08.04.2015 09:40 Die Freude weicht dem nackten Entsetzen

Die Deutschen immer auf der Flucht, zu Weihnachten, Neujahr, Karneval, Ostern, Pfingsten und in die Sommerferien,

Deutsche auf der Flucht

Nur weg hier. Flucht ist die Folge des natürlichen Selbsterhaltungstriebes, und davon machen die Deutschen reichlich gebrauch.

Von: GFDK - Rainer Kahni

Bei Wikipedia kann man lesen "im Völkerrecht wird die Flucht als Folge des natürlichen Selbsterhaltungstriebes betrachtet und in gewisser Weise legitimiert". Aber warum sind die Deutschen ständig auf der Flucht? Dazu hat sich unser Autor Rainer Kahni so seine Gedanken gemacht.

Bei jeder passenden Gelegenheit, an sogenannten Brückenwochenenden oder bei Kurzurlauben wie zwischen Weihnachten und Neujahr, Karneval, Ostern, Pfingsten, in den Sommerferien sowieso und auch in den Herbstferien macht sich der Deutsche, angewidert von den Politikern, deren Gezänk und Ränkespielchen, hohlen Phrasen und Lügen, vom Bundesacker.

In Karlsruhe oder Frankfurt teilt sich der Strom, der eine Teil will Richtung München, vorbei am Inntaldreieck über den Brenner nach Italien, während ein weiterer Teil der griesgrämigen Deutschen auf den Rennbahnen Richtung Basel fährt. Dabei wird zwischen Rastatt und Baden-Baden einmal so richtig ausprobiert, was die Karre hergibt. An der Grenze in Basel ist nämlich Schluss mit Formel I, ab dann gilt Tempo 130 auf den schweizerischen Autobahnen.

Und die Schmierlappen, wie die Schweizer Bürger liebevoll ihre Polizisten nennen, kennen keine Gnade. Sie sind bestens ausgerüstet mit Radaranlagen und Kreditkartenlesegeräten in den Streifenwagen. Besonders in den Tunnelröhren rund um Luzern ist höllisch genau auf die Tachonadel zu achten. Vorbei am Vierwaldstättersee stellt sich langsam ein etwas ausgeglicheneres Wesen bei den bundesdeutschen Aggressoren ein. Die Landschaft stimmt versöhnlich.

Hat man erst einmal den Stau vor dem Gotthardtunnel hinter sich gebracht und überquert den sogenannten Risottograben, der mitten durch die Röhre führt und die Zentralschweiz vom Tessin trennt, dann kommen südländische Frühlingsgefühle auf. Spätestens an der Autobahnraststätte von Bellinzona sollte man noch einmal pinkeln gehen und das Salatbuffet von Mö-wenpick geniessen.

Ausserdem empfiehlt es sich, den Tank voll zu füllen, da die italienischen Tankwarte wahre Meister-stücke der Abfülltechnik abliefern, wenn es darum geht, einen genormten Achziglitertank mit einhundertzehn Liter Superbenzin zu füllen.

In Chiasso stehen gelangweilte italienische Zöllner an der Grenze und würdigen den deutschen Durchschnittsspiesser keines Blickes. Nur bei jungen Reisenden mit Freundinnen im VW – Reisebus aus den sechziger Jahren, da kommen plötzlich Gestalten in blauen Overalls aus den Häuschen und schrauben die altersschwachen Karren auf der Suche nach Drogen auseinander.

Hat man diese Grenze hinter sich gebracht und die unfreundlichen italienischen Beamten zur Genüge genossen, dann geht eine Hetzjagd los, wie der Mensch sie noch nicht gesehen hat. Auf italienischen Autobahnen herrscht die schiere Anarchie. Es wird gehupt, genötigt, gedrängelt, überholt, geholzt und geflucht, dass dem deutschen an Aggressionen durchaus gewöhnten Autofahrer Himmelangst wird.

Rund um Mailand gilt Tempo 90. Offensichtlich meinen die Italiener, dass diese Geschwindigkeitsbegrenzung auf die Anzahl der Insassen gerechnet ist, also pro Person gilt. Und genau so fahren diese Verrückten mit ihren Alfas, Lancias und Fiats. Dabei muss man auch noch auf die umständliche Beschilderung achten, die einem den Weg nach Genua zeigen sollen, es aber nicht tut.

Die Freude weicht dem nackten Entsetzen

Hat man doch das Glück, die letzte Mautstelle zu erreichen, ohne dass so ein Wahnsinniger das eigene Auto gerammt hat und ohne dass ein mürrischer Mautangestellter einem das Wechselgeld an den Kopf geschmissen hat, dann, ja dann kommt der Teil der Entspannung, den man sich im Süden erhofft hat. Die Autobahn zwischen Mailand – Süd über die Schlachtfelder von Marengo nach Alessandria sind offensichtlich dem Formel I – Zirkus von Monza nachempfunden.

Man kann es richtig knattern lassen und mal testen, was die Karre so hergibt. Immer wenn man aber denkt, man ist am Anschlag, dann taucht wenige Zentimenter hinter der Stossstange am Heck noch ein Italiener auf, der wütend blinkend überholen will.

Hat man die Ausläufer der Seealpen und deren Regengüsse unbeschadet hinter sich gebracht, taucht plötzlich, wie aus dem Nichts, hinter einer Kurve, die ligurische Küste auf. Hurra, das Mittelmeer ist da. Die Freude weicht dem nackten Entsetzen, denn der Wahnsinn kommt jetzt erst zu seinem Höhepunkt. Man erreicht nämlich die Autostrada dei Fiori Richtung Ventimiglia. Hier scheinen sich sämtliche entlaufene Insassen aller italienischen Irrenanstalten dazu verschworen zu haben, mit irgendeinem fahrbaren Untersatz die Rennbahn Richtung Frankreich zur Achterbahn umfunktionieren zu wollen.

Nach entsetzlichen 170 Kilometern der nackten Panik erreicht man die letzte Mautstelle Italiens. Man hat dabei, getrieben von völlig entfesselten italienischen Autofahrern, kaum einen Blick auf die ligurischen Küstenstädte Savona, Alassio, San Remo oder Imperia werfen können. Es hätte sich auch nicht gelohnt, da der Charme der Belle Epoque längst verfallen und zubetoniert wurde.

Was man aber immer sehen konnte, waren die völlig verdreckten Trabantensiedlungen dieser Städte, die male-rischen Müllverbrennungsanlagen, verrottete Raffinerien, ausgetrocknete Flussbette, die eher an Müllhalden erinnern und verfallene Castelle, die von den ehemaligen Besitzern entnervt aufgegeben wurden.

Empfang mit Maschinenpistolen

Hurra, der Autoverkehr staut sich und die Fahrer müssen zwangsläufig langsamer fahren, um nicht in die nun auftauchende Mautstelle in Ventimiglia zu krachen. Dabei werden noch schnell ein paar Spuren gewechselt, um vielleicht einige Minuten zu sparen. Die Angestellten dieser Inkassostelle scheinen aber irgendwie französisch angehaucht zu sein, denn sie grüssen freundlich mit dem alten römischen Feldherrngruss « salve » und freuen sich offensichtlich, dass man am Leben geblieben ist und nicht von einem irrsinnigen Italiener die Felsen heruntergestossen oder an eine Tunnelwand gedrückt wurde.

Auch haben einem die albanischen Gangsterbanden an den Tankstellen vor der italienischen Grenze nicht die Hälse abgeschnitten, weil man wohlweislich in Italien gar nicht angehalten hat. Man zahlt, erfreut, am Leben geblieben zu sein, und verlässt die Mautstelle Richtung Frankreich. Da stehen plötzlich zehn bis zwölf italienische Carabinieri und Beamte der Guardia di Finanza, bis an die Zähne bewaffnet mit Maschinenpistolen und bissigen deutschen Schäferhunden, vor dem Auto und reissen mit herrischen Gesten die Wagentüren auf.

Bei deutschen Durchschnittspiesern ist nichts zu finden

Man glotzt völlig verdutzt in die Mündung einer fünfzehnschüssigen 9 mm Beretta und wird harsch aufgefordert, den Kofferraum zu öffnen. Dabei beäugt einen ein halbes Dutzend Uniformierter in Reitstiefeln und roten Biesen an den Hosen, die uns an die Uniformen von Hermann Göring erinnern. Das herrische Gehabe und den martialischen Auftritt müssen diese Justizknechte aus alten Filmen über Benito Mussolini abgeschaut haben.

Immerhin, auf diese Art und Weise fallen den italienischen Grenzern jährlich tausende von illegalen Albanern, gesuchte Gangster, Schleuserbanden, Diebesgut, Tonnen von Drogen und jährlich ca. 56 Millionen Euro Bares ungeklärter Herkunft in die Hände. Natürlich finden sie bei dem deutschen Durchschnittsspiesser rein gar nichts, ausser manchmal ein bisschen Schwarzgeld, das er in Monaco parken will, denn er hat immer noch nicht begriffen, dass Monaco eine Zoll- und Währungsunion mit Frankreich hat und damit alle Konten unter der Kontrolle der Banque de France stehen. Die arbeitet hervorragend mit den deutschen Finanzbehörden zusammen.

Auch dieses Schreckenszenario ist überstanden und man ist hoch erfreut, auf den Höhen von La Turbie das Schild « France » zu entdecken. Der erschöpfte Autofahrer sieht das Schild «Département des Alpes Maritimes» und kann sein Glück noch gar nicht fassen, dass er jetzt in Sicherheit ist. Hier ist er Gast, hier darf er’s sein. Links unten taucht ein Bild auf, das man ein Leben lang nicht vergisst : Nizza, Nice oder auch Nissa la Bella genannt, die italienischste Stadt der französischen Côte d’Azur.

Die französische Riviera liegt da und sieht aus. (Kurt Tucholsky)

Rainer Kahni, besser bekannt als Monsieur Rainer, ist Journalist und Autor von Polit - und Justizthrillern. Er ist am Bodensee aufgewachsen, lebt jedoch seit vielen Jahren in Paris und bei Nizza. Seine Muttersprache ist deutsch, seine Umgangssprache ist französisch. Er ist Mitglied von Reporters sans frontières und berichtet für Print - Radio - und TV - Medien aus Krisengebieten.

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