03.10.2012 11:54 Ein Tag wie jeder andere? Nein

Gedanken zum Tag der Deutschen Einheit - Die wenigen die ihre kritischen Stimmen erheben sind unerwünscht

Tag der Deutschen Einheit.

Foto: Heinz Sauren

Von: GFDK - Heinz Sauren Profil bei Google+

Ein Tag wie jeder andere? Nein, ein Feiertag. Politisch verordnet und zur Beweihräucherung der noch lebenden „Helden“ der Einheit zelebriert. In all dem Glanz der Selbstdarstellung, der Protagonisten von einst, scheint es Kritik an der Wiedervereinigung nicht zu geben. Die wenigen die ihre kritischen Stimmen erheben sind unerwünscht. Kritik vor dem Hintergrund dieser völkischen Großtat wird von den gesellschaftlichen Antreibern der Jubelfraktion, als blasphemische Verunglimpfung der Volksseele empfunden.

Zwei Jahrzehnte konnten sich Politiker in dem Schein dieses geschichtsträchtigen Ereignisses sonnen, doch 21 Jahre danach, ist der Blick bei vielen Bürgern nicht mehr emotional verklärt und die Sicht wird frei, auf eine etwas andere Einheit, als die der Gedenk- und Festtagsreden.

Unbestritten gab es viele Menschen in diesem Land, die von der Deutschen Wiedervereinigung profitierten und das Leben vieler, wie sie es heute führen, wäre ohne die Einheit nicht denkbar. Ohne Zweifel hat die Einheit ein Regime stalinistischer Betonköpfe, deren verbohrte Ideologie, gepaart mit einem Polizeistaat in deutschester Gründlichkeit, hinweg gefegt und viele von ihrer Unterdrückung befreit.

Zwei Dekaden danach, darf aber auch festgestellt werden, dass jene denen die Einheit im Grunde geschuldet ist, nicht jene waren, die sie wollten. Die berühmten Montagsdemonstrationen zu denen ein Volk seine Stimme erhob, die kurzfristig die Anarchie in der DDR brachten und die all ihre Teilnehmer nach geltendem Recht zu Terroristen machten, waren das eigentliche Wunder, die wirkliche geschichtliche Großtat. Der Ruf der Zeit war: „Wir sind das Volk.“

Das Volk der DDR erhob sich gegen sein Regime, das es ersetzen wollte, aber es forderte nicht die Einheit. Der Gedanke der Einheit wurde in Bonn geboren. Herr Kohl als gelernter Historiker, sah eine Hintertür aus seiner verkorksten Kanzlerschaft und tauschte die absehbar kommende Bundestags Wahlniederlage gegen einen Eintrag ins Geschichtsbuch. Als die Mauer fiel stürmten die Menschen, ein Menschen verachtendes Bauwerk welches sie einsperrte, als Beweis ihrer gewünschten Freiheit und man musste die Geschichtsbücher schon selber schreiben, um darin später darin lesen zu können, dass dies ein völkerrechtlichen Wiedervereinigungswille war.

Der Wille zur Einheit kam auf, als die Bundesregierung jeden DDR Bürger mit Begrüßungsgeld lockte und die DM für alle versprach. Dies mündete in einem zur Einheit angepriesenen, völlig unrealistischen Umtauschkurse von Ost – zur West Mark. Die DM war der Antrieb zur Einheit. Die DDR wurde mit einem Blanko – Scheck gekauft. Völkerrechtlich lassen sich die Ereignisse von damals nicht als Wiedervereinigung beschreiben, sondern waren die bedingungslose Kapitulation der DDR, vor der Wirtschaftsmacht der BRD.

Es folgte auch kein Zusammenschluss zweier Staaten, wie das Wort Wiedervereinigung vermuten lässt und die eine verfassungsrechtliche Grundlage zu einem vereinten Deutschland hätte bilden können, sondern die Selbstauflösung der DDR mit anschließender völliger Assimilation durch die BRD. Der zwingende Auftrag in unserem Grundgesetz, uns im Falle einer Wiedervereinigung eine neue Verfassung zu geben, wurde seitens der Bundesregierung ignoriert und das deutsche Volk somit um eine frei bestimmte Verfassung betrogen.

Weder das Völkerrecht noch der Wille eines Volkes führten zur Wiedervereinigung, so ist sie es auch heute, 21 Jahre und viele Billionen Euro Hilfszahlungen später das Geld, dass die Gewinner und Verlierer der Einheit bestimmt. Viele erinnern sich noch an die große Einheitslüge, des ebenso großen Einheitskanzlers, dass die Einheit niemanden auch nur einen Pfennig kosten und in wenigen Jahren zu blühenden Landschaften führen werde.

Die Einheit war der Grund für den ersten großen Sozialabbau in diesem Land. Sie kostete Billionen Euro, eine Summe die sich weiterhin erhöht, da voraussichtlich noch bis 2019 Monat für Monat Milliarden in die neuen Bundesländer transferiert werden. Sie war auch der Grund für die Zwangseinführung des Euro. Ohne das Versprechen seiner Einführung, hätten Großbritannien und Frankreich, ihre damals als Siegermächte notwendige Zustimmung verweigert.

Eine Folge der Einheit ist auch noch heute, das verarmte westdeutsche Kommunen Kredite aufnehmen müssen, dessen Zinsen sie nicht zahlen können um schuldenfreien und wohlhabenden ostdeutschen Kommunen, das Geld zu überweisen. Ergebnis der Einheit ist auch, das ostdeutsche Kleingemeinden über Infrastrukturen verfügen, die manche westdeutsche Großstadt bräuchte, aber nicht hat, da sie aufgrund des Geldmangels zusammen gebrochen ist.

Politiker kritisieren gerne die immer noch in den Köpfen der Menschen vorhandene Teilung, in Ost und West. Ein Umstand der gerade durch die Politik aufrecht erhalten wird, da in den neuen Bundesländern auch heute noch nicht und das per Gesetz genehmigt, gleiche Löhne oder gleiche Renten, wie in den Westlichen Bundesländern gezahlt werden. Die Neuen Bundesländer sind heute das Armenhaus der Republik und werden von den westlichen Bundesländern alimentiert.

Die Dämagogisierung alles „sozalistischen“ durch unsere Bundesregierung zur und nach der Einheit, ist eine von der politischer Seite gewünschte Erblast der Wende, die heute und auch wohl in absehbaren Zukunft verhindert, das politische „linke“ Gedanken und Parteien Einfluss in diesem Land gewinnen, obwohl dieses unter den Aspekten der heutigen Zeit mehr als notwendig wäre.

Die Politik manifestierte ein Feindbild anstatt sich mit ihm inhaltlich auseinander zu setzen. Dieses Land hatte die Chance neutral zu werden und mit Schweden und der Schweiz eine neutrale Achse in Europa zu bilden, die sicher um vieles Friedenserhaltender gewesen wäre, als das Bekenntnis zu einem Bündnis. Auch diese vergebene Chance, ist kein Ruhmesblatt im Blick auf die Einheit.

Die Einheit begann in einem bewundernswerten Aufstand der Bürger der DDR und wurde von westdeutschen Politikern zum Zwecke der Mehrung von Macht und Ruhm instrumentalisiert, auf Kosten eines ganzen Volkes und insbesondere derer, die sie einst ermöglichten. Die Wiedervereinigung war nicht der Wille des deutschen Volkes, wurde es aber durch Täuschung, List und Lüge. Die Einheit war kein Ruhmesblatt und wird es auch wohl nicht werden, solange sie Teil einer Selbstbeweihräucherung, der Vita machtpolitischer Größen ist.

Der Tag der Deutschen Einheit ist ein Feiertag, aber er ist kein Tag zum Feiern. Er sollte ein Tag des Gedenkens an die vielen Chancen sein, die unsere Wiedervereinigung mit sich brachte und die in bemerkenswerter politischer Kurzsichtigkeit ungenutzt verstrichen.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren

Heinz Sauren studierte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster,
Rechtswissenschaften und Philosophie. Im weiteren bezeichnet er sich als Autodidakt.

Beruf: Schriftsteller
Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS)

Berufung: Buchautor, Kolumnist, Essayist, Aphoristiker und Freigeist

Politische Ausrichtung
Politische Einstellungen sollten keinen Parteien-, sondern einen begründeten Sachbezug haben, daher reicht mein politisches Spektrum von rechtsliberal bis linkskonservativ und in Fällen empfundener Ungerechtigkeit, darf es auch mal etwas Anarchie sein.

Religiöse Einstellung
Die etwaige Existenz oder Nichtexistenz eines Schöpfergottes ist nicht, von persönlichen Präferenzen, gesellschaftlichen Definitionen oder einem Glauben daran, abhängig.

Seine Lieblingszitate

” Die meisten Menschen haben einen Erkenntnisradius gleich null, das nennen sie dann ihren Standpunkt.” Albert Einstein

“Es gibt kein richtiges Leben im falschen.” Theodor Adorno

Kontakt zu mir

E-mail: HeinzSauren@gmail.com

 

Frigga Tiletschke"Die Einheit war der Grund für den ersten großen Sozialabbau in diesem Land." - Stimmt, aber der 2. noch viel härtere Sozialabbau kommt erst noch, wenn durch das Beharren auf dem nicht währungsflexiblen Euro in so divergierenden Volkswirtschaften eine wirtschaftliche Einigung und schließlich eine politische Einigung erzwungen werden sollte. Auch hier sind kritische Stimmen unerwünscht, obwohl sich jeder die Zahlen per Mausklick googeln kann. In einem Staat funktionieren die Sozialsysteme nun mal nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren. Das galt für die Eingemeindung der DDR und den Aufkauf der DDR-Konkursmasse genauso wie es zukünftig für die Schaffung eines europäischen Zentralstaates - und sei er noch so förderalistisch organisiert - gelten wird. Der West-Ost-Transfer wird dann um den einen offenen - statt wie heute den versteckten - Nord-Süd-Transfer "bereichert". Irgendwie komisch, der "Titanic" beim langsamen Sinken zuzuschauen. Die Ossis haben da ja schon mehr Erfahrung als der Westen. Bisher war so was für uns ja nur Geschichte, die Tragik grauer Vorzeiten oder die gerechte Strafe für "Unrechtsstaaten".

 

Axel W. BauerNach meiner Rechnung sind es 22 Jahre und nicht 21 Jahre seit dem 3. Oktober 1990. Vieles ist damals nicht optimal gelaufen, vor allem der rüde Umgang mit den ehemaligen DDR-Biografien entsetzt mich noch heute. Es wurde Sieger und Besiegte gespielt. Wie genau aus dem Ruf "Wir sind das Volk" rasch der Ruf "Wir sind ein Volk" wurde, angeblich mithilfe der Jungen Union (?) , wie also aus einem Ruf nach mehr Demokratie in der DDR der Ruf nach einem einheitlichen Nationalstaat wurde, ist historisch wohl noch nicht ganz aufgeklärt.

Ich glaube aber nicht, dass 1990 wirklich eine Chance gegeben war, eine demokratische DDR in politischer Konkurrenz zur BRD aufzubauen. Die meisten Menschen wollten zunächst einmal am westlichen Wohlstand teilhaben und die D-Mark bekommen. Das mag kurzsichtig gewesen sein, aber zu verhindern war es nicht. Helmut Kohl hat das realistischer gesehen als ich es damals mit 35 Jahren und West-Biografie eingeschätzt habe.

Der Umstand, dass unser Grundgesetz heute sogar von den meisten Mitgliedern der LINKEN geschätzt und geachtet wird, belegt für mich, dass eine neue Verfassung damals nicht gut gewesen wäre. Schließlich war die DDR nun einmal ökonomisch und in der Folge auch politisch am Ende, nicht jedoch die Bundesrepublik Deutschland.