10.06.2013 11:38 schmunzelndes Erinnern und die Skurilität des Alltags

„Jesses Maria:Hochzeitstag“ - Buchempfehlung von Heinrich Schmitz

Carla Berling Mit den humorigen Geschichten aus den ersten beiden Jesses Maria Buechern bin ich nun seit Jahren erfolgreich auf Tour – und nun ist nach Wechseljahre und Kulturschock auch Jesses Maria: Hochzeitstag lieferbar.

Carla Berling - Mit den humorigen Geschichten aus den ersten beiden Jesses Maria Buechern bin ich nun seit Jahren erfolgreich auf Tour – und nun ist nach Wechseljahre und Kulturschock auch Jesses Maria: Hochzeitstag lieferbar.

Heinrich Schmitz, Berlings Protagonistin, die titelgebende Maria Jesse, plaudert aus dem Naehkaestchen.

Heinrich Schmitz, Berlings Protagonistin, die titelgebende Maria Jesse, plaudert aus dem Nähkästchen.

Von: GFDK - Heinrich Schmitz Profil bei Google+

Der Begriff „Jesses Maria“ drückt als Stoßseufzer im Allgemeinen Erstaunen oder Bestürzung aus – außer bei der gleichnamigen Buchreihe von Carla Berling, da steht er für schmunzelndes Erinnern und die Skurilität des Alltags.

„Jesses Maria:Hochzeitstag“ (http://www.carla-berling.de/?page_id=3176) ist bereits der dritte Band aus der Jesses-Reihe.
Leider werden Bücher, die bei Bod ( books on demand) erscheinen, von den großen Feuilletons erst gar nicht rezensiert. Ob das mit der Macht der etablierten Verlage oder mit einer gewissen Hybris der dortigen Rezensenten zu tun hat weiß ich nicht, es führt jedenfalls dazu, dass manches schöne Buch in der Öffentlichkeit erst gar nicht wahrgenommen wird.

Neu im Buchhandel

Mir persönlich ist ziemlich egal auf welchem Weg ein Buch seinen Weg in den Handel findet und deshalb verschmähe ich auch BoD nicht einfach so aus Prinzip. Das war schon bei Jörg Mehrwalds wunderbarer BILD/Wulff-Satire (http://www.weltbild.de/3/17500258-1/buch/bull.html) so.

Und auch dieses Buch von Carla Berling kann ich ich bedenkenlos empfehlen. Als Reiselektüre oder für zwischendurch. Ein amüsantes Buch, das einfach nur glänzend unterhält.

Berlings Protagonistin, die titelgebende Maria Jesse, plaudert aus dem Nähkästchen. Maria Jesse „feiert“ alleine ihren Hochzeitstag, weil ihr Manni und mit ihm die gemeinsame Ehe Geschichte sind. Beim Anhören der alten Schallplatten sprudeln die Erinnerungen. Das ist die Rahmenhandlung und zu jedem Titel fällt ihr etwas ein.

Sie erzählt, animiert durch das Anhören ihrer alten Udo Jürgens Platten, kleine Geschichten aus ihrer Vergangenheit als Kind, junges Mädchen und Frau, wobei diese Erinnerungen so präzise und detailreich sind, dass man als Leser sehr schnell in diese Erinnerung hinein gerät und feststellt, dass man einen ganzen Fundus von ähnlichen Erlebnissen in sich trägt.

Und die lassen einen mitfühlen, was Maria so alles erlebt hat. Jedenfalls dann, wenn man Marias Zeit miterlebt hat. Die Zeit von Bonanza, Persico, Mouth and McNeal, Schwebehauben und Raupe. Für die jüngeren ein wunderbarer Einblick in das merkwürdige Leben vor Internet und „Buntfernseher“.

Neue Literatur

Wer erinnert sich nicht an die aufregende Zeit, als man auf der Kirmes zur Raupe zog, nicht nur um einmal vom DJ mit einem Musikwunsch zwischen CCR und Sweet genannt zu werden, sondern auch um unter dem schließenden Raupenverdeck erste Knutschversuche zu starten?

Wer hat in seiner Familie keine Tante, die sich mit ihrer Pelzjacke für etwas besseres hält oder eine Oma, die einem kluge Sprüche eingetrichtert hat? Okay, der Ratschlag „ Eine Dame raucht nur im Sitzen und nur in geschlossenen Räumen“ ist durch die politische Entwicklung des Nichtraucherschutzgesetzes nicht mehr aktuell, aber das konnte die Oma ja nicht ahnen.


An mehreren Stellen musste ich lauthals lachen, was mir, da ich das Buch als Pausenlektüre mit zum Gericht genommen hatte, einige vernichtende Blicke einbrachte. Geschenkt, ich habe Tränen gelacht.
Carla Berlings als Satiren bezeichnete Erzählungen sind eine perfekte Zeitmaschine. Dass Carla Berling eine wirkliche Erzählerin ist, hat sie bereits mit ihren Büchern “Vom Kämpfen und vom Schreiben” (http://www.freundederkuenste.de/aktuelles/reden-ist-silber/meinung/gegen-alle-regeln-der-vernunft-carla-berling-schont-weder-sich-noch-den-leser-sie-legt-die-karten-auf-den-tisch.html) und „Die Rattenfänger“ (http://www.freundederkuenste.de/aktuelles/reden-ist-silber/meinung/heinrich-schmitz-meint-carla-berlings-roman-ist-auch-heute-brandaktuell-notwendig-lebensnah-informativ.html) eindrucksvoll bewiesen und dahinter stehen die schönen, kleinen, amüsanten Geschichten nicht zurück.

Die Schilderung der ersten Begegnung mit einem Friseur erzeugt spontan den Klang der klappernde Schere im Ohr, das Kratzen des Krepppapiers um den Hals und das ungute Gefühl der eigenen Verschandelung. Und das war bei mir als kleiner Junge nicht anderes als bei der kleinen Maria. Überhaupt, das Buch soll angeblich für Frauen geschrieben sein und diese strömen auch in Heerscharen zu den Lesungen. Was für ein Quatsch, auch ich habe „vorm Friseur mehr Angst als vorm Frauenarzt“.

Männer geht mit zu einer Lesung (http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=QPGbHC4EppM) oder lest wenigstens mal dieses Buch. Sehr lehrreich, was Frauen so alles über Männer denken. Wenn die wüssten, wie das umgekehrt ist, psst. Vielleicht sollte mal jemand ein Buch über Josef Heiliger schreiben. Ich denke schon drüber nach.