12.08.2015 14:04 „Lernt doch eure Künstler zu schätzen!“

Balbina - Die schöne Berlinerin mit polnischen Wurzeln lebt für die Musik und trägt Melancholie im Herzen

Newcomerin Balbina im Interview mit Michaela Boland

Newcomerin Balbina im Interview mit Michaela Boland exklusiv für die Freunde der Künste (c) GFDK

Balbina über das Gruebeln

Balbina über das Grübeln/ Musiklabel

Balbina zu Hause

Balbina zu Hause (c) GFDK

Balbina - Nichtstun mit Band

Balbina - Nichtstun mit Band/ Musiklabel

Saengerin Balbina

Sängerin Balbina (c) GFDK

Balbina - Langsam Langsamer

Balbina - Langsam Langsamer/ Musiklabel

Von: GFDK - Michaela Boland

Müssen wir Deutschen eigentlich immer irgendwo einen Fehler finden? Können wir es tatsächlich nicht gut sein lassen? Wenn es denn gut ist? Diese Frage stellt jetzt eine junge Musikerin. Tiefgründigkeit in einfache Worte zu hüllen, ist eine Kunst, die wohl nicht viele zu vollbringen imstande sind. Und wer es vermag, kann sich noch nicht mal immer vor Verteufelung sicher wähnen. Davon wusste Erich Kästner gewiss auch schon ein Lied zu singen.

Sie hat dies durch manche Kritikerhand ebenfalls bereits am eigenen Leibe erfahren: Balbina. Die schöne Berlinerin mit polnischen Wurzeln, die mit bürgerlichem Namen eigentlich Balbina Monika Jagielska heißt, trägt Melancholie im Herzen und Nachdenklichkeit auf der Zunge. In einem Berliner Arbeiterviertel aufgewachsen, hat sie sich stets mit Büchern umgeben, tauchte ab in die Welt der Phantasie.

„Lernt doch eure Künstler zu schätzen!“

Jetzt lebt sie für die Musik. Ihre Liedtexte über das Nichtstun, die Seife oder den Goldfisch muten nur auf den ersten Blick oberflächlich an. Hört man wirklich hin, erschließt sich die Gedankenwelt der 32-Jährigen auf so wunderbar nachvollziehbare Weise, dass es wie Schuppen von den Augen fällt: Die hübsche Künstlerin beschreibt die Realität, die uns alle umgibt und der wir im Zuge der allgemeinen Schnelllebigkeit womöglich kaum mehr größere Aufmerksamkeit widmen.

Balbina sieht hin, fühlt, denkt und setzt um. Mit der außergewöhnlichen Stimme verleiht sie ihren Songs die besondere Note. Ihr Geschick fürs Detail, der Fleiß und das Gespür für Eleganz machen ihre Videos zu einem Augenschmaus. Jetzt geht die immerzu nachdenkliche junge Frau mit Herbert Grönemeyer auf Tour. Dabei singt sie, getreu dem Titel ihres neusten Albums, auch „über das Grübeln“.

Michaela Boland: Balbina, Du hast Dich bereits in früher Jugend der Kunst verschrieben. Kannst du dich noch an den Moment erinnern, als du deine musische Begabung entdeckt hast?

Balbina: Eine Affinität zum Singen habe ich eigentlich schon immer gehabt, habe diese aber zunächst nicht so richtig ausgelebt. Ich hatte nie ein Feedback, ob ich singen kann oder nicht.

Im Alter von 16 Jahren bin ich dann über ein paar Umwege dazu gekommen, als Studiosängerin zu arbeiten. Zuvor hatte ich mich nämlich bei einem Chor angemeldet. Zu dieser Zeit habe ich dann gemerkt, dass ich ganz gut singen kann.

Aber während der Kindheit und in der Pubertät habe ich das nur für mich und eher so ein bisschen versteckt gemacht.

Michaela Boland: Du sollst als Kind bereits Gedichte verfasst haben?

Balbina: Ich war tatsächlich seit frühester Jugend sehr Text-fixiert, habe viel  geschrieben und  gedichtet. Außerdem habe ich viel gelesen, denn bei uns zu Hause wurde viel gelesen.

Mama hat viel gearbeitet und hat mir dann immer Bücher wie Pippi Langstrumpf, Karlsson vom Dach, Anne auf Green Gables oder Hanni und Nanni dagelassen. Ich habe mir dann immer damit die Zeit vertrieben, wenn sie arbeiten war. Denn ich sage ganz gerade heraus: Ich durfte nicht so viel Glotze gucken.

Michaela Boland: Daran gehalten?

Balbina: Zum einen hatten wir kein Kabelfernsehen und außerdem hat meine Mama das auch überprüft. Da gibt es ja diesen Standby-Knopf und wenn bei uns der Fernseher ausging, dann war dieser Knopf noch sehr lange an. Daher konnte ich auch nicht so gut betrügen. Dann habe ich eben gelesen.

Michaela Boland: War man in deiner Familie prinzipiell gegen das Fernsehen?

Balbina: Fernsehen ging schon, aber meine Mama mochte nicht, wenn ich zu viel geschaut habe. So durfte ich beispielsweise immer Disney-Club gucken. Das kam immer samstagnachmittags oder Sonntag früh mit Ralf Bauer, Antje und Stefan.

Michaela Boland: Ralf Bauer arbeitet heute als Schauspieler und tanzt derzeit bei der RTL-Produktion Let`s dance. Antje Pieper ist mittlerweile stellvertretende Leiterin der ZDF-Hauptredaktion Politik und Zeitgeschehen. Stefan Pinnow ist seit vielen Jahren für den WDR bei „daheim und unterwegs“ im Einsatz. Also, von Anfang an nicht die schlechteste TV- Gesellschaft.

Balbina: Genau. Also, das durfte ich auch immer gucken, Außerdem waren auch das Sandmännchen oder die Sesamstraße und solche Sachen erlaubt.

Michaela Boland: Du wohnst Berlin. War es insofern das West- oder das Ost-Sandmännchen?

Balbina: Das West-Sandmännchen. Aber das Ost-Sandmännchen habe ich auch gesehen. Das fand ich auch gut. Aber wir haben, wie gesagt, viel gelesen.

Ich bin auch froh darüber, dass meine Mama mich quasi in die Welt der geschriebenen Phantasie eingeführt hat. Somit hat es eben nicht immer des Plakativen bedurft, also, dass ich Bilder sehen musste, sondern auf diese Weise konnte ich mich eben auch mittels Worten in Welten hinein versetzen. Das habe ich von meiner Mutter mitbekommen.

Michaela Boland: Die Literatur, die du konsumiert hast, war ausschließlich klassische Kinderliteratur? Oder bist du in frühem Alter auch schon mit Poesie in Berührung gekommen, nachdem Du ja bereits als Kind selbst Gedichte verfasst hast?

Balbina: Das waren bei mir eher Kindergedichte. Ich habe Kindersachen gereimt. Vor kurzem habe ich etwas gefunden und zwar ein Bild mit Mohrrüben. Da hieß es dann, „wenn die Möhren auf mich hören“. Das war dann immer so etwas in der Art, also Quatsch eben.

Michaela Boland: Das Singen hast du dir autodidaktisch beigebracht. Du sollst früher regelmäßig Whitney Houston –Stücke nachgesungen haben. Gab es darüber hinaus noch andere Künstler, die dich inspiriert haben?

Balbina: Mit Whitney Houston hat alles so ein bisschen angefangen. Allerdings habe ich mich dann relativ schnell in Jazz-Sachen hineingehört. Zunächst klassische Sachen,  z.B. Ellington oder Louis Armstrong.

Das gab es auch bei uns zu Hause. Und dann bin ich irgendwann mit Nora Jones und Kurt Elling in den moderneren Jazz gerutscht. Mittlerweile höre ich sehr viel Jazz. Auch Jazz-Radio, denn das inspiriert meinen Gesang sehr.

Wenn man viel Jazz hört, dann checkt man, warum ich manche Sachen mache. Gerade im Jazz sind ja teilweise Extreme in Klängen, große Unterschiede zwischen hoch und tief. Das habe ich mir aus dem Jazz herausgefiltert.

Michaela Boland: Aber dein Genre ist schon der Pop, nicht wahr?

Balbina: Ich denke schon. Vor allem, weil die Musik, die ich mit Nico Rebscher komponiere, sehr poppig ist. Ich mag auch poppige Musik gerne.

Michaela Boland: Als sonderlich Tanz-orientiert lässt sich deine Musik derzeit nicht beschreiben. Könnte es sein, dass sie sich noch einmal in diese Richtung hin entwickeln wird oder bist du auf das, was du augenblicklich tust, festgelegt?

Balbina: Tanz-orientiert wird es bei mir wohl deswegen nicht werden, weil ich nicht so die gute Tänzerin bin. Ich habe auch einfach keine Affinität dazu. Wahrscheinlich bin ich der schlechteste Tänzer der Welt.

Ich tanze vielleicht zwei Mal im Jahr auf irgendeiner Veranstaltung, wenn ich lustig bin. Trotzdem finde ich Tanz als Kunstform sehr interessant, doch es ist nicht wirklich mein Ding. Wenn ich Tanz-Musik machen würde, wäre das wahrscheinlich relativ lächerlich. Ich würde es mir echt nicht zutrauen.

Michaela Boland: Dein Album macht mit dem Titel: „Über das Grübeln“ neugierig. Wie lange hast Du selbst über den Titel nachgegrübelt?

Balbina: Der Titel kam dann irgendwann, als ich mit dem Nachdenken fertig war. Ich wusste, dass das Album vom Nachdenken und von allen Facetten des Nachdenkens handeln sollte.

Dann hat es mich schon beschäftigt, wie ich das Ganze nun nenne sollte. Nenne ich es, “ich denke nach“ oder “nachdenken über das Denken“?

Irgendwann nach Wochen kam mir dann der Einfall, “Über das Grübeln“. Dann wusste ich: ok, das ist es.

Michaela Boland: Du verfügst über ein außerordentlich sensibles Gespür in puncto Sprache und Wortkomposition. Inwieweit hat dich da möglicherweise auch die Literatur geprägt?

Balbina: Mir wird ja oftmals von Kritikern, die nicht bei mir sind, vorgeworfen, dass ich saloppe und zu einfache Metaphorik verwenden würde. Auch würde ich keine tiefgründige Sprache benutzen.

Für mich ist es aber eigentlich genau das Gegenteil. Ich benutze einfache Sprache, um ganz tiefe Zusammenhänge zu visualisieren. Diese würde ich sonst nicht schaffen auszudrücken.

Ich habe viel Inspiration innerhalb der Gebrauchslyrik gefunden. Also, all so etwas, was Ringelnatz oder Erich Kästner gemacht haben. Die haben sich ja auch teilweise sehr direkt und einfach ausgedrückt.

Michaela Boland: Du ziehst Ideen aus reiner Prosa?

Balbina: Genau. Das ist einfach eine große Inspirationsquelle gewesen. Ich bin eben ein Fan von Hauptsätzen. Auch wenn es viele sind, denn ich habe nun mal viele Hauptsätze. Ich ziehe auch einfache Worte und einfache Bilder vor.

Michaela Boland: Aus welchem Grund bevorzugst du die Einfachheit?

Balbina: Ich finde, etwas schwammig zu formulieren, das kann jeder. Den Nagel auf den Kopf zu treffen, das ist schon eine größere Herausforderung. Und dieser Herausforderung stelle ich mich einfach jeden Tag.

Michaela Boland: Deine Eltern sind getrennt, du bist ein Scheidungskind, wie zu lesen ist. Gibt es womöglich einen Zusammenhang zwischen diesem Umstand und deiner ganz besonderen Nachdenklichkeit?

Balbina: Ja. Ich bin natürlich ein Einzelkind, das ohne Vater aufgewachsen ist. Ohne leiblichen Vater. Ich denke, das beeinflusst einen schon im Leben. Schon von daher, weil man eine gewisse Facette einfach nicht hat.

Und man sieht das natürlich dann bei anderen Kindern: Die haben diese Facette. Ich glaube durchaus, auch, wenn man das nicht zugibt, dass einen das schon prägt. Denn natürlich vergleicht man sich auch mit anderen und fragt sich, warum haben die das und warum habe ich das nicht?

Vor allem auch die Frage: Habe ich damit etwas zu tun? Ich denke, das regt auf jeden Fall zur Grübelei an und beeinflusst das Leben nachhaltig.

Michaela Boland: Wieviel Zeit hat die Fertigstellung deines aktuellen Albums insgesamt in Anspruch genommen?

Balbina: Die Frage ist deswegen schwer zu beantworten, weil ich Sätze immer recht lange skizziere, also über eine längere Periode. Ich mache mir Notizen, habe auch immer meinen Notizblock dabei und schreibe regelmäßig Wortfetzen oder sonstige Sachen auf, die mir einfallen.

Wenn ich dann besonders viele Skizzen habe, die sich zu bestimmten Themen herauskristallisieren, dann setze ich mich hin und arbeite das Ganze aus.

Somit kann man sagen, das reine Brainstorming im Alltag macht ungefähr 50 Prozent aus. Die anderen 50 Prozent sind das Hinsetzen. Wenn ich nur dieses Hinsetzen hernehme, denn das kann ich zeitlich besser eingrenzen, dann würde ich sagen, dass ich für das Ausformulieren eines Songs im Schnitt eine Woche bis zehn Tage benötige.

Michaela Boland: Wie geht es dann weiter, wenn du an dieser Stelle bist?

Balbina: Dann begebe ich mich mit der Struktur ins Studio und fange an zu komponieren. Das dauert dann auch nochmal rund fünf Tage.

Somit kann man sagen, dass ich pro Song in der Erstellung der groben Skizze ungefähr drei Wochen bis zu einem Monat einplanen muss.

Michaela Boland: Also hast Du definitiv immer zuerst den Text und dann die Musik?

Balbina: Ja.

Michaela Boland: Musst du grundsätzlich darauf warten, dass dich etwas inspiriert, dass dich also die Muse küsst, oder kannst du dich auch einfach hinsetzen und sagen, „so, jetzt schriebe ich auf der Stelle ich einen Song“?

Balbina: Ganz konkret kann ich dir sagen, hier stehen ganz viele Sachen drin (Anm. d. Red.: deutet auf ihr kleines Notizbuch, das sie stets bei sich führt). So Zeug. Wenn ich zum Beispiel in der U-Bahn sitze, - denn ich muss immer sehr weit zu meinem Studio fahren -, dann schaue ich mir das manchmal durch.

Dann sehe ich beispielsweise Skizze 27 – ich notiere immer Nummern zu meinen Aufschrieben, damit ich es besser zuordnen kann – und bemerke, „oh, Skizze 27 ist sehr lang, dieses Wort erscheint total oft, ich glaube das ist ein Song über z.B. Gardinen.“

Dann denke ich, dass ich das nun ausbauen kann und nehme diese Skizze und damit habe ich die Eingebung ja schon. Die Inspiration ist dann längst schon über Tage oder Wochen zuvor gelaufen.

In dem Moment, in dem ich finalisiere, brauche ich eigentlich keine Inspiration, keine Eingebung mehr. Das ist dann einfach nur noch Arbeit.

Michaela Boland: Kannst Du mal so eine Skizze zeigen?

Balbina (lacht) Nein, das darf ich nicht.

Michaela Boland: Sind da womöglich tatsächlich auch kleine Gemälde dabei oder nur reine Wort-Skizzen?

Balbina: Das sind tatsächlich Worte.

Michaela Boland: Wann und warum kommt ein Wort innerhalb deiner Skizzen

besonders häufig vor?

Balbina: Ich weiß es nicht. Doch, wenn mich nun etwas inspirieren würde, während ich hier sitze, beispielsweise wenn ich hier aus dem Hotelzimmer-Fenster hinaus blicke, dann sehe ich eine Häuserwand, die recht dicht an dieses Gebäude hier grenzt.

Ich finde den Abstand total eng und mich inspiriert diese Enge. Dann schreibe ich auf, „es ist eng, es kommt auf mich zu, ich spiegele mich im Fenster gegenüber und ich spiegele mich auch in diesem hier..“ usw.

Dann schreibe ich mir das alles auf, versehe es noch mit einer Nummer und nehme es mit. Irgendwann bin ich woanders, wo eine ähnliche Situation stattfindet, weil ich mich auch beengt fühle oder das Gefühl auf andere Weise dasselbe ist und dann schreibe ich mir das wieder auf.

Dann fällt mir ein, „Moment, ich hatte doch so etwas schon einmal“. So schreibe ich die neue Situation dann eben zu der bereits erlebten. Je mehr und je voller eine solche Skizze dann wird, desto reifer ist sie. Und irgendwann ist sie dann reif genug dafür, dass ich sie ausformulieren kann.

Michaela Boland: Kannst du denn das bestimmte Gefühl, das du beispielsweise hier und heute in diesem Hotelzimmer hast, mit einer ähnlichen Situation, die du vielleicht irgendwann mal erleben wirst, absolut gleichsetzen? Oder ist es dann womöglich ein anderes Gefühl?

Balbina: Nein, das kann ich gleichsetzen. Also, dieses Hotelzimmer, das beengt mich total.

Michaela Boland: Mich, ehrlich gesagt, auch.

Balbina: Das nehme ich halt hier mit, beispielsweise als Erfahrung für ein Lied oder für ein Gedicht. Dass ich hier mit Menschen zusammen saß, die ich noch nie gesehen habe und die mich zu persönlichen Dingen befragt haben.

Das alles noch in einer verhältnismäßig persönlichen Atmosphäre, denn zischen uns steht ja auch noch dieses Bett.

Dann eben auch noch in dieser Enge, die vom gegenüberliegenden, dicht angrenzenden Nachbargebäude ausgeht. Das beeinflusst mich total. Ich frage mich auch, was es dann im Nachhinein mit uns macht?

Mich interessiert so etwas als Forschung. Wäre unser Gespräch beispielsweise in einer anderen Atmosphäre anders verlaufen? Wie offen würde ich reden, wenn wir in einem Konferenzraum statt in diesem engen Hotelzimmer säßen?

All solche Kleinigkeiten, wie Möbel, Kleidung oder Wetter setze ich in einen Zusammenhang und dann baue ich mir daraus meine Schlussfolgerungen, die vielleicht auch falsch sind. Doch so kreiere ich mir meine Analogien.

 

Michaela Boland: Das klingt fast so, als käme dein Denkapparat niemals zur Ruhe. Kannst du überhaupt mal ganz abschalten?

Balbina: Nein.

Michaela Boland: Also, dauerkreativ?

Balbina: Das ist Fluch und Segen zu gleich, aber ich kann halt nicht abschalten. Manchmal denkt man sich vielleicht, „ich habe jetzt keine Lust mehr, eine Idee zu haben“.

Aber dann denkt man sich wiederum, wenn man so tolle Sachen umsetzt, wie z.B. die Videos, die ich gerade gemacht habe, u.a. „Goldfisch“, „ein Glück, dass ich so gute Ideen habe“.

Es macht dann eben einfach Spaß. Man kann ein Team begeistern und arbeitet zu zehnt gemeinsam an so etwas Coolem. Am Ende hat man dann eben so ein tolles Produkt. Also, ist es auch gut.

Michaela Boland: Für deine Musik bis du nicht ganz allein verantwortlich?

Balbina: Nein, Nicolas Rebscher ist ein sehr toller Komponist und der komponiert das richtig, da ich kein Instrument spiele. Wir suchen immer zusammen. Ich habe die Melodie meistens schon und singe ihm das vor.

Dann legen wir erst mal die Akkorde darauf, anschließend die Drums und die Basslinien. Nicolas ist daran maßgeblich beteiligt, da er einfach ein Komponist ist.

Michaela Boland: Nimmt er grundsätzlich alles auf, was du an Ideen hast, oder  äußert er auch schon mal, wenn er mit etwas nichts anfangen kann?

Balbina: Nein, das gibt`s nicht. Die Voraussetzung, dass er mit mir arbeitet ist, dass er alles das nimmt, was ich ihm gebe und wir daran arbeiten. Also, es gibt keinen Kompromiss.

Es ist ja mein Projekt, denn ich bin ja die Künstlerin. Wäre es womöglich eine Band oder ein Gemeinschaftsprojekt, wäre es vielleicht etwas anderes. Doch es geht ja um mein Album.

Michaela Boland: Du bist sozusagen der Boss?

Balbina: Ja, aber das ist für ihn o.k. Er macht es ja, weil er das ja mag.

Michaela Boland: Oftmals verarbeiten Musiker, Liebe, Liebeskummer oder andere tiefgreifende Erlebnisse in ihrer Musik. Deine Themen handeln beispielsweise vom „Nichtstun“, wogegen du laut Text“ etwas tun musst“. Das klingt zunächst einmal belanglos. Ist es das?

Balbina: Nein, es ist für mich nicht belanglos. Für einige Kritiker ist es belanglos. Für mich hat aber jedes Wort so viel Gehalt, dass es platzen könnte.

Ich glaube, wenn man mir wirklich zuhört, dann hört man das. Wenn man allerdings so eine grundablehnende Haltung gegen meine Kunst hat, dann wird man das auch nicht wahrnehmen. Und dann ist es relativ einfach zu verstehen.

Michaela Boland: Wie gehst du mit Kritik um? Nervt dich das, wenn jemand dich nicht versteht?

Balbina: Also, es kommt drauf an. Dass ich polarisiere, das weiß ich schon. Seit zehn Jahren mache ich ja Musik. Ich war viel im Rap-Kontext unterwegs und da polarisiert man ja und es findet viel Diskussion statt, um das, was man herausbringt.

Ich bin es gewohnt und ich finde das eigentlich auch ganz gut, weil ich bemerkt habe, dass Dinge, die ich release meistens nicht egal sind. Sie werden geliebt oder gehasst und daran habe ich mich gewöhnt.

Ich bin fasziniert darüber, dass ich eine Emotionalität herauskitzele. Das mag ich in beiden Richtungen gleichermaßen. Ich freue mich natürlich über Lob, finde es aber auch faszinierend, wenn Leute das gar nicht mögen und es richtig verbissen kritisieren.

Michaela Boland: Sprichst du nun gezielt von den Kritikern innerhalb der Medien, die du gerade schon ansprachst oder meinst du damit ganz normale Hörer, die nichts mit deiner Musik anfangen können?

Balbina: Ich spreche da vor allem solche Dinge an, die im Internet kursieren. Beispielsweise in Diskussionsforen, wo eben jeder seine Meinung sagt. Häufig wird die Gesangsart und die Metaphorik vielleicht nicht als schön empfunden, weil sie eben auch untypisch ist. Es ist eben nicht jedermanns Sache und das ist o.k., finde ich.

Michaela Boland: Fällt man durch Untypisches nicht auch auf?

Balbina: Ja. Das einzige, was ich nicht mag, ist, wenn jemand nicht richtig zuhört oder nicht richtig recherchiert. Das finde ich schade. Dadurch, dass man durch das Internet jede Woche auch so etwas wie einen Release-Overload hat, hören manche Leute auch nur halbherzig zu und fällen zu schnell ihr Urteil.

Noch vor 30 oder 40 Jahren war das anders, als das Hauptmedium noch der Print, das Radio oder das TV waren. Da konnten und mussten Redakteure dann nur so einen gewissen Stapel an Musik durchhören. Die konnten sich besser darauf fokussieren und darauf einlassen.

Michaela Boland: Du glaubst, das läuft heute völlig anders?

Balbina: Heutzutage muss man sich irgendwie auf alles fokussieren, auf alles einlassen. Da kommen manche Sachen zu kurz. Da kann man den Leuten auch nicht sauer sein, aber es ist manchmal schade.

Michaela Boland: Reagierst du noch auf Kritik, insbesondere auf die Meinungen, die da so im Netz grassieren?

Balbina: Selten, weil ich das nicht lese. Ich lese es nur, wenn es mir wirklich ins Gesicht springt. Wenn mir also jemand sagt, „guck mal, der Spiegel hat das und das geschrieben“.

Beim Spiegel wusste ich schon, dass da etwas kommt, da ich dort ja auch ein Interview hatte. Insofern hat mich das schon erreicht. Ansonsten versuche ich schon, mich davor abzukapseln, damit ich mich davon nicht beeinflussen lasse, damit meine Kunst einfach frei bleibt.

Michaela Boland: Wen erreichst du mit deiner Musik in erster Linie?

Balbina: Es ist eigentlich Querbeet. Ich habe letztens ein Konzert in Berlin gespielt und da war ein Herr, der war schon über 60 Jahre alt.

Der hatte mich irgendwo gehört und den hat das so gefesselt, dass er extra aus Ostdeutschland angereist ist. Der hat noch ein Foto gemacht und mir erzählt, wie toll das war. Ich erlebe das ganz häufig.

Es gibt auch kleine Kinder, die meine Lieder singen. Mir hat jetzt jemand drei aufgenommene Videos von seiner Tochter geschickt, wie sie „Pechsträhne“ und „Nichtstun“ singt.

Michaela Boland: Du hast zuvor einen komplett anderen Musikstil gepflegt. In 2011 erschien zwar dein erstes Balbina-Studio-Album, aber als sehr junge Frau warst du mit den Masters of Rap unterwegs. Wie hat sich bei dir dieser Wechsel der Musikrichtung vollzogen?

Balbina: Das ist eine berechtigte Frage. Selbst mein erstes Album klingt ganz anders als dieses neue. Es ist von der Textdichtung, wenn man hinhört, genau die Fortführung des jetzigen.

Wenn man solche Lieder wie “Heizung“, “Film ab“ oder “rasender Stillstand“ hört, ist das schon die Gedankenwelt, die ich jetzt auch habe. Auch “Siegmund, jetzt holen sie mich“.

Nur damals habe ich eben auf Hip Hop-Playbacks recorded. Weil ich eben in diesem Hip Hop-Zusammenhang war. Doch jetzt habe ich den Komponisten, Nico Rebscher, und das ist einfach eine ganz andere Herangehensweise.

Das ist so, wie wenn man einen Film-Soundtrack komponiert. Das erste Album spiegelt mich zu der Zeit super, weil ich einfach in diesem Rap-Umfeld unterwegs war. Aber dieses Filmscore-mäßige wollte ich eigentlich schon immer machen.

Ich wollte mir schon immer so ein bisschen was von Disney-Soundtracks abgucken. Z.B. von Aladdin oder Arielle. Dass einfach jedes Instrument etwas Kleines spiegelt, was gerade passiert. Quasi die Worte illustrieren.

Michaela Boland: Von deiner Anmutung her hätte ich dich nicht in die Rap-Szene – selbst wenn diese Zeit bei dir nun länger zurückliegt- eingeordnet. Keine sichtbaren Tattoos, keine alten Fotos mit zu weiten Rapper-Klamotten etc.

Balbina: Ich habe auch nie gerappt, ich habe immer gesungen.

Michaela Boland: Dennoch hast du dich ja intensiv in diesem Umfeld bewegt.

Balbina: Das ist auch sehr schade, dass der Rap oberflächlich immer unter diesem gefährlichen Gangstermantel bekannt ist. Dabei gibt es viele Rapper, die sehr lyrische und teilweise politische Texte schreiben.

Michaela Boland: Das kenne ich vornehmlich aus Frankreich.

Balbina: Eben. Französischer Rap ist ja beispielsweise auch sehr eingefärbt. Das gibt es in Deutschland auch. Das sind die Leute, die mich inspiriert haben. Z.B. Justus Jonas, der auf dem Album ist.

Der hat ja wirklich hochgradig kunstvolle Lyrik geschrieben. Ist jetzt auch nicht bekannt in Deutschland, aber er ist ein wahnsinnig toller Texter. Auch das ist ja Rap. Es sind ja nicht nur Party und Gangster und Knarren und Goldketten, es ist eben teilweise auch nachdenkliche Musik.

Michaela Boland: Du hast ja geradezu eine Feen-hafte Erscheinung, kleidest dich stets sehr extravagant. War das schon immer so?

Balbina: Ich arbeite schon sehr lange als Verkäuferin in der Bekleidungsbranche. Das hat sich so ein bisschen entwickelt. Zwar habe ich schon immer für die Musik, aber von der Bekleidung gelebt.

Bis vor kurzem habe ich auch noch in einem Laden gearbeitet, der für seinen minimalistischen und avantgardistischen Stil bekannt ist. Das hat mich schon geprägt.

Dieses Umfeld hat mich in jedem Fall in meinem Look und in meinem Auftreten beeinflusst. Auch dass ich diese grafischen und geometrischen Muster, ebenso wie saubere Linien und Formen mag.

Michaela Boland: Entwirfst du für deine Auftritte auch schon mal selbst etwas oder stellst du es einfach nur zusammen?

Balbina: Ich habe eine Freundin, die Designerin ist. Susann Bosslau. Sie designt mir gerade jedes Kostüm auf den Leib.

Ich sage dann zum Beispiel, „ich würde gerne etwas aus Papier haben“. Susann designt quasi in meine visuellen Ideen. Wenn ich sage, „ich habe eine Idee für ein Video, das wird so und so sein, folgende Szenen finden da statt.

Ich brauche jetzt ein Kleid, auf dem Melonen drauf sind“, dann designt sie irgendeinen Schnitt und den Look. Dann kauft sie den Stoff und näht mir dieses Kleid.

Michaela Boland: Kann man sagen, dein Stil ist an irgendetwas angelehnt?

Balbina: Nein, eigentlich nicht.

Michaela Boland: Mich haben nämlich so manche Schnitte ein wenig an die 50-er Jahre erinnert.

Balbina: Ja, total. Komplett. Das ist lustig, dass du das sagst. Das erkennen nicht viele. Das ist komplett die 50-er Jahre-Ästhetik. Von den Farben her.

Und auch mit dieser leicht gebräunten Haut dazu. Ich bin da sehr von Doris Day-Filmen inspiriert. Ich mag die Farben einfach sehr gerne. Bettgeflüster und diese ganzen Filme mit Doris Day und Rock Hudson.

Michaela Boland: Technicolor-Dreams?

Balbina: Genau, technicolor Dreams. Aber nicht in die Lana del Rey-Richtung transportiert, dass es dann Vintage wird, sondern eben neu interpretiert und auf 2015 getrimmt.

Michaela Boland: Das gelingt vorzüglich, denn es sieht wirklich neu aus. Zeichnest du für die Farbkomposition in deinen Videos auch ganz allein verantwortlich? Man hat nämlich das Gefühl, dass hier tatsächlich auf jedes Detail geachtet wird.

Balbina: Ja, ich male das auch vorher.

Michaela Boland: Im Sinne eines Storyboards?

Balbina: Ich male Hintergründe, wo zunächst grob die Farben zu sehen sind und was noch darin ist. Und dann male ich die Dresses rein und das, was dann dort stattfindet.

Anschließend schneide ich das aus und lege es immer wieder neu zusammen. So sehe ich, wie all das miteinander interagieren kann.

Danach fotografiere ich alles ab und schicke es meinem Kameramann Moritz, der gleichzeitig auch mein Schnittmann, Lichtmann, Post-Mann und Special-Effects-Mann ist. Dann sage ich ihm, „das möchte ich gerne machen“. Meistens erwidert er dann „oh Gott“.

Michaela Boland: Es wird aber trotzdem realisiert?

Balbina: Genau. Als ich anfangs Videos machen wollte, haben immer alle gesagt, „das kriegst du nicht umgesetzt. Für das Budget kannst du es vergessen“.

Und dann habe ich das erste umgesetzt, das zweite umgesetzt, das dritte und das vierte. Und alle fanden das krass und fragten mich, ob ich mehr Budget bekommen hätte. Nein, hatte ich aber nicht.

Michaela Boland: Wieviel Zeit wendest du denn dafür noch auf?

Balbina: Also im Kopf auf jeden Fall über mehrere Wochen. Das Hinsetzen und ausschneiden, das nervt mich tatsächlich. Ich habe da immer keine Lust drauf, aber das dauert dann vielleicht zwei Stunden.

Michaela Boland: Arbeitest du immer mit dem gleichen Team?

Balbina: Ja, das sind immer dieselben und das sind meine Freunde. Es ist besser mit Freunden zu arbeiten, denn wenn sie die Vision tragen, dann ist es familiär. Wir arbeiten auch bis vier Uhr morgens, denn wir wollen es halt einfach fertig machen. Da geht es um die Kunst.

Michaela Boland: Ab Mai bist du im Vorprogramm bei Herbert Grönemeyers Tour zu sehen und zu hören. Wie kam es dazu?

Balbina: Ich wurde ihm von seiner Tochter vorgeschlagen, die ja immer so ein bisschen sein Scout ist für neu aufpoppende Bands. Sie hat ihm damals auch schon die Orsons und Dendemann vorgeschlagen.

Er bekommt dann immer so ein paar Vorschläge, nicht nur von seiner Tochter, sondern auch von seinem Management und von seinem Label. Dann guckt er sich das live an und entscheidet sich. Er hat sich dann für mich entschieden.

Michaela Boland: Hat er sich Auftritte von dir angesehen?

Balbina: Er wollte zu meinen Auftritten kommen und hat es nicht geschafft. Doch dann hatte ich das  wahnsinnige Glück, dass ich für Ampya dieses Live-Set gespielt hatte, bevor er sich entschieden hat.

Er war nie in der Stadt, in der ich war und umgekehrt und dann hat er sich dieses Internet-Konzert von Ampya angeguckt. Zwei Tage später hatte ich dann die Zusage.

Michaela Boland: Von ihm persönlich?

Balbina: Nein, die habe ich dann kommuniziert bekommen.

Michaela Boland: Wird das persönliche Kennenlernen dann erst noch stattfinden?

Balbina: Nein, wir haben uns schon im Rahmen des Reeperbahn-Festivals kennengelernt, wo er seine Podiumsdiskussion hatte. Danach habe ich ihn dann kennenlernen und mich mit ihm unterhalten können.

Michaela Boland: Hast du ein besonderes Gefühl für seine Musik?

Balbina: Ja, ich schätze ihn sehr als Musiker und als Textdichter. Ich finde es faszinierend, dass er genau die konträre Herangehensweise an seine Musik hat wie ich.

Da er immer die Texte der Musik anpasst und ich passe immer die Musik den Texten an. Darüber haben wir uns unterhalten und er fand das total lustig und ich ebenso.

Nichts desto trotz ist er für mich tatsächlich einer der größten Musiker und das größte musikalische Vorbild sowieso. Von daher ist es ein Traum, der in Erfüllung geht.

Michaela Boland: Du magst Polka Dots?

Balbina: Ich kenne die Bezeichnung Polka Dots aus dem Modefachhandel. Das bedeutet Punkte. Wenn du ein T-Shirt hast, auf dem Punkte sind, dann sagt man immer Polka Dots.

Da ich ja im Modefachhandel gearbeitet habe, kannte ich diesen Terminus schon sehr lange. Das ist für mich einfach etwas Schönes, Verspieltes. Immer, wenn irgendwo Punkte drauf sind, habe ich sofort gute Laune.

Michaela Boland: Das ist dann wohl der Grund dafür, dass sich jene Polka Dots recht häufig durch deine Videos ziehen?

Balbina: Ja, genau. Ich mag einfach Punkte. Ich kaufe mir auch immer welche. In Berlin gibt es einen Laden, der heißt Modulor. Dort gibt es Kunstfachbedarf, also alles.

Und eben auch diese Punkte in allen Größen und Farben. Ich hole sie mir immer und klebe sie überall drauf. Besonders auf Sachen, die ich nicht mag, oder, die ich vor mir herschiebe.

Ich habe beispielsweise so einen blöden Karton mit Rechnungen oder Sachen vom Finanzamt. Dann hilft es mir manchmal, wenn ich da bunte Punkte aufklebe. Dann habe ich  nicht so eine Angst davor.

Michaela Boland: Für viele vielleicht gar kein so schlechter Tipp.

Balbina: Ich würde eigentlich gerne das ganze Finanzamt mit Punkten bekleben. Ich fürchte mich sehr davor.

Michaela Boland: Du bist in Warschau geboren und hast bis zum Alter von drei Jahren auch dort gelebt. Gibt es dort noch familiäre Verwurzlungen?

Balbina: Ja, Oma und Opa sind in Polen. Ich spreche auch fließend polnisch.

Michaela Boland: Wie oft bist du noch vor Ort?

Balbina: Selten, weil mir mein Job allgemein nicht so viel Zeit zum Reisen lässt. Aber, wenn ich mal reisen kann, dann fahre ich gerne rüber.

Michaela Boland: Waren deine Großeltern schon einmal auf einem Konzert von dir?

Balbina: Ja, beim Sommerfest des Bundespräsidenten.

Michaela Boland: Waren sie stolz auf ihr Enkelkind?

Balbina: Ja, vor allem, weil der Bundespräsident dann auch irgendwann im Publikum saß und geklatscht hat. Das war echt witzig.

Michaela Boland: Als du damals von Polen nach Berlin gekommen bist, warst du ja noch sehr klein. Hast du dennoch Erinnerungen an die Zeit? Wie war das für dich?

Balbina: Daran kann ich mich sogar noch sehr gut erinnern. Ich habe ein sehr gutes Langzeitgedächtnis, aber ein sehr schlechtes Kurzzeitgedächtnis.

Aber so einschneidende Erlebnisse weiß ich noch. Ich kann mich zum Beispiel gut daran erinnern, wie wir die Grenze passiert haben, jene nach Ostdeutschland.

Auch kann ich  mich noch gut an die stehende Mauer und auch den Mauerfall erinnern. Wir haben auch nicht weit von der Mauer entfernt gewohnt. Das war sogar fußläufig.

Michaela Boland: Du hast in Moabit und danach in Neukölln gewohnt. Berlin-Moabit ist ja der Stadtteil, der früher als erstes von Hugenotten besiedelt gewesen sein soll und später dann zu einem traditionellen Arbeiterwohnviertel wurde. Fließen Erfahrungen, die du möglicherweise dort gesammelt hast, vielleicht auch in manche Texte von dir mit ein?

Balbina: Ja, Neukölln ist ja auch ein Arbeiterviertel. In den 90-er Jahren auch teilweise schon wieder zum Ghetto mutiert, jetzt wieder zum Trend.

Ja, klar, davon bin ich schon beeinflusst. Gerade auch in dieser Melancholie, die ich teilweise daraus entwickelt habe. Vor allem, da es ja schon Unterschiede in Berlin gibt.

Beispielsweise zwischen Wilmersdorf und Neukölln. Neukölln ist zweifelsfrei trister und ärmer als ein Wilmersdorfer Bezirk.

Wenn man in Neukölln aufwächst und eben einen gewissen niedrigen Standard kennt, dann beeinflusst einen das natürlich.

Vor allem, wenn man sieht, dass andere Leute es ein bisschen anders haben, grüner und die Spielplätze nicht kaputt sind und auch nicht irgendwelche Junkies an der Ecke stehen.

Michaela Boland: Macht es einen in gewisser Weise vielleicht auch abgehärteter, wenn man in weniger privilegierten Gegenden aufwächst?

Balbina: Ja, erstens abgehärteter, aber zweitens auch wirklich melancholischer, weil man viel Traurigkeit mitkriegt. Ich glaube, wenn man viel mit Traurigem und Schlimmem konfrontiert ist, dann bleibt das so ein bisschen an einem hängen.

Es ist wie so eine Aura, die an einem haftet. Ich glaube, das kann man nie wirklich abschütteln.

Vor allem, wenn man damit aufwächst und wenn man auch im Alltag aufpassen muss, welche Straße man zum Beispiel wählt oder zu welcher Uhrzeit man draußen ist. Das prägt einen schon.

Michaela Boland: Wann bist du glücklich?

Balbina: Wenn ich etwas fertiggestellt habe, was mir gefällt.

Michaela Boland: Dann augenblicklich, Gott sei Dank, häufig?

Balbina: Ja. Wenn es mir gefällt, dann bin ich wirklich glücklich. So war ich beispielsweise total glücklich, als ich endlich mit “Goldfisch“ fertig war. Das war für mich reines Glück.

Michaela Boland: Du hast auch mal  ein BWL-Studium begonnen.

Balbina: Ja, sehr unerfolgreich.

Michaela Boland:  War das so etwas wie ein Plan B für Dich?

Balbina: Ich glaube, Plan B bedeutet immer, dass man sich bewusst für einen Plan B entscheidet oder für einen Plan A.

Dadurch, dass ich immer zweigleisig gefahren bin und von Anfang an akzeptiert habe, dass ich von der Kleidung, aber für die Musik lebe, gab es für mich keine Entscheidung. Dass ich momentan ein bisschen mehr Musik mache, als arbeite, ist so ein fließender Prozess.

Aber, würde es jetzt zum Beispiel so sein, dass meine CDs sich nicht verkaufen oder ich kein Geld verdienen würde, dann hätte ich auch kein Problem damit, in der Produktionsphase der nächsten CD wieder mehr zurückzutreten und wieder mehr zu arbeiten.

Das erdet mich auch und ich finde das auch nicht so schlimm. Für mich ist es so: Ich brauche keinen Plan B, denn ich lebe schon Plan A seit eh und je. Ob ich arbeite oder nicht, es hält mich von der Kunst ohnehin nicht ab.

Jonathan Meese hat ja mal gesagt: „Wenn man Kunst macht und nicht erfolgreich ist, dann darf man nicht beleidigt sein, weil das nicht das Ziel des Kunstmachens ist. Das Ziel des Kunstmachens ist Kunst zu machen.“

Michaela Boland: Warum hast du dich unter diesem Gesichtspunkt für ein betriebswirtschaftliches Hochschulstudium entschieden?

Balbina: Das war reiner Zufall. Ich habe mich für Publizistik, Psychologie und BWL beworben. Ich habe es einfach angekreuzt.

Psychologie habe ich nicht bekommen und Publizistik auch nicht. Da gab es nur sehr wenige Studienplätze und man brauchte einen Abi-Durchschnitt von 1,0. Den hatte ich nicht.

Da habe ich BWL bekommen, doch ich hatte mir das überhaupt nicht überlegt, sondern habe einfach angefangen. Bis zum Vordiplom habe ich es durchgezogen, auch mit mangelndem Interesse.

Einfach aus einer Durchlaufhandlung heraus. Das ist so, wie wenn man neben dem Fernsehgucken Chips ist.

So war das BWL-Studium. Allerdings habe ich dort auch sehr viele Künstler kennengelernt, die ebenfalls Musiker sind und auch malen.

Michaela Boland: Damit rechnet man nicht zwingend.

Balbina: Das ist deshalb so witzig, weil man immer denkt, diese Leute tragen alle weiße Hemden und Krawatten oder tragen alle Brillen. Aber es ist tatsächlich so, dass man nicht immer alles aus Überzeugung macht.

Man macht auch mal Flachs oder man macht manchmal auch nur einfach Dinge. Genau davon handelt auch mein Song “Nichtstun“.

Ich habe halt  nichts getan, also, ich habe etwas getan, das Nichtstun. Und das habe ich da  irgendwie sehr erfolgreich getan.

Michaela Boland: Psychologie hätte dich aber wirklich interessiert?

Balbina: Ja, Psychologie hätte mich tatsächlich interessiert und Publizistik hat mich auch interessiert. Aber im Sinne von Verlagswesen, nicht im Sinne von Journalistik.

Da ich so viel lese, interessiert mich Verlagswesen allgemein. Das habe ich aber nicht gekriegt, sondern BWL und das hat mich wirklich Null interessiert.

Nur Volkswirtschaftslehre fand ich wirklich super, weil da ein paar Zusammenhänge klar wurden. Beispielsweise, wie große Volkswirtschaften funktionieren, was Schulden sind, insbesondere Staatsschulden.

Das ging aber auch nur ein Semester. Der Rest war Finanzierung und irgendwelche Quotienten von irgendwelchen Dividenden.

Michaela Boland: Was fasziniert dich an der Psychologie?

Balbina: Das finde ich wirklich interessant. Ich quäle mich auch immer wieder durch Siegmund Freud-Texte, die ich teilweise auch nicht verstehe. Ich hoffe, dass ich irgendwann mal schlau genug bin, das zu begreifen.

Michaela Boland: Wie sieht es mit Carl Gustav Jung aus?

Balbina: Ich glaube, ich würde mich an Jung erst dann wagen, wenn ich Siegmund Freud rudimentär begriffen hätte. Aber ich lese auch viel über Freud selbst, z.B. Essays.

Die Briefwechsel Freuds mit seiner Tochter kann ich übrigens sehr empfehlen. Teilweise denke ich mir allerdings, Freud war selbst solch eine widersprüchliche Person, auch so hochgradig Kokain-abhängig, dass es das, was er schreibt, schon wieder komplett infrage stellt.

Aber ich möchte erst das, was ich bisher noch nicht begriffen habe,  begreifen, bevor ich ihn infrage stelle und bis ich dann wiederum Jung lesen kann, der ihn infrage stellt.

Michaela Boland: Klingt kompliziert.

Balbina: Ich muss das Thema eben erst mal von hinten aufrollen.

Michaela Boland: Gibt es im deutschsprachigen Musikbereich, abgesehen von Herbert Gronemeyer, eigentlich noch andere Kollegen, die du schätzt?

Balbina: Ja, Judith Holofernes finde ich wirklich super. Sie ist eine ganz tolle Texterin. Dann aus dem Rap-Bereich Justus Jonas, der meiner Meinung nach viel zu unbekannt ist.

Den kennt ja keiner, aber er ist ebenfalls ein sehr guter Texter. Ich finde auch Mieze von Mia super.

Sie textet zwar komplett anders als ich, aber mich berührt einfach, was sie schreibt. Das finde ich einfach wahnsinnig schön.

Ich hatte auch mal das Vergnügen im Vorprogramm bei denen zu spielen. Ich finde bei Menschen wie Judith Holofernes und Mia wird nicht genug wertgeschätzt, wie gut sie sind.

Michaela Boland: Mieze hat ja noch einen größeren Bekanntheitsgrad durch ihr Mitwirken als Jury-Mitglied bei DSDS erlangt.

Balbina: Als ich gesehen habe, dass Mieze bei DSDS war und dies ein Slot war, um vielleicht in den Medien zu sein, ist mir klar geworden, dass dieser kulturelle Dialog, den es viel in Frankreich oder auch in England gibt, hier beispielsweise gar nicht stattfindet. Die Genialität dieser Leute geht komplett unter und das finde ich manchmal schade.

Michaela Boland: Woran liegt das deiner Meinung nach?

Balbina: Ich glaube, teilweise erschrecken sich die Leute vor der Qualität und spielen sie dann runter, um sich davon nicht gefährdet zu fühlen. Mir kommt das jedenfalls einfach zu kurz.

Michaela Boland: Das ist in anderen Ländern nicht der Fall?

Balbina: Nein, hier kritisieren auch immer alle alles. Dann bringt Judith irgendetwas heraus, was ich total genial finde und dann zerreißen sich alle das Maul.

Dann denke ich, warum nehmt ihr das Werk nicht an, wie es ist? Es ist gut, ihr müsst  nicht den Fehler finden. Wieso müssen denn hier alle immer den Fehler finden?

Michaela Boland: Wer sucht, der findet, heißt es.

Balbina: Ja, wer sucht, der findet und das ist so krass! Ich denke, lernt doch, eure Künstler zu schätzen!

Michaela Boland: Käme für dich ein Ruf von DSDS nicht in Frage?

Balbina: Nein, da würde ich lieber Hosen verkaufen. Aber ich bin damit glücklich und mit meinem Lebensstandard komplett zufrieden. Würden nicht ständig irgendwelche Mahnungen kommen, wäre ich noch zufriedener. Aber, mein Gott, auch das ist o.k..

Michaela Boland: Kannst du in dem Bekleidungsladen, in dem du arbeitest, eigentlich jederzeit wieder mehr machen, sollte es nochmal erforderlich werden?

Balbina: Ich habe zum Glück einen tollen Chef.

Michaela Boland: Der deine Musik schätzt?

Balbina: Ja, genau. Die unterstützen mich sehr und die hoffen, dass ich  nicht mehr wiederkomme. Aber, wenn ich wiederkommen sollte, dann habe ich meinen Job in der Herrenabteilung – Herrenanzüge und Knabenanzüge-  wieder.

Michaela Boland: Wenn du vom Fach bist, kannst du bestimmt sofort alle Material-Bestandteile eines Kleidungsstücks erfühlen, oder?

Balbina: Ja, kann ich. Ich sehe auch meistens bei den Herren immer schon die Hosengröße und die Hemdgröße.

Michaela Boland: Bist du eigentlich liiert und in festen Händen?

Balbina: Sage ich nicht.

Michaela Boland: Das ist also geheim?

Balbina: Die ganz privaten Sachen versuche ich für mich zu behalten.

Michaela Boland: Treibst du Sport?

Balbina: Ich jogge. Ich laufe immer gerne Zehn-Kilometer-Strecken. Manchmal nehme ich auch an Läufen teil. Zuletzt bin ich im Herbst in Paris gelaufen.

Aber kein Stresslaufen. Ich mag es einfach loszulaufen und anzukommen. Ich werde von einem Sport-Artikel-Hersteller unterstützt.

Michaela Boland: Interessierst du dich auch für bildende Kunst?

Balbina: Es geht. Ich bin kein Profi, aber, das was ich sehe und was mich interessiert, wie zum Beispiel Tauba Auerbach, die ich absolut super finde, das bekomme ich mit.

Michaela Boland: Engagierst du dich in irgendeiner Form? Sozial oder politisch?

Balbina: Ich engagiere mich privat ein bisschen für den Tierschutz, Aber wirklich privat, das verbinde ich nicht mit der Musik. Aber, ich würde nicht sagen, dass ich da groß aktiv bin. Da gibt es Menschen, die viel mehr machen als ich. Dennoch habe ich dafür ein Auge, weil ich Tiere sehr mag.

Michaela Boland: Was liest du gerade?

Balbina: Ich lese gerade “Paradies der Damen“ von Emile Zola. Da geht es um das erste große Kaufhaus in Paris. Ich denke,  in Anlehnung an das Lafayette.

Es handelt von dem sozialen Konflikt, dass durch dieses Kaufhaus all die kleinen umliegenden Stoffläden Bankrott gehen, weil alle in diesem großen tollen neuen Einkaufsparadies kaufen wollen. Da findet sich natürlich auch das Interesse meinerseits an Kleidung und Mode wieder.

Michaela Boland: Liest du das Buch auf Deutsch oder direkt in französischer Sprache?

Balbina: Auf Deutsch. Ich kann auf Französisch nur: „Je veux un jambon s`il vous plait(Anm. d. Red.: Ich möchte bitte einen Schinken) Das wars.

Michaela Boland: Noch aus der Schule?

Balbina: Ja.

Michaela Boland: Prima. Verfolgst du derzeit die politische Situation besonders in Osteuropa?

Balbina: Ja, aber ich äußere mich in Interviews meistens nicht dazu. Ich verfolge das schon, aber ich habe zu wenig Wissen und man hat zu viel Verantwortung, wenn man in der Öffentlichkeit steht, als dass ich mich dazu äußern könnte.

Michaela Boland: Liebe Balbina, ganz herzlichen Dank für dieses ausführliche Interview. Für deine Zukunft im Musikgeschäft viel Erfolg.

 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

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