19.06.2016 12:48 Der Kampf ist noch lange nicht vorbei

Franzosen lassen sich nicht unterkriegen - Deutsche Medien berichten nur über Fußball

Russische Schlaeger Fussball

Russische Schläger? Ein sehr vielsagendes Bild von den Ausschreitungen kurz nach dem Spiel England gegen Russland. Das Bild zeigt einen der Schläger mit Taras-Bulba-Tattoo. Der ist aber ein Held des Rechten Sektors in der Ukraine.

Frankreich streikt

Die Franzosen lassen sich vom Fussball nicht ablenken und streiken zu Millionen für ihre Arbeitsrechte.

Deutschland wartet ab

Und Deutschland wartet und wartet, aber auf was?

Von: Rainer Kahni - Gottfried Böhmer

Die Medien in Deutschland sind dieser Tage voll mit Berichten über Russische Hooligans. "WELT-Online" und "Spiegel-Online" etc. überbieten sich mit diesen Berichten fast täglich, und ARD sowie das ZDF stimmen in diesen Medien-Chor ein. Ja, ja der böse Russe soll die Botschaft an die Deutschen sein.

Und man solle den Russen die Weltmeisterschaft 2018 abnehmen. Über die Streiks in Frankreich und den Kampf der Franzosen wird hingegen kaum berichtet. Man fürchtet wohl eine Ansteckungsgefahr.

Henryk M. Broder schreibt süffisant: Die kosmetische Aufhübschung der Wirklichkeit".Es vergeht kaum ein Tag, in dem die Wirklichkeit nicht auf den Kopf gestellt, schöngeredet oder blank geputzt wird, wie das früher in der DDR mit den "Paradestrecken" der Fall war, die für Staatsgäste hergerichtet wurden".

Russhobie von ARD und ZDF um Russland zu diskreditieren?

Die Kollegen von der "propagandaschau" haben bestens recherchiert wie ARD und ZDF manipulieren. "ARD und ZDF haben ihre Berichte zumindest in zwei zentralen Fällen absichtlich so verfälschend geschnitten, dass die Zuschauer den Eindruck bekamen böse Russen gingen auf harmlose Engländer los."

Ein User schrieb: "Leider wird heute wieder nur über die 22 Menschen auf dem Feld berichtet und nicht über die ca. 1.000.000 Demonstrant-innen. Doch nicht erst seit heute gibt es kaum eine Berichterstattung über die Streiks und Demonstrationen gegen die Arbeitsrechtsreform. Wir sind solidarisch mit der Bewegung und den Streiks. Ein Hoch auf die Internationale Solidarität."

Der Kampf ist noch lange nicht vorbei

Wahrend Deutschland Fußball schaut, sind zehntausende Franzosen allein in Paris auf die Straße gegangen, um erneut gegen die geplante Arbeitsmarktreform zu protestieren. Nach Angaben der Pariser Polizeipräfektur waren es 75.000 bis 80.000 Menschen, die Gewerkschaften sprachen hingegen von rund einer Million Teilnehmern. Neben der Großdemonstration in Paris gingen in mehreren Städten Frankreichs tausende Menschen auf die Straße.

"Der Kampf ist noch lange nicht vorbei.", sagte Philippe Martinez, Chef der für ihre harte Haltung bekannten Gewerkschaft CGT. Der Protestmarsch durch die Stadt wurde als größte Machtdemonstration seit drei Monaten angekündigt.

Hollandes verbrecherisches Vorhaben muß gestoppt werden

Rainer Kahni meint dazu: Die Franzosen lassen sich vom Fussball nicht ablenken und streiken zu Millionen für ihre Arbeitsrechte. Die Fehlzeiten während des Streiks werden den Arbeitern vom Lohn abgezogen. Es gibt kein Streikgeld. Aus Solidarität für die Streikenden werden Spenden bei den Bürgern gesammelt. In Frankreich waren am 14. Juni Hunderttausende auf der Straße, um gegen das neue Arbeitsgesetz Loi Khomri zu demonstrieren.

Auch die Jugend, Schüler und Studierende solidarisieren sich mit den Arbeitern

Dieses Gesetz ist ein Generalangriff auf alle Arbeiter und Angestellte: sie sollen länger arbeiten für weniger Geld und die Kündigung soll erleichtert werden. Das Gesetz ist aber auch der Versuch den starken Gewerkschaften Frankreichs das Rücken zu brechen: die Regierung will die Tarifhoheit den großen Gewerkschaften entziehen.

Es ist sehr hoffnungsvoll wie die Gewerkschafter hier sich für ihre Rechte einsetzen. Aber es ist viel mehr als das: auch die Jugend, Schüler und Studierende sind auf der Straße, und auch die neue Bewegung Nuit Debout. Sie ringen gemeinsam für ihre soziale Rechte und auch für unsere Zukunft.

Hier wird die Zukunft Europas mit entschieden

Frankreich geht es gut. Das andauernde Frankreichbashing in der deutschen Presse und in der deutschen Öffentlichkeit ist erstmals durch einen wissenschaftlich fundierten Artikel im SPIEGEL widerlegt worden. Das Wachstum der französischen Wirtschaft übersteigt mit 1,7 % das der deutschen Wirtschaft. Die Verschuldung nach den Maastrichkriterien liegt mit 3,4 % noch nahe an dem Erlaubten.

Die Arbeitslosigkeit ist nur deshalb höher als in Deutschland, weil die Zahlen von unabhängigen Instituten ermittelt werden und daher ehrlicher sind. Die Franzosen geben 25 % ihres Einkommens für gute Lebensmittel aus und können sich sehr gut selbst auf hohem Niveau ernähren, ohne billige Fleischimporte aus Deutschland.

Wenn das Volk verliert, dann hat es ein Leben lang verloren

Es gibt also nicht den geringsten Grund, die Hartz-Gesetze nach dem Vorbild der Deutschen in Frankreich einzuführen. Fussball ist in 4 Wochen vorbei, aber die von der Regierung mit Gewalt durchgesetzten Arbeitsgesetze werden ein Leben lang bleiben. Die französischen Gewerkschaften CGT, FO und CFDT rufen zum Streik auf, der von den Arbeitern auch befolgt wird.

Die Bürger Frankreichs, die Eisenbahner, die Müllabfuhr und die Air France haben sich dem Streik angeschlossen und zeigen sich solidarisch. Die Franzosen werden nicht nachgeben und ihre Bewegung noch mehr mobilisieren.

So titelte die "Bild Zeitung" zu den Protesten: „Mon Dieu! Versauen die uns die EM?“ Und der Atlantiker, Nikolaus Piper von der "Süddeutschen Zeitung", SZ sprach den Menschen in Frankreich das Recht ab zu streiken.

Albrecht Müller von den "nachdenkseiten" bringt es schön auf den Punkt: "Die neoliberale Ideologie wurde nahezu überall durchgesetzt. Die Löhne stagnieren. Die in Jahrzehnten erkämpften Rechte der Abhängigarbeitenden werden dezimiert – so wie zur Zeit in Frankreich zum Beispiel.

Deutschland soll seine Exporte mit Lohndumping, Billiglöhner, Leih - und Zeitarbeiter, seine versteckte Rentenkürzungen durch immer höhere Renteneintrittsalter , seine Hartz - Gesetze, seine menschenunwürdige Behandlung von Armen, Kranken und Pflegebedürftigen abschaffen, dann haben wir eine Angleichung der Sozialsysteme und einen fairen Wettbewerb. Nicht die Franzosen und Skandinavier haben sich dem deutschen Sozialstaat anzupassen, sondern umgekehrt.

Am deutschen Wesen soll nie mehr die Welt genesen

Die "Deutsche Presse" reagiert wie erwartet. Frankreich würde zur Gefahr in Europa und für Deutschland schreibt etwa "WELT-Online". Und bei der "ARD" und "ZDF" hagelt es Kritik an den bösen Franzosen die auf ihre Rechte bestehen und diese verteidigen.

 

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Rainer Kahni, besser bekannt als Monsieur Rainer, ist Journalist und Autor von Polit - und Justizthrillern. Er ist am Bodensee aufgewachsen, lebt jedoch seit vielen Jahren in Paris und bei Nizza. Seine Muttersprache ist deutsch, seine Umgangssprache ist französisch. Er ist Mitglied von Reporters sans frontières und berichtet für Print - Radio - und TV - Medien aus Krisengebieten.

Gottfried Böhmer ist seit 1997 künstlerischer Direktor der Gesellschaft Freunde der Künste und Redaktionsleiter der GFDK.

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