03.12.2019 In seiner Sammlung „Vier Stücke“

Leben auf die Bühne zu bringen - Theaterstücke sind Literatur

von: GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Selbstverständlich habe auch ich seinerzeit, so um 2005, Daniel Kehlmanns wohl berühmtestes Buch gelesen. Ein Weltbestseller, der sich bis dato weltweit über sechs Millionen Mal verkauft hat. Nichtsdestotrotz konnte ich dem Werk rein gar nichts abgewinnen. Es war mir zu bildungsbürgerlich, um ehrlich zu sein, roch schon aus der Ferne nach Feuilleton und viel zu kluger Konstruktion. Nach dem Motto:

Der Autor ist cleverer als sein Publikum. Kehlmanns weiteren Bücher und die davor habe ich seitdem, muß ich ehrlicherweise zugeben, nur noch kurz angelesen. Doch jetzt habe ich eine ganz andere Seite dieses Schriftstellers kennengelernt, die des Dramatikers. Grandios.

In seiner Sammlung „Vier Stücke“ - bei Rowohlt für 24 Euro erschienen - schafft es Kehlmann tatsächlich, Leben auf die Bühne zu bringen. Glaubhaftes Leben. Unbedingt empfehlenswertes Leben, und wer bislang noch kein Theaterstück gelesen hat, sondern nur als Darstellung kennt, hier einige Anmerkungen meinerseits:

Zu wissen, wie man ein Stück liest, ist keine komplexe oder entmutigende Angelegenheit. Wenn Sie einen Roman lesen und der Schriftsteller Ihnen einen Sonnenuntergang beschreibt, lesen Sie nicht nur die Worte, Sie „sehen“, was die Wörter beschreiben, und wenn der Romancier ein Gespräch beendet, „hören“ Sie still, was Sie automatisch lesen, ohne darüber nachzudenken.

Warum ist dann davon auszugehen, dass ein Spieltext für den Leser weitaus schwierigere Probleme bereitet? Am einfachsten ausgedrückt: Theaterstücke sind Literatur und während sie den meisten Menschen durch Aufführungen zugänglich sind, sind sie vollständige Erfahrungen ohne sie.

Ich bin davon überzeugt, dass bei einer ordnungsgemäßen Aufführung alles verschwinden sollte - Schauspielerei, Regie, Design, sogar das Schreiben - und allein die Absicht des Autors bleiben sollte. Fatal ist die Annahme, dass die Interpretation auf einer Ebene mit der Schöpfung des Stücks steht.

Natürlich ist Ihre Lektüre eines Stücks auch eine Meinung, eine Interpretation, aber Sie haben weniger Hände und weniger Verstand zu beseitigen, um sich mit dem Autor auseinanderzusetzen. Kehlmanns „Vier Stücke“, ohne in weitere Details gehen zu wollen, sind ein großes Vergnügen. Sein oben erwähnter Weltbestseller hieß übrigens „Die Vermessung der Welt.“

Sönke C. Weiss

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