24.03.2014 15:21 Der Horror der Realität

Hinter der Fassade - Rezension von Heinrich Schmitz über ab- und Umwege in 14 Geschichten

Heinrich Schmitz ueber Von tausend Schatten.

Heinrich Schmitz über das Buch: Von tausend Schatten. "Das geht unter die Haut, tief unter die Haut – und ist dabei spannend und unterhaltsam", Foto: Heinrich Schmitz

Von: GFDK - Heinrich Schmitz

Das kleine Buch kam mit der Post. Das kommt häufiger vor. Autoren erhoffen sich eine Rezension. Bei den meisten auf diese Art zugesandten Büchern tut man den Autoren einen großen Gefallen, wenn man den Mantel des Schweigens über die häufig im Selbstverlag erschienenen Versuche deckt, statt den Müll ernsthaft zu verreißen.

Meisten reichen ein paar Seiten um das zu erkennen. Zu meiner Freude stellte ich fest, dass der Herausgeber des Buches Alfred Berger ist, dessen Buch „Brainfuck“ mir bereits bekannt war.

Dazu der finstere Umschlag. Ich rechnete mit einer weiteren Sammlung von Horrorstories. Irgendwie auch zutreffend. Allerdings ganz anders. "Von tausend Schatten" ist ein kleines Buch, dass man im normalen Buchhandel nicht findet. (Bestellungen unter „von1000schatten@web.de“ oder über die Seite https://www.facebook.com/von.tausend.schatten , Preis:9,90 Euro Zzgl. Versand: Bis 2 Exemplare: 1,90 Euro/2 bis 5 Exemplare: 2,90 Euro/Mehr als 5 Exemplare: 5,10 Euro, eBook: Liegt noch nicht vor).

Eine Anthologie, die es in sich hat. Alle Geschichten der 10 Autoren (Adrian Alexander,Alfred Berger (Herausgeber),Christiane Gemmer,Claudia Kociucki,Eugenia Toledo Jochen Ruscheweyh,Laura Lulu Bolz,Maria Engels,Naviv la Mince ,Vincent Vysker) handeln von Süchten, von Obsessionen. Die könnten unterschiedlicher kaum sein und trotzdem verbindet sie ein Umstand. Die menschliche Fassade und das was hinter dieser Fassade geschieht.

Ab- und Umwege in 14 Geschichten

Ob Drogensucht, selbstverletzendes Verhalten, Tierhortung, Dysmorphophobie, und viele andere Varianten menschlicher Ab- und Umwege, jede der 14 Geschichten bietet eine Auseinandersetzung mit psychischen Ausnahmezuständen, mit Nöten und Qualen, Lüsten und vermeintlich unausweichlichem Niedergang. Klingt öde, nach Lesestress? Weit gefehlt. Jede der Geschichten ist eine intensive Innenansicht. Jede der Geschichten ist spannend, weil sie einen schonungslosen Einblick in die Innenwelt der Betroffenen liefert.

Der Horror der Realität

Die Welt aus den Augen eines Heroinabhängigen zu sehen, in seinem Kopf mit zu einem Raubüberfall auf einen Dealer zu gehen, ist etwas ganz anderes, als noch so gescheite, wissenschaftliche Abhandlungen über Drogensucht und Kriminalität zu lesen. Das ist der Horror der Realität, die beklemmende Ausweglosigkeit. Die Geschichten versuchen nichts zu erklären oder zu bewerten. Und genau durch die sich selbst gegenüber gnadenlose Ehrlichkeit der Autoren bietet dieses Buch mehr.

Wessen Leben ist nur Fassade?

Nicht alle Geschichten sind autobiographisch, aber einige sind es. Und das faszinierende an den Geschichten ist, dass man als Leser nicht erkennt, welches eigene, fremde und welches fiktive Lebensgeschichten sind. Gehen Sie doch mal durch die Stadt und sehen sich einfach die Menschen an. Erkennen Sie, wer süchtig ist und wonach? Wessen Leben nur Fassade ist? Unter wessen Kleidung sich Narben von in höchster Lust selbst zugefügten Schnitten befinden? Wir würden uns wundern, wenn wir die Wahrheit über ihre Mitmenschen kennen würden.

Mit "Von tausend Schatten" ist den Herausgebern etwas ganz besonderes gelungen, dem ich eine große Aufmerksamkeit wünschen würde. Diese kleinen aber intensiven Geschichten bieten eine beabsichtigte oder unbeabsichtigte Aufklärung, die intensiver ist als alles, was die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit ihren meist antiseptischen Broschüren oder unfreiwillig komischen TV-Spots je zustande gebracht hat.

Das geht unter die Haut, tief unter die Haut – und ist dabei spannend und unterhaltsam. Ältere Leser werden sich noch an Die Kinder vom Bahnhof Zoo erinnern und die merkwürdige Faszination, die diese Geschichte der drogenabhängigen Christiane F. damals ausgelöst hat.

Dieses Potential sehe ich hier auch. Dass es nicht nur illegale Drogen sein müssen, die zu einem inneren Gefängnis werden, dass auch zunächst völlig harmlos erscheinende Passionen, zur Belastung werden und nach und nach die Kontrolle über eine Person übernehmen können, vergisst man allzu gerne.

Das Leben hat Schatten

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, dass diese Geschichten ähnlich für das breite Publikum verfilmt würden, wie die Grimme-Preis gekrönten Miniserie Verbrechen nach Ferdinand von Schirach. Vielleicht greift Constanin-Film ja hier auch zu. Ja, das Leben hat Schatten, vieles liegt im Dunkeln. Dieses Buch lässt und die Welt aus dem Schatten selbst sehen, fühlen und soweit das überhaupt möglich ist, ein bisschen miterleben. Es wäre schade, wenn dieses wunderbare Buch dauerhaft im Schatten bliebe.

Inhalt und Autoren

Das Team ist kein festes Kollektiv, sondern eigens für dieses Buch zusammen gekommen – so, wie in vielen Buchprojekten der Neuzeit. Wir kennen uns aus Foren, manchmal sogar persönlich, und haben über eine Facebook-Gruppe an diesem Werk gearbeitet. Vieles musste koordiniert und abgestimmt werden, aber letztendlich kamen wir immer überein. Im Buch finden sich daher folgende Autoren und Geschichten:

Scherenschnitt von Maria Engels handelt von einer Frau, die eine gefährliche Passion für Scheren hat.

Geh nicht ans Licht (am Ende des Kühlschranks) von Claudia Kociucki berichtet vom verzweifelten Kampf einer jungen Frau gegen den Kühlschrank.

Im Eis von Naviv la Mince (alias Evy Heart) erzählt von einen kleinen Mädchen und einer übermächtigen Kugel Eis.

Wer hoch steigt ... und ... wird tief fallen sowie Geliehene Zeit von Alfred Berger zeigen die traurige Beziehung eines Paares zum Heroin.

Laufe rückwärts!, sagte der Minuten- zum Stundenzeiger und blieb stehen von Vincent Vysker beschreibt einen Mann und seinen Kampf um eine Frau, die nicht beherrschbar ist.

Monster von Laura Lulu Bolz schildert die einen zerreißenden Kampf zweier Liebender.

Nabel der Welt von Jochen Ruscheweyh berichtet von einem Mann, der nicht vom Alkohol loskommt.

Utopia von Christiane Gemmer zeigt eine Frau in den Fängen einer fiktiven Welt.

Von 1000 Spiegeln von Eugenia Toledo erzählt von einem Mädchen, das sich nicht schön findet.

Varieté De The von Adrian Alexander zeigt einen Mann, seine Familie und Crystal Meth.

Der dunkle Schlaf von Christiane Gemmer berichtet von einer Frau und dem Verhältnis zu ihrer Dunkelheit.

Was aus dem Krater kam von Vincent Vysker erzählt die Geschichte: Jungen in einer sterbenden Welt.

Heinrich Schmitz ist Strafverteidiger, Kolumnist und ein viel beachteter Autor des
The European das Debatten-Magazin.

Für die Freunde der Künste hat Heinrich Schmitz Sonntags Tod, Mindestlohn für Musiker, wo Ron Hard hinrotzt, Jesses Maria Hochzeitstag und Horror im Kopf sowie einige Kommentare geschrieben.

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