13.04.2011 Der Naika-Foroutan-Typus

Von Martin Lichtmesz - Der Anti-Sarrazin- und Anti-Integrations-Sammelband „Das Manifest der Vielen“

von: Martin Lichtmesz

Der Anti-Sarrazin- und Anti-Integrations-Sammelband „Manifest der Vielen“ wurde am Donnerstag im Berliner Maxim-Gorki-Theater vorgestellt. 

Es gab Autorenlesungen, ein Rap-Video, in dem Sätze aus dem „Manifest“ zu einem unglaublich schlechten Song verknödeldeutscht wurden, und ein Live-Interview mit Naika Foroutan, der Lichtgestalt der Sarrazin-Hasser, die lustigerweise als Koryphäe nüchtern-emotionsloser Wissenschaftlichkeit präsentiert wurde. Gleich zu Beginn der Vorstellung hatte auch die Sezession einen etwas skurrilen Gastauftritt.

Die Süddeutsche Zeitung

Die Polizei bleibt auch bis zum Ende, um die Besucher und Gäste des Gorki-Theaters zu schützen. Wolfgang Farkas vom Blumenbar-Verlag bekommt Hassmails, seit auf der Internetseite des Verlags für das neue Buch geworben wird. Das hat ihn erschrocken. In rechten Online-Postillen kann man jetzt lesen, dass jeder Beitrag in dem Buch wie eine Patrone sei, mit der eine Waffe geladen würde. „Da habe ich schon ein bisschen Angst bekommen“, gibt Farkas zu. Es waren dann die vielen Autoren, die ihm die Angst genommen haben. „Da brauchst du keine Angst haben“, sagten sie, „da gewöhnst du dich dran.“

Das bezog sich offenbar auf meine ausführliche Rezension des Buches, in der ich abschließend schrieb:

Ich glaube, daß die Kulturkämpfer, die „Deutschland neu erfinden wollen“, möglichst zu ihrem Vorteil und möglichst ohne Mitspracherecht der quantité negligable der Autochthonen, deren Widerstand und deren Identität sie diffamieren, während das Land dank seiner zunehmenden „Pluralität“ schon an allen Ecken und Enden zu brennen und auseinanderzufallen beginnt, – daß diese Kulturkämpfer keine Vorstellung davon haben, was sie mit ihrer Egozentrik, Anmaßung und Arroganz für einen Haß auslösen.

Ein Freund gab mir das „Manifest der Vielen“ mit der Bemerkung, daß dieses Buch in ihm Angst und Beklommenheit hervorgerufen hätte. Es zeige gerade dort, wo es sich „kritisch“ und „zukunftsträchtig“ gäbe, wo es Deutschlands „Abschaffung“ bejuble und umdeute, wie heillos, hoffnungslos verfahren die Lage sei. Mehr noch: eine hilflose Wut stieg in ihm auf über die Unverschämtheit, Unredlichkeit, Heuchelei, Respektlosigkeit und tiefe Verlogenheit, die daraus spreche. Nach der Lektüre fühlte er sich unter Spannung wie eine geladene Waffe. Mit jedem Beitrag, den er las, war es ihm, als würde mit einem leisen Klicken eine weitere Patrone ins Magazin gedrückt.

Wie man aus dem Zusammenhang ersehen kann, handelte es sich bei dieser zugespitzten Formulierung um die Momentaufnahme einer aufgestauten Emotion und nicht um eine „Drohung“. Ich habe lange gezögert, ob ich sie in ihrer Schärfe wiedergeben soll, ahnend, daß sie sowohl Aufmerksamkeit sichern, als auch Mißverständnisse provozieren wird.

Die Ohren werden sich spitzen, aber werden sie auch hören? („Zuhören geht immer“, heißt es in einem Beitrag des Buches.) Den Ausschlag gaben schließlich die letzten Sätze des Aufsatzes von Naika Foroutan.

Sie schreibt, die derzeitige Krise des „pluralen Deutschland“ erzeuge „Reaktionsmechanismen von Rückzug, Abschottung, Apathie, Agression bis Angst und Widerstand.“ Hier läßt sie noch offen, ob sie autochthone oder „migrantische“ Deutsche beschreibt, oder alle beide.  In den nächsten Sätzen scheint sie sich allerdings selbst deutlich zu positionieren:

Trotz, Wut, Fassungslosigkeit und eine klare Erkenntnis – wir gehen nicht weg von hier. Das hier ist auch unsere Heimat.

Das sind in der Tat Gefühle, die in diesen letzten Monaten viele Deutsche beschlichen haben, seit sie eine „klare Erkenntnis“ über diese von niemandem bestrittenen Zahlen und Fakten gewonnen haben:

Zu verlangen, daß die Deutschen angesichts dieser Lage keine Beklemmung und Angst (Foroutan spricht von „Ressentiments“) empfinden sollen, ist schon viel. Noch viel mehr ist es, von ihnen abzuverlangen, dieser Zukunft auch noch freudig entspannt und widerstandslos, oder gar mit Begeisterung entgegenzublicken. 

Das zukünftige „plurale Deutschland“, das Foroutan offenbar als unausweichlich ansieht, meint nichts anderes als einen Vielvölkerstaat, ein Mega-Jugoslawien, in dem die Deutschen teils mit anderen vermischt, teils zu einer Ethnie unter anderen geschrumpft sind.

Es wäre indessen naiv zu glauben, daß alles, was heute von den Migranten an Deutschland noch geschätzt wird, insbesondere die so beliebten deutschen Sozialsysteme, dann so weiter funktionieren werde und könne wie bisher.

Foroutan drückt sich dabei beharrlich um die Basis von Sarrazins Argumentation herum, die viel entscheidender ist als der richtige Prozentsatz an Kopftuchträgerinnen und türkischen Abiturabschlüssen: nämlich die Gretchenfrage, ob denn überhaupt noch ein territoriales und kulturelles Vorrecht der authochtonen Bevölkerung gegenüber den Eingewanderten Gültigkeit haben soll. 

Dabei steht sie nur knapp davor, offen auszusprechen was in ihren Texten implizit angelegt ist – daß uns dieses Recht nicht mehr zustehen soll, daß das Beharren darauf „rassistisch“ sei.

Der Begriff („Heymat“, so der anheymelnde Name ihres von der Humboldt-Uni aus betriebenen Kulturkampfprojektes) entstand in Abgrenzung zum Begriff der alteingesessenen Deutschen, die für sich Etabliertenvorrechte reklamieren. Er soll verdeutlichen, dass Deutschland und Deutsch-Sein sich wandeln, und die ehedem ethnischen Zuschreibungskriterien für Deutsch nicht die reale Bevölkerungsstruktur und Zusammensetzung des Landes wiederspiegeln, sondern auf essenzialisierenden Konstrukten von Kultur, Nation und Ethnie beruhen.

Foroutan, die nicht von ungefähr von ihrer Szene zum zentralen „Anti-Sarrazin“ erkoren wurde, spricht mit einem Selbstbewußtsein, als hätte sie den Wind des Weltgeistes selbst im Rücken. 

Wer kann ihr das verdenken? Die demographische Tendenz muß den türkisch-arabisch-muslimischen Migranten kein Kopfzerbrechen bereiten, denn sie verspricht ihnen bloß Vorteile, Raumgewinn und Machtzuwachs.

Sie können es sich leisten, mit den Schultern zu zucken und „Na und?“ zu sagen, wenn statistische Hochrechnungen ihnen versichern, daß „Deutschland“ unsereinen inklusive Sarrazin langsam, aber sicher abschafft. Es ist alles eine Frage der Zeit!

Man kann über diese Dinge kaum Klartext reden, weil die Methode Foroutan mit einer gesellschaftlich gesponserten Kautschukmauer aus liberalen double-binds arbeitet. Es soll vertuscht werden, daß sich heute in Deutschland deutlich unterscheidbare ethnische Gruppen mit unterschiedlichen Loyalitäten und Identifikationen gegenüber stehen und zunehmend in ihren Interessen kollidieren.

Der Phantasie, die nötig ist, um sich um diesen heißen Brei herumzureden, sind dabei keine Grenzen gesetzt. Das führt nicht selten zu Verlegenheitsstilblüten wie etwa in Foroutans Klage, daß heute aus „postmodernen neuen Deutschen wieder Ausländer“ gemacht würden.

Aus ein- und derselben Ecke wird einerseits das Oxymoron einer „gemeinsamen Identität, die sich nicht über Herkunft definiert oder Religion oder Kultur“ (Foroutan) als Modell für Deutschland propagiert, andererseits ein manifester Kulturkampf in eigener Sache betrieben.

Schon allein der Titel „Manifest der Vielen“ ist Augenauswischerei und Wortklingelei. Der Großteil der Texte ist durchaus und sehr einfach auf einen politischen Nenner zu bringen – ganz im Gegensatz zur Meinung eines Autoren des Tagesspiegels.  Und das ist unterm Strich nicht die „grundgesetzlich verbürgte Freiheit des Einzelnen“, die nur als argumentative Brausetablette dient, um der eigenen Gruppe Raum und Geltung zu bahnen.

Für Außenstehende der migrantischen „community“ springt nämlich eher und mit aller Deutlichkeit ins Auge, was die teilnehmenden Autoren gemeinsam haben, als was sie trennt. 

Es wäre Unfug zu leugnen, daß sie sich ganz offensichtlich aufgrund ihrer gemeinsamen oder zumindest sehr ähnlichen Herkunft, Religion und Kultur miteinander solidarisieren, und nicht etwa, weil sie „vielfältige“ Individuen und sonst nichts wären. (Geradezu lächerlich absurd und verlogen ist die Behauptung, hier formiere sich ein von außen aufgezwungenes „Wir“.)

Diese Entwicklung bestätigt auf ein Neues, was ich schon vor Monaten in dem Sezession-Sonderheft Sarrazin lesen“ vermutet habe:

Selbst ein assimilierter und aufgeklärter „Deutschländer“-Türke wird gegenüber den Kopftuchmädchen, Islampredigern und Straßengangjungs gewisse familiäre Gefühle hegen, die er den angestammten Deutschen nicht entgegen bringen kann.

Das gilt wohl in der Regel auch, wenn er etwa der Meinung ist, die Kopftücher sollten lieber verschwinden, die Islamprediger sich mäßigen, die Straßengangjungs gefälligst in die Schule gehen und anständiges Deutsch lernen.

Nach dem Motto: Hier mögen große und drängende Probleme und Mißstände liegen, – aber es sind immer noch „unsere Leute“. Das ist nun absolut verständlich. Angela Merkel hatte recht, daß Sarrazins Buch „verletzend auf Menschen in Deutschland“ wirke.

Und auch die Schlagzeilen der Bild-Zeitung, die für Sarrazin nach Aufmerksamkeit heischten, haben die einen erleichtert, die anderen amüsiert, wieder andere aber geradezu beleidigt. Die Emotionen aber sind es, die den Ausschlag geben.

Wir erleben, wie eine große Zahl der jungen migrantischen Intellektuellen fast schon instinktiv Partei für die eigene ethnisch-kulturelle Gruppe ergreift und dabei durchaus pauschal in Schutz nimmt.

Ich bin mir sicher, daß kaum einer von ihnen Sarrazins Buch wirklich ernsthaft studiert hat – die meisten werden sich mit den von der Presse kolportierten Schlagern begnügt haben, die wohl ausreichend waren, um bei ihnen die Gitter hochfahren zu lassen.

Gleichzeitig werden Leute wie Necla Kelek zunehmend mit jener spezifischen Verachtung bedacht, die man sonst für Verräter, Kollaborateure und Überläufer reserviert.

Wo sind nun die „vielen“ Stimmen der Deutschen, wo ihre Emotionen, ihre Erzählungen, wo ihre Bekenntnisse und Geschichten und Manifeste? Jene Deutschen, denen man systematisch ausgetrieben hat, „Wir“ und „Unser“ sagen zu dürfen? Also sprechen wir zur Abwechslung ein bißchen von uns selbst, aber erstmal nur indirekt.

Die Migranten haben leicht reden, wenn sie sich aus der Perspektive ihrer eigenen subjektiven Herkunftsgeschichte heraus über uns „Biodeutsche“ lustig machen oder daran Zweifel anmelden, „ob man so klar sagen könnte, wer deutsch ist und wer nicht“ ( so die iranischstämmige Schauspielerin Pegah Ferydoni).

Sie haben leicht reden, wenn sie von uns, die wir nicht wie sie als kulturelle Hybride aufgewachsen sind, abverlangen, mit ihnen „zusammen“ eine „gemeinsame“ Identität zu definieren.

Denn das bedeutete nichts anderes, als daß wir unsere eigene Identität nun auch spalten und zum Teil preisgeben sollen, ohne daß uns daraus die geringsten Vorteile erwüchsen.

Sie haben leicht reden, wenn sie Sprüche klopfen wie „man muß neugierig sein, damit das Fremde eine Chance bekommt“ (Ali Kizilkaya), und mit dem „Fremden“ bequemerweise sich selbst meinen, auf das wir anderen „neugierig“ sein sollen (und „müssen“?).

Sie haben leicht reden, wenn sie uns „Rassismus“ vorwerfen, von dem sie selbst sich frei wähnen, und wenn sie aus der Froschperspektive ihrer „community“ heraus uns lediglich als eine gesichtslose „Mehrheitsgesellschaft“ aus „Rassisten“ betrachten können, deren alltägliche negative Erfahrungen und Ängste sie nicht zu respektieren gewillt sind.

All das sind Dinge, die tagtäglich das Pulverfaß ein bißchen mehr stopfen, und ich gebe Naika Foroutan und Konsorten eine erhebliche Mitschuld daran, auch wenn sie vermutlich ebenfalls in aller subjektiven Unschuld jenen ideologischen Verblendungen unterliegen, die sie mit dem prä-sarrazinischen politischen und medialen Mainstream teilen.

Zum Schluß: daß es soweit kommen konnte, ist nicht die Schuld der Migranten, sondern die logische Quittung für eine jahrzehntelange inkonsequente und schwache Integrations- und Selbstbehauptungspolitik der Deutschen.

Sie haben selbst ihre eigene Mitte preisgegeben, und dürfen sich nun nicht wundern, wenn andere in das Vakuum ihrer Selbstabschaffung und Selbstnegierung eindringen.

Man kann es keinem Migranten verdenken, wenn er heute die Forderung nach „Integration“ gelangweilt bis gereizt zurückweist, weil er diese, völlig zu Recht, als „Phrase ohne tieferen Sinn“ betrachtet.

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