12.03.2012 07:00 Dann doch lieber ein sinnspruch?

Facebook kann weh tun - Kommentar von Angelika Wende - Vom sinn der sinnsprüche - Sinnsprüche überfluten das soziale netzwerk

Angelika Wende

Angelika Wende

Von: Angelika Wende Profil bei Google+

sinnsprüche wohin das auge blickt. sinnsprüche überfluten uns in einem solchen übermaß, dass sie einem zum halse heraushängen. so sehr, dass kürzlich einer meiner "freunde" im sozialen netzwerk an die sinnspruchpostergemeinde appellierte, sich selber zu ficken und mit dem posten sinnhafter sprüche, die, davon abgesehen, bereits nach einer minute vergessener sind als die zeitung von gestern, aufzuhören und stattdessen etwas authentisches zu kommunizieren.

na ob das sinnvoller ist, frage ich mich und andererseits, wenn ich weiter darüber nachdenke, muss ich sagen: recht hat er! bis auf die aufforderung dem f... wort nachzukommen. ja, selber denken würde sinn machen, für so manchen jedenfalls, der ständig von anderen gedachtes wiederkäut wie die kuh das gras der wiese.

wie wir aber wissen ist es so, dass selberdenken mühe macht und sinnvolles selber denken noch mehr. das kann sogar richtig anstrengend werden, wenn man damit erst einmal anfängt.


da ist es doch viel einfacher einen sinnigen spruch im world wide web einzufangen, ihn zu kopieren und in die große weite welt der facebookgemeinde rauszublasen. wohl wissend - the answer my friend, also dein gefällt mir - ist mitsamt sinnspruch, sekunden später blowing in the wind. hm, macht also so gesehen gar keinen sinn das sinnspruchposten, denn - ob bei derart kurzer halbwertzeit etwas hängen bleibt vom sinnhaften? ich wage es zu bezweifeln.

was also dann ist der sinn dieses scheinbar sinnlosen tuns und warum machen wir das denn?

ich mache das auch recht gern, ich habe ordner voll mit sinnvollem, das meiner weltsicht entspricht. darunter sind auch sinnsprüche. die poste ich gern, neben allem, was ich mir selbst ausdenke oder ich nehme sie als anstoß um weiter zu denken, um mir selbst darüber hinaus etwas auszudenken oder um das von mir selbst ausgedachte zu untermauern.

ich finde dazu sind sinnsprüche richtig sinnvoll. außerdem: das rad können wir nicht neu erfinden. es ist alles gesagt, alles gedacht und eigentlich kann man es sinnvoller weise von daher gesehen lassen überhaupt etwas zu sagen. ich habe den leisen verdacht - es gibt nichts mehr zu finden was einen absolut innovativen, die welt erhellenden, sinn machen würde.

ich bin daher geneigt zu behaupten, dass so ein einsam dahin gesetzter sinnspruch so ziemlich das sinnloseste ist, was ich machen kann wenn ich etwas sinnvolles erreichen will, wie zum beispiel die menschen an das erinnern, was wirklich wichtig ist, wozu auch das selber denken zählt.

verdammt, warum mache ich das trotzdem immer wieder und warum machen es all die anderen, die das auch machen, obwohl sie merken, dass das ganze sinnspruchposten gar nichts nutzt?

der einzige sinn, den ich darin finden kann: weil es die sehnsucht in uns menschen gibt.

die sehnsucht verstehen zu wollen, die sehnsucht gedanken zu finden, die den unseren gleichen, unser denken und fühlen bestätigen, die sehnsucht zustände herbeizurufen, die wir uns wünschen und in diesem leben nicht finden, die sehnsucht nach dem mehr als dem, was da ist in dieser schnöden wirklichkeit, die bisweilen sinnloser ist als jeder noch so kurze sinnspruch.

wir machen das, weil wir einen sinn suchen in einem universum, in das wir ungefragt hinein geworfen wurden, nackt, ohne kompass und vor allem, ohne, dass man uns verbindlich sagen kann, warum und wofür. also suchen wir, denn - das ganze muss doch verdammt noch mal einen sinn haben, sonst wäre ja in der tat alles sinnlos.

ist es auch, da bin ich einig mit albert camus, der die sinnlosigkeit erkannte und sich trotzdem nicht das sinnlose leben nahm, sondern den sinn darin sah, das sinnlose anzuerkennen und aus dem anerkennen selbst seinen sinn zog. ein guter ansatz, finde ich.

übrigens, camus hat eine menge sinnsprüche verfasst, die ein ganzes werk ausmachen. er hat, wie viele denker und kreative, etwas aus sich selbst heraus erschaffen in diesem sinnlosen dasein und ihm damit sinn gegeben. sehr sinnvoll! jedenfalls sinnvoller als nur wiederzukäuen. da gebe ich dem wütenden kritiker uneingeschränkt recht. selber kreieren, ansatt konsumieren.

sinnvolle erkenntnis! sie nutzt aber nichts, denn wir menschen können es nicht lassen zu konsumieren, zu zitieren und zu rezitieren. und, mal im ernst: muss denn ein jeder sinnvolles produzieren und posten, um beim thema zu bleiben?

wo kämen wir denn da hin, wenn eine ganze menschheit aus "sinnvolle gedanken schöpfenden denkern" bestehen würde. ich behaupte: das wäre der kollektive untergang.

immerzu sinnvoll denken kostet zeit und energie und es erfordert vor allem den willen und den geist es zu tun. das ist luxus und denen vorbehalten, die die zeit haben, weil sie nichts anderes zu tun haben, oder sich den luxus leisten können sie sich zu nehmen, weil sie es geschafft haben davon zu leben oder reich geerbt haben. letztere sind allerdings eher selten zu finden.

die anderen müssen ganz profan arbeiten um das system am leben zu halten. sie haben keine zeit sich sinnsprüche auszudenken und vermutlich auch nicht den inneren drang es zu müssen. und das ist völlig in ordnung. und außerdem, wer immerzu versucht sinnvoll zu denken bewegt sich nahe am rande des wahnsinns. ich weiß es aus erfahrung.

da ist es doch ganz schön, wenn sich der "normale" mensch besinnt und sich sinnsprüche auf die seite postet, weil sie ihm den moment verschönern oder ihn anregen an das sinn- und wertvolle im leben zu denken und wenn er es verbreitet via facebook um es zu teilen mit seinen "freunden". jeder nach seiner facon bitteschön! ups, auch ein sinnspruch und sehr sinnvoll!

hin und hergedacht komme ich zu dem schluß: ich für meinen teil lese so manchen sinnspruch lieber als die kunde: ich bin grade beim shoppen in der city oder: heute gibts lecker eintopf oder gar das f...wort. derartiges macht für mich als emfänger gar keinen sinn.

Dann doch lieber ein sinnspruch?

Angelika Wende

Vita & mehr

  • Freie Journalistin und Autorin
  • Sprecherin, Moderatorin, Schauspielerin
  • Dreizehn Jahre Fernseherfahrung als Moderatorin und Nachrichtensprecherin beim Sender PRO 7 in München und im Zweiten Deutschen Fernsehen
  • OFF- Sprecherin für ZDF, Arte und Phönix
  • Freie Mitarbeiterin der Allgemeinen Zeitung Mainz
  • Presse-und Öffentlichkeitsarbeit für die Eventagentur oncue, Mainz
  • Kreation, Umsetzung und Saloniere des "Silbernen Salon"
  • Kreation, Umsetzung und Moderatorin des Kultur Salons Mainz mit dem Produzenten oncue event & communication
  • Inhaberin der Agentur workingforart
  • Kuratorin für das Kulturamt der Stadt Mainz:
  • "Leben ist Form - die Bildhauerin Irmgard Biernath"
  • Kuratorin des Kunstvereins Eisenturm in Kooperation mit dem Kulturamt Mainz: "Generationen"
  • Laudatorin für den Berufsverband Bildender Künstler (BBK) Rheinland-Pfalz
  • Freie Tätigkeit als Laudatorin in öffentlichen Institutionen und Galerien in Mainz, Wiesbaden, Berlin, Leipzig, Ludwigshafen, Kaiserslautern 

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