05.05.2015 08:00 Schaumünzen

Ausstellung in Augsburg: Blutgeld. Propaganda-Medaillen aus dem Ersten Weltkrieg

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Namhafte Künstler beteiligten sich seinerzeit an der Herstellung; © Kunstsammlungen und Museen Augsburg, Fotos: Lenz Mayer

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Von: GFDK - Kunstsammlungen und Museen Augsburg

Anlass der Ausstellung ist der Überraschungsfund von Medaillen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs.

Ausstellung in Augsburg

Es sind Erzeugnisse der renommierten Berliner Münzhandlung Robert Ball Nachfolger, die nach Kriegsausbruch Medaillen herausgab, um die Persönlichkeiten und die Taten unserer Führer, unserer Helden, die Einmütigkeit und die Hingebung des gesamten Volkes in kleinen, aber höchst bedeutsamen Kunstwerken zu verewigen… , wie es 1915 Julius Menadier, der Direktor des Berliner Münzkabinetts, für eine andere Medaillenedition formulierte.

Der Begriff Medaille, der sich vom französischen Wort médaille bzw. vom lateinischen metallum herleitet, ist heute zweideutig. Es sind keine Auszeichnungen, sondern gegossene oder geprägte Kleinkunstwerke zur Erinnerung an Personen, Ereignisse oder Dinge, deren Vorder- und Rückseite mit Bildmotiven und Schrift versehen sind. Renommierte Berliner Künstler entwarfen die Weltkriegsmedaillen. Die Vorderseiten zeigen Porträts deutscher Kriegsprotagonisten. Die Rückseiten bringen szenische oder allegorisch-mythologische Darstellungen.

Es überwiegen militärische Motive, kombiniert mit Ortsnamen, Schlachtdaten oder Jahreszahlen. Es gibt wenige paramilitärische Szenen wie die Verleihung des Eisernen Kreuzes. Klein ist auch die Gruppe mit symbolischen Motiven: Drei Möwen symbolisieren die Seelen der gefallenen Grafen Spee. Rund ein Drittel zeigt heroisierende Motive, die Akteure und Ereignisse mythologisch überhöhen und zu zeitlosen Sinnbildern deutscher Geschichte stilisieren. Der antiken Herkules-Mythologie entlehnte Motive sind General Ludendorff und Generalfeldmarschall Hindenburg vorbehalten.

In den Darstellungen drückt sich die Vorstellung von der moralischen Überlegenheit des sich in einem Abwehrkampf wähnenden deutschen Volkes aus. Die idealisierenden  Motive propagieren eine verlogene Ethik des Kampfes. Sie verharmlosen das reale Kriegsgeschehen und stehen im krassen Gegensatz zur hochmodernen Waffentechnik des Ersten Weltkriegs.

Augsburger Ansichten

Während Kriegsmedaillen für begüterte Schichten bestimmt waren, gab es für die Bevölkerungsmehrheit mit Bildpostkarten ein wohlfeiles Medium, das wegen seiner  Breitenwirkung für Propagandazwecke gut geeignet war. Aufgrund ihrer massenhaften Produktion zur Zeit des Ersten Weltkriegs  werden nur Karten ausgestellt, die Kriegs- mit hiesigen Stadtmotiven verbinden bzw. deren Absender oder Empfänger einen Bezug zu Augsburg haben. Neben Motiven von eher dokumentarischem Charakter verfolgen einige propagandistische Zwecke, indem sie z.B. an die Solidarität der Bevölkerung appellieren oder das Bündnis der Mittelmächte feiern.

Ein prominentes Motiv ist der Perlachturm, der von hoher Symbolkraft war: Seit dem 16. Jahrhundert ist er Sitz des Erzengels Michael in Gestalt der beweglichen Holzfigur des Turamichele. An seinem Festtag, dem 29. September, wird es aus der Nische im Sockelgeschoss des Turmes herausgefahren und sticht mit den Stundenschlägen auf Satan ein. Der hl. Michael wurde traditionell mit der Schlacht

auf dem Lechfeld gegen die Ungarn 955 n. Chr. in Verbindung gebracht. Seine Bedeutung als Schutzengel des Reiches bildete sich erst im 19. Jahrhundert heraus und wurde seit dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 auch für den Perlachturm instrumentalisiert: Wie Bertolt Brecht in einem seiner „Augsburger Kriegsbriefe“ für die München-Augsburger Nachrichten schreibt, wurden …am Abend vor dem Sedanstage…nach alter Sitte vom Perlachturm Choräle geblasen. Im Perlachturm als Erscheinungsort des Erzengels konnte man damals ein patriotisches Symbol deutschen Kampfesgeists und Siegeswillens erkennen.  Es ist kein Zufall, dass 1916 an diesem symbolträchtigen Ort die Augsburger Wehrsäule errichtet wurde, die die Spendenbereitschaft der Augsburger mobilisieren sollte.   

Der Erste Weltkrieg und Bertolt Brechts literarischen Anfänge

Brechts Frühwerk, dessen Beginn die Schülerzeitschrift „Die Ernte“ (August 1913 bis Februar 1914) markierte, fand mit Kriegsausbruch in zahlreichen literarischen Arbeiten seine Fortsetzung.

Es handelt sich um Gelegenheitsdichtungen und rund vierzig Beiträge, die er von August 1914 bis Anfang 1916 in den Augsburger Neuesten Nachrichten und der München-Augsburger Abendzeitung und deren literarischen Beilagen veröffentlichen konnte. Galten sie lange Zeit als konventionelle Kriegsliteratur, verfasst von einem von der nationalistischen Euphorie mitgerissenen Gymnasiasten, so sieht man in ihnen heute Werke eines jungen begabten Dichters, der sich in verschiedenen literarischen Formen übte. Brecht wollte unbedingt veröffentlichen und ging fast strategisch vor, um als Schriftsteller in Erscheinung treten zu können. Die Inhalte waren anfangs eher sekundär.

Bald aber ist bei Brecht eine ernsthafte verdeckte Distanzierung vom Krieg und der wilhelminischen Politik spürbar. Dies zeigt sich z.B. an seinem Umgang mit der Gattung der Heldenlegende. Brechts Heldenfiguren sind Anti-Helden.

Eine Zäsur bildet das „Lied von der Eisenbahntruppe von Fort Donald“, die Brecht für so gelungen hielt, dass er sie später in die „Hauspostille“, die berühmte Sammlung seiner Augsburger Lyrik, aufnahm. Stimmung, Bilder und Metaphorik des Liedes, das von Arbeitern handelt, die den entfesselten Naturgewalten ausgeliefert sind und durch sie umkommen, sind eindeutig Kriegslyrik. Der traditionelle, pathetische Begriff des Helden und seines Todes hat hier aber keine Bedeutung mehr. Das im Krieg offenbar werdende Leid, die existenzielle Verlassenheit des Menschen, hebt Brecht auf eine allgemeine Ebene. Für das Leben gilt, was im Krieg konkret erfahrbar wird: Der Mensch steht auf „verlorenem Posten“.

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