06.04.2015 12:25 Rückfall in vordemokratische Zeiten

Rostock - eine Stadt feuert seinen Intendanten, weil er sich für Kultur stark macht?

Theater im Stadthafen bei Nacht

Die Stadt Rostock verzichtet auch auf einen Theatermann, wie man ihn sich idealerweise vorstellt. Theater im Stadthafen bei Nacht CC BY-SA 2.5/ Lauchi

Von: Mittelbayerische Zeitung

Eine Stadt feuert einen Intendanten, weil er sich für Kultur, für sein Haus und seine Mitarbeiter stark macht? Das klingt wie eine Geschichte aus einem anderen Land, einer anderen Zeit. In der DDR waren Theater Orte, die Ersatz boten für öffentliche Debatten.

In verklausulierten Worten, der "Sklavensprache", durfte dort Kritik am Regime laut werden. Als Sewan Latchinian sich jetzt in Rostock, 25 Jahre nach dem Mauerfall, die Freiheit nahm, Tacheles zu reden über die Schrumpfkur für sein Haus, entließ ihn die Stadt fristlos. Nicht, weil er in seinen zugespitzten Worten auf die Zerstörung von Kulturerbe durch die Terrormiliz IS verwiesen hat - sondern weil die Stadtregierung harte Wahrheiten nicht hören will.

Rückfall in vordemokratische Zeiten

Rostock übt mit der Entlassung des Intendanten nicht nur den Rückfall in vordemokratische Zeiten. Die Stadt verzichtet auch auf einen Theatermann, wie man ihn sich idealerweise vorstellt. Im armen Brandenburg gelang ihm das "Wunder von Senftenberg". Er schaffte es, im 27 000-Einwohner-Städtchen rund 70 000 Zuschauer ins Haus zu holen, und 2005 wurde die Bühne sogar "Theater des Jahres". In Rostock setzte er seit Herbst 2014 Theater auf der Höhe der Zeit um, auch mit neuen Formaten wie der Bürgerbühne und neuen Spielorten wie der Straßenbahn. Die Stadt Rostock hat, falls die Kündigung der juristischen Prüfung standhält, einen unbequemen Kritiker los - aber ihre Probleme nicht.


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