01.04.2014 15:33 Sternheims Pseudo-Helden

Bollywood in München - Sternheim im grellen Setzkastenformat

Bollywood in Muenchen

Farbenfrohe Bollywood-Kulisse, herrschaftliches Kontor der deutschen Großindustrie, Zen-Bonsaigärtchen vor luxuriöser Villa. Fotos: (c) Matthias Horn

Von: GFDK - Liane Bednarz

Tom Kühnel und Jürgen Kuttner inszenieren „Aus dem bürgerlichen Heldenleben – Die Hose. Der Snob. 1913“ am Münchner Residenztheater

Farbenfrohe Bollywood-Kulisse, herrschaftliches Kontor der deutschen Großindustrie, Zen-Bonsaigärtchen vor luxuriöser Villa. So sehen die drei Kulissen aus, in denen Tom Kühnel und Jürgen Kuttner dem Publikum am Münchner Residenztheater Carl Sternheims „Aus dem Bürgerlichen Heldenleben – Die Hose, Der Snob, 1913“ präsentieren.

Der Zyklus „Aus dem bürgerlichen Heldenleben“ entstand in den Jahren von 1908-1923 und umfasst insgesamt sieben Dramen. Die drei nun in München Gezeigten bilden die „Maske-Trilogie“ und handeln vom Emporkommen einer kleinbürgerlichen Familie in die Großbourgoisie und Aristokratie.

Sternheims Pseudo-Helden

Sternheims Maske-Stücke erfreuen sich derzeit einer Art Mini-Renaissance an deutschen Bühnen und sind seit dem letzten Sommer etwa auch am Schauspielhaus Bochum zu sehen. Ein Grund dafür mag sein, dass sie sich gut in die heutige Zeit der Finanz-, Banken- und Eurokrisen adaptieren lassen, diese bitterbösen Darstellungen des Bürgertums der „Plüschzeit“, wie der Autor die späte wilhelminische Epoche nannte.

Eine Zeit, in deren „Wirrwarr“, wie der Lyriker und Literaturhistoriker Ernst Stadler bereits 1914 schrieb, nur noch „die gesinnungstüchtige Dumpfheit und selbstsichere Borniertheit“ Bestand hatten. Zum Beispiel, so Stadler, in Gestalt von Theobald Maske, der in „Die Hose“ der „fast ins Dämonische gesteigerte Typus einer gegen alle menschlichen Gefühle gefeiten Philiströsität“ erscheine.

Oder in der Figur von Maskes Sohns Christian, dem „Snob“, für Stadler „ein schlechthin Milieuloser, der nichts mehr ist als Geste“, der perfekte „Komödiant seiner Rollen“, der über keinen „geringsten Bruchteil vom Menschlichkeit und Gefühlen“ mehr verfüge. Beide sind also Pseudo-Helden.

Wie man Sternheim spielen muss

Ähnlich gestrickte Pseudo-Helden zeigten sich nicht nur hierzulande inmitten der krisengeschüttelten letzten Jahre zuhauf. Gier und Skrupellosigkeit prägten so manche Aufstiegsstory im Turbokapitalismus. Keine schlechte Idee also, Sternheims Maske-Trilogie anno 2014 auf diesem Tableau zu zeichnen, wie es zumindest das Programmheft ankündigte. Mit der Umsetzung allerdings hapert es.

Ungeachtet aller komödiantischen Aspekte bieten vor allem „Die Hose“ und „Der Snob“ einen enormen Spielraum, das Abgründige und Philisterhafte der Figuren genau auszuleuchten. Hellmuth Karasek wies bereits 1976 darauf hin, dass Sternheims „ungemütliche szenische Schnelligkeit“, ja seine „Grellheit“ nicht „durch Grellheit überboten“ werden dürfe, dass die „Knappheit“ „nach Ergänzung, nach Auffüllung zu verlangen“ scheine. Genau hieran scheitern Kühnel und Kuttner in München.

Bollywood in München

Grell und schrill beginnt der Abend, grell und pathosüberladen endet er. Man starrt auf einen Zwischenvorhang, der als Reklametafel für eine an eine Rolex angelehnte luxuriöse Herrenuhr dient (Bühne und Video: Jo Schramm). Rechts daneben der Sternheim-Spruch: „Ist erst der Mann da, folgt die Zeit“. Doch Luxus ist im ersten Teil der Trilogie ansonsten fehl am Platz.

Vielmehr geht es nach Indien, eine kleine Hütte mit Wellblechdach erscheint, und unter schriller Bollywood-Musik kommen sie laufend, auf einer Fahrrad-Rikscha bzw. auf Mopeds auf die Bühne: die „fünf Spießer“, wie Sternheim die Figuren des Stücks im Jahre 1918 nannte.

Oliver Nägele spielt Theobald Maske, der - im beigen klassisch-indischen Männergewand - seine Sari-tragende Frau Luise (Hanna Scheibe) schlägt und auch sonst respektlos behandelt, vor allem nachdem sie auf offener Straße ihre Unterhose verloren und so das für den Kleinbürger so wichtige Ansehen der Familie gefährdet hat.

Indes lockt dieser Vorfall zwei erotisch angestachelte und vor allem zahlungswillige Untermieter an. Der hüstelnde Wagnerfreak und Neurastheniker Mandelstam (Jens Atzorn) erscheint als Muslim, mit Bart und traditioneller Kleidung. Gut, auch das passt zur indischen Gesellschaft. Warum der Lebenskünstler und Nietzsche-Fanatiker Scarron (Franz Pätzold) ein braunes Glitzer-Sakko zu schwarzer Hose trägt, erschließt sich hingegen weniger.

Vor allem aber bleibt die Frivolität der scheinbar braven Spießerin und Kirchgängerin Luise Maske, die sich von den beiden Verehrern recht gerne umgarnen lässt, in Hanna Scheibes Spiel leider an der Oberfläche. Stattdessen Grellheit all überall – was würde bloß Karasek dazu sagen? Immer wieder dröhnend laute Bollywood-Musik, Videosequenzen mit indischen Tänzerinnen und dann, auch das noch, ein indischer Tanz Luise Maskes mit der drallen Nachbarin Gertrud Deuter (Katharina Pichler; Choreographie: Michael Schmieder)), die kurz darauf mit Theobald bereitwillig ins Schlafzimmer geht.

All das ist bisweilen, man muss es leider so sagen, schlichtweg kitschig, nah dran am Musical, übrigens gerade auch dann, wenn Mandelstram Theobald Maske hohle Phrasen voller Pathos zu Wagners „Fliegendem Holländer“ entgegenschmettert. Man fragt sich unweigerlich, was diese ganze indische Kulisse überhaupt soll.

Die Armut der Maskes verdeutlichen? Tut sie nicht, immerhin ist die Szenerie kein Slum. Mal ganz abgesehen davon, dass die Maskes bei Sternheim ohnehin kein Prekariat, sondern Kleinbürger sind. Vielleicht rührt die Idee daher, dass Theobald im Originalstück mehrfach eine Seeschlange erwähnt, die wieder „in den indischen Meeren“ aufgetaucht sein soll. Wäre da nicht Oliver Nägeles fabelhafte Darstellung des bornierten und empathielosen Kleinbürgers, man wäre wohl noch enttäuschter von der „Hose“.

Aalglatter Snob

Nahtlos geht es über in den „Snob“. Die indische Hütte verschwindet nach hinten und gibt den Weg frei für den hineingleitenden, auf Marmorsäulen stehenden Schreibtisch von Christian (Johannes Zirner), den Sohn der Maskes. Er hat es geschafft, fast zumindest, steht vor dem Sprung, Generaldirektor des größten Unternehmens des Landes zu werden.

Dazu gilt es alles hinter sich zu lassen, was gesellschaftlich stört: Die Geliebte, die ihm den Aufstieg ermöglicht hat und vor allem die peinlichen Eltern. Sie werden deshalb verstoßen bzw. verheimlicht, jedenfalls bis sich die Möglichkeit eröffnet, mit Marianne Palen (Friederike Ott) die Tochter eines verarmten Grafen (Gerhard Peilstein) zu heiraten, womit man dann doch vor den Eltern angeben will.

Eigentlich bietet, wenn das Programmheft schon so sehr betont, man wolle Sternheims Egozentriker „mit der Signatur der Gegenwart“ versehen und „den sozialen Aufstieg aus dem Handbuch der Globalisierung“ zeigen, „Der Snob“ alle Möglichkeiten, anno 2014 in Christian Maske die gierigen Jungspunde zu zeigen, die Boni-getriebenen Investmentbanker, Hedgefonds-Manager und Derivatehändler, die Teil der Finanzkrise waren und sind.

Die Aufsteiger-Jungs, die männlichen „Social Climber,“ für die das Sahnehäubchen tatsächlich gar nicht so selten das Hineinheiraten in die Oberschicht ist. Es muss ja nicht immer so enden wie in Woody Allans „Matchpoint“. Und die dafür gerne alles geben, zugleich aber im Habitus unsicher bleiben, weil sie die Spielregeln eben nicht mit der Muttermilch aufgesogen haben.

Diese Ambivalenz ist bei Sternheim deutlich angelegt, etwa wenn Christian Maske minutenlang überlegt, wie er einen Brief an Graf Galen formuliert. In Kuttners und Kühnels Fassung wirkt er hingegen einfach wie ein aalglatter Aufsteiger, und auf die angekündigten Bezüge zur Gegenwart wartet man auch vergebens.

Kuttners Abgesang auf das bürgerliche Heldentum

Zwischendurch wird das Stück durch zwei wilde kabarettistische Einlagen von Kuttner unterbrochen, der in der ersten davon mit der Schnelligkeit eines Maschinengewehrs durchaus lustige Sprüche über den verlorenen Heroismus des Bürgertums ins Publikum hineinberlinert.

Und sich über ein verunsichertes Bürgertum mit all seinen Einzelsträngen wie nicht zuletzt den „Wutbürgern“ amüsiert, die gegen „unterirdische Bahnhöfe“ kämpfen. Auch den erkenntnistheoretischen Bogen von Descartes bis zu Juliane Werding, den Kuttner schlägt, kann man erheiternd finden. Vor allem den Moment, in dem Werdings Auftritt mit „Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst“ in der ZDF Hitparade 1975 als Video eingeblendet wird.

Life of leisure im ZEN-Garten

Deutlich ernster als in den ersten beiden Teilen geht es in „1913“ zu. Der Patriarch Christian Maske steht kurz vor seinem 70. Geburtstag, auch die zweite adlige Ehefrau ist tot. Seine Tochter Ottilie (Friederike Ott), vor allem aber sein auf den Ostküsten-College-Tommy Hilfiger/Ralph Lauren-Style getrimmter und tuntig-überkandidelter Sohn Philipp Ernst (Jens Atzorn) führen ein „life of leisure“, in dem es ganz zentral darum geht, gut angezogen zu sein.

Johannes Zirner zeigt Maske als körperlich tattrigen Greis mit mobilem Tropf, der im Bonsai-ZEN-Garten meditiert, aber geistig völlig auf der Höhe ist. Und zwar so sehr, dass er den Machtkampf mit seiner ältesten Tochter Sofie (Hanna Scheibe) um die Firma in einem letzten, zum Tode führenden Kraftakt gewinnt.

Aus dem schneidigen Snob ist ein Kapitalismuskritiker mit grauem Zopf geworden, der wütend und schimpfend gegen diesen ankrächzt und seinen Sekretär Krey (Franz Pätzold) bei dessen antikapitalistischen Bestrebungen anfeuert. Irgendwie aber wirkt das alles arg aufgesetzt, eine wirkliche Interaktion der Figuren findet kaum statt, auch die Verliebtheit der Oberschichtengöre Ottilie in Krey wirkt nicht echt.

Stattdessen setzt die Regie auch hier lieber auf Grellheit. Pätzold schreit als Krey das Manifest „Der kommende Aufstand“ (Unsichtbares Komitee, 2007) ins Mikro, sein Gesicht ist dabei per Videokamera über die ganze Breite der Bühne hinweg zu sehen. Die verwöhnten Jeunesse-Dorée-Kinder legten kurz zuvor zu wummernden Techno-Beats und rhythmischen Lichteffekten eine wilde Tanzeinlage ein. Leider ist auch dieser Kontrast zwischen revolutionärem Anspruch und Hedonismus zu überzeichnet, wiederum zu grell.

Irgendwie hat diese knapp vierstündige Inszenierung etwas von einem Setzkasten. Von allem ein bisschen, aneinander- bzw. nebeneinandergereiht. Ohne einen Grundbass, ohne Tiefe. Und ist damit letztlich leider auch so bieder wie ein Setzkasten, oder, anders gesagt: sehr bürgerlich, trotz aller Schrillheit. Verhaltener Applaus.

Dr. Liane Bednarz studierte Rechtswissenschaften in Passau, Genf und Heidelberg. Sie wurde 2005 zum Dr. iur. promoviert und arbeitet als Rechtsanwältin im Bereich "Mergers & Acquisitions". Liane Bednarz war Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung.

"Der Umblätterer" (nominiert für den Grimme Online Award 2010) hat ihren Essay zur klassischen Literatur in der Tagespost vom 17. Oktober 2013 in sein Ranking "Der Goldene Maulwurf - Best of Feuilleton 2013" aufgenommen.

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