19.10.2019 mal was über Gedichte

Poesie für den Herbst - Lorca-Gedichte aus und über New York

von: GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Meine erste Begegnung mit dem Werk Federico Garcia Lorcas hatte ich Ende der 80er Jahre in Hamburg. Am Schauspielhaus inszenierte der grandiose Peter Zadek Lorcas Theaterstück „Yerma“ mit der wunderbaren Eva Mattes in der Titelrolle.

Obwohl Lorcas Poesie nur unzureichend aus dem Spanischen ins Deutsche übersetzt werden kann, schien das Zadek-Ensemble den kulturellen wie emotionalen Hintergrund Lorcas Kunst zu verstehen und - wichtiger noch - zu fühlen.

Mich jeden Falls haute die Inszenierung total um, so dass ich sie drei Mal hintereinander sah, um tiefer und tiefer in dieses auf so vielen Ebenen funktionierende Kunstwerke zu dringen.

Anfang der 90er Jahre dann war ich Edward Albees Regieassistent für seine Inszenierung des „Lorca Plays“, ein Stück, das er im Auftrag des spanischen Kulturministeriums geschrieben hatte und nun an der University of Houston, wo er Albee auch mein Mentor war, auf die Bühne brachte. Auf die Frage, warum ihn Lorca so interessiere, antwortete Albee mir:

„Er war ein Künstler, er war schwul und er war ein Kommunist. Darum haben ihn die Faschisten 1936 ermordet. Das reicht mir aus für einen Helden.“ Ich glaube, dass das US-amerikanische Publikum das Stück nie zu würdigen wußte; Texas war sicher nicht der richtige Ort für diesen vielschichtigen Poeten.

Nun haben sich unsere Wege, Lorcas und meiner, erneut gekreuzt, und zwar wegen seinen famosen Poesiebands „Dichter in New York - Poeta en Nueva York“, das jüngst in der Bibliothek Suhrkamp - zum Glück zweisprachig - neu erschienen ist und 17 Euro kostet. 211 Seiten plus Anhang.

„Lyrik zum Die-Pulsadern-Aufschneiden“ bezeichnete Lorca, 1898 im andalusischen Teil Spaniens geboren, schon damals die Gedichte, die er 1930 aus New York mit nach Hause brachte; deren Druck, 1940 zum ersten Mal, er aber nicht mehr erlebte.

Es sind unruhige Gedichte eines nicht mehr ganz so jungen Mannes, der sich ganz offensichtlich nicht wohl in New York fühlte, dem das täglich wechselnde Gesicht der Metropole überforderte, der trotzdem weltläufig und urteilssicher über seine Beobachtungen in der Lage zu schreiben war, der sich aber trotzdem immer wieder in der Fremde verliert und ganz sicher kein Buch über New York zurückgelassen hat, sondern durch metaphorische Splitter seine eigene - vielleicht auch unsere - Identitätsnot spiegelt.

Leider ist mein Spanisch zu rudimentär, um die Übersetzung von Martin von Koppenfels beurteilen zu können; Lorcas Gedichte wirken auf jeden Fall auf mich einzeln und als Gesamtkunstwerk nachhaltig, um dieses Modewort zu gebrauchen. Nur leicht sind sie nicht. Sie passen aber wunderbar zum Herbst. Und zu einem schweren Rotwein...

Sönke C. Weiss

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