21.01.2013 12:40 Eva Horstick-Schmitt ist empört

Demokratieverlust - Das nennen wir Zensur - Der WR Redaktion wurde verboten über ihre eigene Demo zu berichten

„Die WAZ-Axt schlägt wieder zu!“ oder „WAZ-Gier kostet Meinungsvielfalt“ Fotos: Eva Horstick-Schmitt

„Die WAZ-Axt schlägt wieder zu!“ oder „WAZ-Gier kostet Meinungsvielfalt“ Fotos: Eva Horstick-Schmitt

Von: Gottfried Böhmer - Eva Horstick-Schmitt - 3 Bilder Profil bei Google+

WR Demo - WAZ schliesst Redaktion der WR und zensiert eigene Berichterstattung !!! Fast 1000 Demonstranten protestierten in Dortmund gegen das Aus der Westfälischen Rundschau als eigenständiges Medium. Der WR Redaktion wurde aber verboten über ihre eigene Demo zu berichten.

Zur Demonstration am Dortmunder Redaktionshaus und in der Fußgängerzone hatten die Betroffenen gemeinsam mit dem Deutschen Journalisten-Verband DJV und der Deutschen Journalisten-Union DJU aufgerufen.

Das nennen wir Zensur. 

„Die WAZ-Axt schlägt wieder zu!“ oder „WAZ-Gier kostet Meinungsvielfalt“

Mein Mann und ich sind bei der Demo mitgegangen und haben uns gern solidarisiert. Wir sind gegen die Schliessung der Redaktion der WR, die es seit 1945 gibt. Sie ist eine sozialdemokratische geprägte Zeitung und hat zumindest einen Gegenpol gebildet zur  der eher  konserativen RN. Jetzt sollen mehr als 200 Mitarbeiter entlassen werden , vor allen Dingen aber trifft es die schreibende Zunft mehr als hart.

Hier wird öffentliches Leben zerstört. Gemeinschaft, Gesellschaft.

Wie sollen diese Männer und Frauen einen neuen Job bekommen? Wo fragen wir uns ist Platz für altgediente Journalisten, die zum Teil  25 Jahre für die WR gearbeitet haben , wie z.B. Günter Heinemann,(Name von der Redaktion geändert) der ein ausserordentlich guter Journalist ist und ein toller Mensch. Die Journalisten sind mehr als geschockt über die ungeplante Aktion der WAZ, die sie aus heiterem Himmel traf.

" Nicht nur bei den betroffenen über 200 Redakteuren und Mitarbeitern der Westfälischen Rundschau (WR) war die Angst vor der Zukunft zu spüren, auch Journalisten anderer Medien äußerten sich sehr pessimistisch, was die Zukunft der Arbeitsplätze in den Zeitungsredaktionen angeht. Dass in den kommenden zehn Jahren mehr als die Hälfte von ihnen ihren Job verlieren wird, war eine Einschätzung, die von den meisten geteilt wurde und die wohl auch realistisch ist. Die Krise der Zeitungen hat an Fahrt gewonnen und ein Ende ist noch lange nicht absehbar." Zitat: Von Stefan Laurin


Diese Aktion war nicht sehr hilfreich für die WAZ Gruppe, denn wir haben heute noch mit vielen anderen unser ABO gekündigt. Wer Journalisten so vor die Wand rennen lässt , hat es nicht verdient unterstütze zu werden.

WER die MACHT hat sind die Verleger und ihre Macht nutzen sie unverschämt aus.

Wir sind empört, wie mit Menschen und unserer Demokratie umgegangen wird. Werden wir demnächst im Revier hier nur noch von einer Zeitung regiert? Meinungsbildung findet in der Zeitung statt und wir sollten uns verschiedene Meinungen nicht  nehmen lassen durch das Einstampfen einer Redaktion, die es schon zu mehrfachen Auszeichnungen gebracht hat.

Martin Kaysh, Autor des Blogs "ruhrbarone.de" und als “Steiger” Mitglied des Geierabend-Ensembles hielt Auf de Demo eine Rede, die wir hier dokumentieren:

Ab dem ersten Februar beginnt jeder Tag mit einer Lüge.

Einer Lüge, 100 000 fach gedruckt. Morgens am Frühstückstisch musst du dafür die Zeitung gar nicht erst aufschlagen. Du musst sie nur zur Hand nehmen. „Westfälische Rundschau“ wird da stehen, oben auf der ersten Seite. Aber dann kommt Irgendwas. Zusammengekauft, zusammengeklaubt und zusammengekloppt.

Die Vernichtung der WR ist ein Angriff. Sie ist ein Angriff einer unfähigen Verlegerfamilie aus Essen auf uns alle  – in Dortmund, in Lünen, in Schwerte. Im Sauer- und im Siegerland. Mit einem absurden Produkt. Clausthaler hat das Bier ohne Alkohol erfunden. Schalke den Fußball ohne Meisterschaft und die WAZ-Familie erfindet gerade die Zeitung ohne Redaktion.

Hier wird öffentliches Leben zerstört. Gemeinschaft, Gesellschaft.

-  Ein Gemeinwesen, eine Kommune lebt von der Beteiligung.  Aber die gibt es nur mit Wissen und Information. Und die müssen aus verschiedenen Quellen stammen, da reicht kein Bauchgefühl und auch nicht das Foto vom ersten Frühlingstag im Westfalenpark.

Eine Lokalredaktion heute hier in Dortmund zu betreiben sei absurd, heißt es, rechne sich nicht, sei nicht zeitgemäß. Leute, es geht.

Absurd, ich bitte die Eigenwerbung zu entschuldigen, absurd ist es, einen Alternativkarneval in Dortmund zu veranstalten, fernab vom Rheinland, in einer protestantischen Gegend. Angefangen haben wir mit 2000 Zuschauern, mittlerweile sind es  20 000. Warum geht das? Weil wir unsere zahlenden Besucher ernst nehmen. Weil wir auf der Bühne über das sprechen, was die Menschen in der Region bewegt, und weil wir es in ihrer Sprache tun. Weil wir versuchen, relevant zu sein und weil wir auf das hören, was uns unsere Zuschauer sagen.

Wir sind eine kleine Klitsche, wir sind kein Konzern. Aber wir sind ein Team von Leuten, das diese Region kennt und, Verzeihung, auch liebt.

Ich brauche keine Zeitung, die den Geierabend klasse findet, weil sie Medienpartner ist, und die ihn scheiße findet, wenn sie nicht auf dem Plakat steht. Ich brauche eine Zeitung, die uns ernst nimmt, egal, ob sie uns gut oder schlecht findet.

Die Öffnungszeiten des Hallenbades kann ich auf der Homepage der Stadtverwaltung finden, zur Not im Schaukasten am Eingang. Dafür brauche ich keine Zeitung. Ich brauche aber eine Zeitung, wenn ich wissen will, dass mein Schwimmbad zumacht, weil gleichzeitig das Geld für unsinnige Prestigeprojekte ausgegeben wird. Ich brauche sie auch, wenn ich wissen will, wer für einen Chlorgasunfall in dem Bad Verantwortung trägt.

Verleger genießen Privilegien. Ihr Unternehmen ist vom Grundgesetz geschützt, sie genießen Steuervorteile und selbst im Arbeitsrecht werden sie bevorzugt. Verlage sind keine Wurstfabriken. Aber die Verleger in Essen benehmen sich so, als seien sie Wurstfabrikanten.

Man schreibt Hirschsalami auf die Packung und presst irgendwelche Reste in die Pelle. Irgendwer wird´s schon fressen.

Wie soll das weitergehen? Im Lokalen kauft man die Ruhrnachrichten.
Glaubt mir eines. Kein Journalist in diesem Haus wird sich über das Aus für die WR freuen. Denn jeder weiß, der neue Monopolist wird keinen Cent zuviel locker machen, wenn es um die Ausstattung der Redaktion geht. Wenn es dem Leser zu bunt wird, kann er ja wechseln zur Phantom-WR. Wahrscheinlich kriegst du trotzdem das Dampfbügeleisen als Werbeprämie, wenn du von den Original-Ruhrnachrichten zur Fälschung wechselst.

Ich habe selbst sieben Jahre für die WAZ in einer kleinen Lokalredaktion gearbeitet. Das erste jeden Morgen dort war immer der Griff zur Konkurrenz. Was haben die an Geschichten, die wir nicht haben? Wo laufen die wieder in eine Richtung, bei der wir gegenhalten müssen? Wo haben wir exklusiv ein Thema? Nur so, in der Auseinandersetzung und in der Abgrenzung, geht guter Journalismus. Das ist in der kleinen Lokalredaktion nicht anders als bei den Politmagazinen der ARD, da habe ich auch gearbeitet. Gewinner der Vielfalt sind immer die Leser und die Zuschauer.

Aber wer schreibt denn künftig im Hauptteil der WR etwa über den BVB? Taucht auch da der Kollege der Ruhrnachrichten auf?
Oder schickt die WAZ den Sportreporter aus Gelsenkirchen, wenn er Zeit hat, weil Schalke erst am Sonntag spielt? Oder ruft der seine Oma an, die in Stadionnähe wohnt und hört, wenn ein Tor fällt?

Wie sieht es im Kulturbereich aus? Theaterkritiken sind mehr als ein „gefällt mir“-Klick bei Facebook. Da kennt der Kritiker den Spielplan genau dieses Hauses, hat mit dem Regisseur geredet, im Idealfall hat er sogar das Stück vorab gelesen. Das kostet Zeit und Geld. Das kann ich nicht leisten als unbezahlter Blogger im Internet.

Der WAZ-Konzern macht uns lustig über uns, er verarscht uns. Ich habe mit einem früheren Chefredakteur der Rundschau gesprochen, das ist ein paar Jahre her. Der Mann lobte die vollkommene Freiheit, die man ihm von Essen aus lasse. Er hat sich geirrt. Das war keine liberale Haltung, das war ein scheißegal-Haltung. Den Leuten in Essen seid ihr so lange scheißegal, solange die Kohle kommt. Und ihr seid ihnen auch scheißegal, wenn es Probleme gibt.

Dann argumentiert man mit Zahlen, nein, man schmeißt Zahlen raus, die vorne und hinten nicht stimmen. Da werden einzelne Unternehmensteile reich gerechnet. Andere werden zum Verlustbringer. Das verlangen Steuergesetze teilweise. Da rechne ich Anzeigeneinnahmen mal dem einen oder anderen Teil zu und stelle möglichst hohe Kosten der Zentrale den Ablegern in Dortmund und anderswo in Rechnung.

Gelogen wird auch mit den Auflagenzahlen. Die versucht die WAZ für einzelne Titel zu verschleiern. Aber die kann sogar ein Amateur wie ich recherchieren. IVW heißt die Quelle. Da habe ich mich heute Nacht rumgetrieben. Da ist nicht die Rundschau der große Loser. Da verliert die WAZ-Gruppe überall in NRW mit ihrem tollen Wischiwaschi-Konzept. Zehn Prozent in den letzten beiden Jahren, insgesamt. Aber auch in Herne, in Bochum, in anderen Städten, die nie WR-Gebiet waren.

Dann vergleicht man mal die Zahlen aus anderen Regionen. Saarbrücker Zeitung, drei Prozent Rückgang. Stuttgarter Zeitung, minus vier Prozent, Hannoversche Allgemeine, minus vier. Emder Zeitung, minus drei.

Das zeigt doch, nicht die Vertriebsleute, die Journalisten, die Macher hier in der Region haben es verbockt. Die Verlierer, die Stümper und Abzocker sitzen in der Zentrale in Essen. Das heißt: Je größer das Büro, desto größer die Unfähigkeit.

Ich weigere mich, hier einen Nachruf zu sprechen.  Ich fordere auf zum Kampf. Und ich möchte um Ideen ringen. Ich habe keine Ahnung. Vielleicht kann die SPD als Minderheitsbeteiligte mal im Suhrkamp-Verlag nachfragen, wie Herr Barlach das macht. Vielleicht gibt es ein Stiftungsmodell, eine Genossenschaftslösung.

Ich weiß nur, wie ich in zwei Wochen persönlich reagiere. Ich werde meine WAZ für eine Woche abbestellen und sie ausdrücklich keinem Altenheim zur Verfügung stellen. Die Antwort auf eine Zeitung ohne Redaktion ist die Zeitungsanzeige ohne Leser. Soviel Wut muss sein.

Glückauf.