21.04.2015 09:16 bürgerschaftliches Engagement

Rufer in der Wüste - Lothar Pues legt sich für die Essener Folkwang-Sammlung quer

Ausstellungshalle im Museum Folkwang

Ausstellungshalle im Museum Folkwang (c) wikipedia/Julius1990

Von: GFDK - Lothar Pues

Lothar Pues lässt nicht locker. Der Essner Familienvater, Steuerberater (Spezialgebiet Stiftungen) und Salonbetreiber in Berlin ("Salon Kufsteiner Straße"), möchte von seinem Vorwurf keineswegs abrücken: "Die Stadt", empört sich Pues, "greift das Eigentum der Bürger an, und Herr Middelschulte vom Folkwang-Verein passt darauf nicht auf."

Selbst wenn der Mahner Gefahr läuft, sich gründlich unbeliebt zu machen, sieht er sich in der Pflicht: "Weil ich morgens mit meiner Familie am Frühstückstisch sitze. Da muss man die Dinge frei aussprechen."

Jetzt haben er und seine Frau Christiane einen Offenen Brief an die "Lieben Freunde unseres Museum Folkwang" geschrieben. Darin fahren sie schweres Geschütz auf: "Leider gefährdet Essen mit seiner Haushaltspolitik dieses bürgerschaftliche Engagement und den Fortbestand der Sammlung des Essener Museum Folkwang auch für künftige Generationen". Bürgerschaftliches Engagement oder Quengelei eines Pfennigfuchsers?

Was ist Gegenstand des Protestes? Lothar Pues bezieht sich auf eine Geldsammelaktion unter Essener Bürgern, als es 1922 darum ging, die berühmte Sammlung des Folkwang-Gründers Karl Ernst Osthaus von Hagen nach Essen zu holen. 15 Millionen Reichsmark aus privaten Spenden, zumal von jüdischen Familien, kamen damals zusammen. Die Stadt Essen baute daraufhin das Museum Folkwang. In einem Vertrag wurde im Mai 1922 bestimmt, dass dessen Kunstsammlung je zur Hälfte dem Folkwang-Museumsverein und der Stadt Essen gehört. Vorstandsvorsitzender des Vereins ist Achim Middelschulte, geschäftsführendes Vorstandsmitglied Museumsdirektor Tobia Bezzola.

Aus purer Finanznot verfiel Essens Stadtkämmerer Lars Martin Klieve auf eine kreative Gegenfinanzierung: Kunst gegen Schulden. In der städtischen Bilanz taucht neuerdings das hälftige Eigentum der Stadt Essen an der Kunstsammlung des Museum Folkwang als Aktivposten in Höhe von rund 250 Millionen Euro auf. Auf diesen Wert hatte man die Kunst zuvor schätzen lassen. Pues halten das für "abenteuerlich und unseriös". Eine Luftbuchung, weil die Sammlung per Vertrag gar nicht verkäuflich ist und somit keinen Marktwert besitzt.

Mit einem ähnlichen Bilanzierungstrick wurder der Neubau des Museum Folkwang mit rund 70 Millionen Euro in die Bücher der Stadt aufgenommen. Erst mithilfe dieser Bilanzierung der Kunstwerke und des Museumsbaus konnte die Stadt Essen ihr Eigenkapital erhöhen und folglich weitere 320 Millionen Euro Schulden aufnehmen. Nun hat man als Schuldenhochburg einen Spitzenplatz unter den deutschen Städten erreicht. Lothar Pues hält das für "waghalsig". Denn diese Art Schuldenmacherei "kippt in gar nicht langer Zeit": Keine Bank wird der Stadt aufgrund solch hohler Sicherheiten weitere Kredite einräumen. Und wie sollte Essen die Schulden je zurückzahlen können? An den Rand gedrängt, doch durch Verkauf der Sammlung?

Der Brief liest sich wie ein Hilferuf. Denn Lothar Pues sieht sich wie der Rufer in der Wüste. Allgemeines Achselzucken ringsum. Stadtkämmerer Klieve (CDU) weiß den Essener Oberbürgermeister Reinhard Paß (SPD) auf seiner Seite. Im September wird in Essen der neue OB gewählt. Ein Wahlkampfthema aber ist er nicht, der Umgang mit der Folkwang-Sammlung. Auch die Bezirksregierung in Düsseldorf sieht dem Essener Handeln einstweilen gelassen zu. "Hier sind alle im Erdloch", klagt Pues. Middelschulte, altgedienter Kulturstratege und Vorsitzender des Museumsverein, wiegelt indes ab: "Unsinnige Bemerkungen", nennt er den Einwand von Lothar Pues, "aufgeblasene und falsche Feststellungen".

Durch eine möglicherweise zu kreative Buchhaltung ist auch die vertraglich vereinbarte Instandhaltungsrücklage des Museum Folkwang von fast sechs Millionen Euro für den Neubau des örtlichen Fußballstadions umgeleitet worden. Auch nach der Insolvenz des Fußballvereins Rot-Weiß-Essen hielt die Stadt an dem Stadionbau fest. Die Kosten stiegen von 31 auf 49 Millionen Euro. Der verantwortliche Stadtdirektor Christian Hülsmann ist seit seinem Ausscheiden Aufsichtsratsvorsitzender des Vereins. Bauherr ist die städtische Grundstücksverwaltung Essen (GVE). Deren Chef Andreas Hillebrand sieht sich nun einer Strafanzeige gegenüber.