebenfalls Fragestellungen männlicher Klischeefantasien und weiblicher Realität nach, involviert aber zusätzlich kunstgeschichtliche Traditionen und den umgebenden architektonischen Raum. Julika Rudelius (*1968, lebt in Frankfurt/Main) inszeniert chinesische Männer in ihrer fernöstlich konnotierten Umgebung in westlich inspirierten Posen und Gesten. Jeremy Shaw (*1977, lebt in Berlin) spielt in seinem Film 7 Minutes mit den Zugehörigkeitsmechanismen der Geschlechter und setzt sie außer Kraft.

Nina Hoffmann (*1980, lebt in Berlin) fragt nach ebensolchen geschlechtlichen Zuschreibungen, verknüpft sie aber mit Vorgehensweisen vom Anfang des 20. Jahrhunderts oder untersucht den aktuellen Stand geschlechtlicher Gleichstellung im Kunstbetrieb. Und Ruth Buchanan und Andreas Müller (*1980, leben in Berlin) tauchen tief in die Bedürfnisse von Wex’ Arbeit ein, indem sie das für die Tafeln entsprechende Präsentationsdisplay entwickeln.

Freunde der Kunst

Janneke de Vries (*1968) ist Direktorin der GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst in Bremen. Sie studierte Kunstgeschichte und Neuere Deutsche Literatur in Marburg und Hamburg. Nach Tätigkeiten als Chefredakteurin, freier Kritikerin, freier Kuratorin und wissenschaftlicher Mitarbeiterin in Frankfurt/Main und Hamburg war sie bis 2007 Direktorin des Kunstvereins Braunschweig. Neben Einzelausstellungen u.a. mit Kathrin Sonntag, Kate Newby, Shannon Bool, Mark Wallinger, John Stezaker, Matt Mullican, Sarah Ortmeyer oder Mariechen Danz hat sie internationale Gruppenausstellungen wie Um-Kehrungen, Space Revised_Friendly Takeovers, An einem schönen Morgen des Monats Mai..., Beyond Words, Die Geometrie der Dinge oder kürzlich Girls can tell realisiert. Janneke de Vries hat außerdem zahlreiche Texte zur zeitgenössischen Kunst in Kunstmagazinen (u.a. Dare oder Texte zur Kunst) und Katalogen veröffentlicht.

presse@nadine-dinter.de