11.07.2018 14:22 Gönn dir was

Der kleine Mann muss weg - Und zwar dringend

Der kleine Mann geht auf Kreuzfahrt und das hochgiftige Schweroel des Touristentankers stoert ihn dabei nicht

Der kleine Mann geht auf Kreuzfahrt und das hochgiftige Schweröl des Touristentankers stört ihn dabei nicht. screenshot

Da steht er nun auf einem dieser schwimmenden Einkaufszentren im Design eines quergelegten Hochhauses

Da steht er nun auf einem dieser schwimmenden Einkaufszentren im Design eines quergelegten Hochhauses. screenshot

Von: GFDK - Reden ist Silber - Mathias Lösel

Es heißt ja immer, der kleine Mann müßte seinen Kopf für alles mögliche herhalten. Aber stimmt das? Benutzt er überhaupt seinen Kopf? Dieser Frage geht unser Autor in einer neuen Artikel-Serie nach, die Online exklusiv auf GFDK erscheint. Desweiteren erscheinen die Artikel in der Print-Ausgabe der "The Heritage Post".

Auch wir stellen uns die Frage, ob der "kleine Mann" nicht der Hauptverantwortliche für das Übel auf der Welt ist.

Der kleine Mann geht auf Kreuzfahrt zum Schnäppchenpreis

Sieben Tage Mittelmeer zum Schnäppchenpreis, das muss manchmal einfach sein. Gestern noch Joghurtbecher-Ausspüler mit Grüner-Punkt-Gewissen, heute Deckchair-Imperialist im Ed Hardy-Shirt. Geiz ist zwar immer noch geil, aber beim kleinen Mann gilt heute die „Gönn‘ Dir“-Mentalität.

Das hat er sich verdient, das lässt er sich nicht nehmen, da sollten die da oben mal große Augen machen, denn was die können, das kann der kleine Mann jetzt auch.

Gönn dir was, egal welcher Rücken dafür herhalten muß

Da steht er nun auf einem dieser schwimmenden Einkaufszentren im Design eines quergelegten Hochhauses einer verfehlten Architektur-Initiative für soziales Wohnen in den 70er Jahren und hält ergriffen vom eigenen Savoir vivre die Nase in den Wind.

Nun atmet er endlich den Duft der großen weiten Welt ein, der bei ausreichendem Konsum, billigen Duty free-Alkohols irgendwann nicht mehr wie das hochgiftige Schweröl riecht, von dem so ein Touristentanker an einem einzigen Tag so viel verfeuert und als Feinstaub in die Atmosphäre bläst wie alle Dieselautos einer Millionenmetropole zusammen in einem Jahr.

( Aber kaum Zuhause beschwert er sich über die Luftverschmutzung und schaltet das Bundesumweltamt ein.)


Und so freuen er und die anderen 6.000 mitreisenden Passagiere sich ganz dolle über die gefühlte Freiheit auf der gebuchten Dreckschleuder, deren Betreiber ihr wie zur finalen Bestätigung der Inexistenz jeglichen moralischen Gewissens einen schamlos zynischen Namen wie „Harmony of the Seas“ gegeben haben.

Wie eine biblische Plage

Im vom Reiseveranstalter minutiös geplanten Drill einer militärischen Invasion fallen sie wenig später dann wie eine biblische Plage über die nächste vormals malerische Hafenstadt her, knipsen ein paar Fotos, saufen in den Bars und scheißen deren Toiletten voll, kaufen sich in China hergestellte Billig-Andenken und ramponieren beim Ablegen noch ein paar historische Gebäude.

Kopf mit hochtourigen Leerlauf

Ja, das ist Freiheit, das hat Stil, so geht Weltgewandtheit, so muss Urlaub sein. Das lässt sich der kleine Mann ohne lästiges Hinterfragen verkaufen, da hat er seinen ganz eigenen Kopf und den lässt er im hochtourigen Leerlauf drehen, wie es ihm gefällt.

Und deshalb kann man ihm immer neue Trends und Hypes diktieren, deshalb gibt er sich bereitwillig dem geradezu neurotischen Zwang hin, auch noch den allergrößten Mist begeistert und unreflektiert zu konsumieren.

Der kleine Mann macht immer das Gegenteil des Richtigen

Denn ulkigerweise macht der kleine Mann immer gerne das exakte Gegenteil des Richtigen und dies mit atemberaubender Konsequenz, getreu dem Motto: „Bloß weil ich mich auf’s Unverschämteste von einer skrupellosen Industrie bescheißen lassen, heißt das noch lange nicht, dass ich denen nicht weiterhin ihren Blödsinn abkaufe.“

Was auch immer es gibt, der kleine Mann muss es machen, weil es möglich ist, weil er es kann, weil es sonst ein anderer macht.


Eines Tages wird ihm vielleicht irgendjemand zuflüstern, dass in Wirklichkeit er selbst die Macht hat, und nicht die da oben, und dass er mit seinem Portemonnaie täglich die Welt verändern kann, wenn er denn nur endlich einmal anfängt, über sein Konsumverhalten nachzudenken.

Aber diese Erkenntnis kann noch ein wenig dauern, denn auf dem Sonnendeck wird gerade der nächste Sangria-Eimer serviert.


Der kleine Mann steckt in uns allen. Aber der kleine Mann muss weg. Und zwar dringend.


Fortsetzung folgt.


Mathias Lösel

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