15.03.2013 14:50 der Wegaufzeichner

Radikale Selbstironie - Martin Kippenbergers Leben - ein Mischpult der Kunst

Radikale Selbstironie - Martin Kippenbergers Leben - ein Mischpult der Kunst

1. Martin Kippenberger, Zuerst die Füße, 1991, Holz, Autolack, Metall, Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln

2. Martin Kippenberger: Paris Bar, 1993, Acryl auf Leinwand, François Pinault Foundation © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln

3. Martin Kippenberger: Einer von Euch, Unter Euch, Mit Euch, Porträt Martin Kippenberger 1977, Offsetlithographie auf Papier © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln

4. Martin Kippenberger, Ohne Titel (aus der Serie Lieber Maler, male mir), 1981

Acryl auf Leinwand, Private Collection © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln

Von: Eva Horstick-Schmitt - 5 Bilder Profil bei Google+

Martin Kippenberger war ein genialer,  sich selbstinszenierender Kunst-Clown mit radikaler Selbstironie.

Ich tauche mit Respekt ein in seine verletzliche Seele beim Blick auf sein umfangreiches Werk, präsentiert in der Nationalgalerie Hamburger Bahnhof Berlin.

Sein Leben als Mischpult der Kunst, in der er der Mittelpunkt sein wollte.

Er hinterfragt in seinen Werken sich, die Gesellschaft, die Kunst, den Markt – stilmixend, mit dem Hirn und Herzen eines chaotischen und sympathischen Treppentwisters. 

Die kunstbeflissene Jetztzeitgesellschaft - ob sie sein Werk versteht?

Seine Frösche am Kreuz glänzen auf uns herab wie ein Frosch-Ermahnung, uns besser mit der Natur zu versöhnen, als sie weiter zu quälen.

Martin Kippenberger - ich sage  Dir, egal wo du gerade bist im Universum - es ist ein Genuss  zu verstehen - wenn man mit dem Herzen sieht und nicht nur mit dem Verstand. Das Bild, welches Du von Dir vermittelst, zeigt mir einen Menschen, der auch geht, wenn ein Tor ohne Kontur ist. Deine Nase ragt ebenso vorwitzig in die Welt, wie die mich berührenden Plakate deiner Ausstellungsankündigungen mit den schrägen Slogans, die an Dadaismus erinnern lassen.

Dein umfangreiches und abwechslungsreiches Lebenswerk in Form von Installationen, Malerei, Fotografie, Grafik und mehr beeindruckt genauso wie deine Statements.

Der Martin in der Ecke - als Skulptur - erinnerte mich an meine eigene Schulzeit  "Eva in der Ecke", wie es viele erinnern wird an eine Zeit, in der das Diktat des Gehorsams galt.

Die Plakate, Malereien und Fotografien lassen nicht nur erahnen, welch ein kluger Kopf hinter dem allen stand, sondern sind der Beweis für humorvolles und zynisches "Zeit-voraus-denken".

Als permanente "Ermahnungsleuchte" im Dickicht dieser Welten sammelte Kippenberger scheinbar alles was ihm vor die Füsse fiel und verarbeitete es zu einem leckeren Menü diverser Speisen, die uns manches Mal auch im Hals stecken bleiben sollen. 

Mich beeindruckte auch der Aufbau der Show, wie sie präsentiert wurde durch die verantwortlichen Kuratoren. Das war eine Höchstleistung, wo es doch 300 Werke kreativ unterzubringen galt.

Diese Kippenberger Show lohnt sich - und es fiel mir äußerst schwer, diese Aura des Werkes zu verlassen. Ich hätte mir gern mein Zelt dort aufgebaut und mehrere Tage diese Ausstellung genossen.

Kippenberger wurde nicht nur zu Lebzeiten von Dortmund ignoriert. 

Als das U gebaut -  2010 gerade fertig geworden - verwarf man in Dortmund schnell die Überlegung den Platz vorm U  "Kippenberger Platz" zu nennen, weil er doch Frösche ans Kreuz nagelte und die Inhaber der Provinzpossen aus Dortmund nicht gerade Durchblick bewiesen haben mit ihrer Art des Denkens. Sie bekamen die Quittung. Eine Ausstellungsanfrage des Direktors des U wurde von den "Wächtern des Werkes Kippenbergers" zu recht abgesagt.

Martin Kippenbergers Mutter hat in Dortmund eh nur  kurz seine Windeln entsorgt, denn die Familie zog meines Wissen schon frühzeitig aus Dortmund weg.

Einige private sw Bilder des jungen Kippenberger lassen erahnen, welch inniges Verhältnis er zu seiner Mutter, seiner Familie hatte.

Auf mich wirkt er durch seine Kunst wie ein Mensch, der seinen Lebens-WEG ausdrücken wollte mit anderen Mitteln.  Einer, der durch seine Rastlosigkeit etwas suchte, was in der Welt ins Abseits geriet. 

Er verlor sich vielleicht auf der Autobahn des Lebens  und ertrug das alles nur noch mit einer nicht geringen Menge an Alkohol.

1997 starb er und wurde posthum zum berühmten Aussenseiter. Ich hätte ihm von Herzen gegönnt seinen Erfolg geniessen zu dürfen, der ihm seit einigen Jahren entgegen eilt.

Er wäre 2013  60 geworden. 

Trotz gefälltem Baum, eine Wurzel lebt   - und das ist diese seine Kunst. 

Die Kunst-Wurzel in die unendlich verschlungene Tiefe der Erde mit Abzweigwurzeln in alle Richtungen.

 

Eva Horstick-Schmitt

2013 im Februar 

arteve.de

 

Kuratiert von Udo Kittelmann und Britta Schmitz, Ko-Kuratorin: Miriam Halwani

Martin Kippenberger: sehr gut | very good

23. Februar - 18. August 2013

Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin

Invalidenstraße 50-51
10557 Berlin